Am 23. Februar 1999 kostet eine gewaltige Lawine 31 Menschen in Galtür das Leben

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Chronik Österreich
02/23/2019

20 Jahre nach der Galtür-Lawine: Die Narben einer Katastrophe

20 Jahre nach der Lawinentragödie von Galtür und Valzur im Paznauntal sind die Wunden verheilt. Die Erinnerung bleibt

Die Stimme von Anton Mattle bricht. Auch 20 Jahre nach der Lawinenkatastrophe macht es dem Bürgermeister von Galtür noch merklich zu schaffen, wenn Szenen vom 23. Februar 1999 vor seinem inneren Auge auferstehen.

Die Nachricht über das erste Todesopfer aus dem Ort ist so ein Erlebnis, das sich eingebrannt hat: „Ein Einheimischer ist mit seinem Sohn zu mir ins Büro gekommen und hat gesagt: Sie haben die Mama gefunden. Da hat das Sterben auf einmal ein Gesicht bekommen“, erzählt Mattle mit glasigen Augen.

Vom Fenster seines Büros sieht der heute 55-Jährige jeden Tag auf den Berghang, von dem sich im Unglückswinter eine Lawine bisher ungekannten Ausmaßes löst. 160.000 Tonnen Schnee donnern mit 250 bis 300 km/h vom Grieskogel auf das 1000 Meter tiefer liegende Dorf.

Unfassbare Gewalt

„Das entspricht einem Gewicht von 4000 Lkw-Sattelzügen“, sagt Rudi Mair, damals wie heute Chef des Tiroler Lawinenwarndienstes, um die Wucht zu verdeutlichen, die von der Jahrtausendlawine ausging.

Mattle sitzt an jenem Dienstag an seinem Schreibtisch, als es gegen 16 Uhr im ganzen Ort dunkel wird. Er läuft hinauf zur Kirche. Schneebedeckte Menschen kommen ihm entgegen. Dann wird klar, der Lawinenkegel liegt mitten im Dorf, der Ortsteil Winkl ist getroffen.

Der Bürgermeister eilt zurück ins Gemeindeamt. Löst Alarm aus. Und ist ab diesem Moment Einsatzleiter in einem Katastrophengebiet.

Ein Wintersturm verhindert bis zum nächsten Morgen Hubschrauberflüge. Die Straße ins Paznauntal ist seit Tagen gesperrt und meterhoch mit Schnee bedeckt. Das Dorf ist auf sich selbst gestellt. Mattle: „Du spürst die Last der Verantwortung. Ich habe mich extrem einsam gefühlt.“

Alleine fühlt sich fast genau 24 Stunden, nachdem die Lawine Galtür getroffen hat, auch Stefan Jungmann. Der Alpinpolizist aus dem benachbarten Ischgl ist mit einem Hubschrauber gerade auf dem Weg zum Weiler Valzur. „Wir wollten die Leute dort evakuieren. Eine Minute, bevor wir eingetroffen sind, haben wir über Funk die Nachricht bekommen, dass eine riesige Lawine abgegangen ist.“

Der Pilot setzt Jungmann ab. „Ich bin alleine auf der Lawine gestanden. Autos sind herum gelegen. Es waren keine Häuser mehr da. Und ich wusste, dass da Leute drinnen waren. Das waren schreckliche Momente“, erinnert sich der 53-Jährige.

Wieder ist das Wetter so schlecht, dass von außen keine Hilfsmannschaften ins Tal geflogen werden können. Der Hubschrauber, der Jungmann abgesetzt hat, holt bei widrigsten Bedingungen Helfer aus Galtür. Ein kleines Mädchen kann noch lebend geborgen werden. Für sieben weitere Menschen kommt jede Hilfe zu spät.

Erwachsene oder Kinder. Urlauber oder Einheimische. Der weiße Tod macht weder in Valzur noch in Galtür, wo 31 Menschen sterben, einen Unterschied. „Die Bilder, die man gesehen hat, vergisst man nicht so schnell“, sagt Jungmann. Das Erlebte habe er zwar gut aufgearbeitet.„Aber es wird jetzt natürlich wieder wachgerüttelt.“

Mit der Tragödie leben

Die Wunden sind verschlossen. Die Narben sind geblieben. „Wir haben gelernt, damit zu leben“, sagt Gemeindemitarbeiter Alex Kurz in Galtür, während er mit einem Müllwagen durch den Ort fährt. Als Bergretter war auch er vor 20 Jahren in seinem Heimatdorf im Einsatz. 80 Einheimische und rund 200 Gäste haben damals nach dem Lawinenabgang nach Überlebenden gesucht. Über 20 Menschen wurden so noch lebend geborgen.

Den Toten wird unter anderem im Alpinarium gedacht. Das Museum wurde in einen 345 Meter langen Lawinendamm integriert, der nach dem Unglück gebaut wurde, um das Dorf zu schützen. Anton Mattle steht am Dach des Walls. Den Grieskogel im Rücken blickt er auf die Häuser, die nach dem Lawinenabgang wieder aufgebaut wurden. Und da sind sie wieder, die schmerzhaften Erinnerungen.