Das ist Urkraft: Weißhaidinger schleuderte vergangenen Samstag in Andorf den zwei Kilogramm schweren Diskus 66 Meter weit

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Chronik Oberösterreich
08/10/2019

Weißhaidinger: Wurf um Wurf näher zum großen Jugendtraum

Diskuswerfer Lukas Weißhaidinger hat sich in der Weltelite festgesetzt. Er kritisiert die Vertreibung der Leichtathleten von der Gugl.

Platz drei in der Weltrangliste – so weit oben stand der Diskuswerfer Lukas Weißhaidinger (27) noch nie. 2019 ist das bisher beste Jahr in seiner Karriere. Mehrmals hat er seine Saisonbestleistung gesteigert, sein bisher weitester Wurf in diesem Jahr gelang ihm in Rabat/Marokko (68,14 Meter). Besser als er sind bis dato nur der Schwede Daniel Stahl und der Jamaikaner Fedrick Dacres. „Bis jetzt läuft alles ganz gut“, sagt der sympathische Innviertler.

147 kg schwer

Weißhaidinger wusste früh, wohin er einmal kommen wollte. Als er seinerzeit mit 13 Jahren bei seinem ersten Trainer Josef Schopf vorstellig wurde, fragt er, ob er einmal Olympiasieger oder Weltmeister werden könne. Diesem hochgesteckten Ziel kommt er dank großem Talent und unbändigem Fleiß näher und näher. Für die heurige WM hat er sich bereits Anfang April qualifiziert (66,22 Meter), für Olympia 2020 in Tokio im Mai (66,90). Die WM findet Ende September in Doha/Katar statt, das ist eher spät im Jahr. Und Weißhaidinger möchte klarerweise nicht nur dabei, sondern auch in Hochform sein. Das erfordert Planung. „Man kann nicht ein ganzes Jahr 70 Meter werfen“, erklärt er. „Meistens hat man fünf bis sechs Wochen eine Platzform, mit der man konkurrenzfähig ist.“

 

Denn wenn man sich vom Training her müde fühle, klappe oft der Bewegungsablauf nicht. Deshalb muss die Saison portioniert werden: in Training und in Zeiten, in denen Bestleistungen grundsätzlich möglich sind. „Es gibt Wettkämpfe, die sehr wichtig sind und bei denen man auch Geld verdienen kann“, sagt Weißhaidinger. Das Diamond-League-Finale Anfang September in Brüssel gehört dazu, dort geht es um 50.000 US-Dollar.

Technik, nicht Kraft entscheidet

Weißhaidinger ist 1,96 Meter groß und 147 Kilo schwer, das ist in etwa sein Wettkampfgewicht. Auch wenn Diskurswerfer generell ziemliche „Bröckerl“ sind, sei Kraft nicht das Entscheidende, erklärt er: „Das Wichtigste ist die Technik, daran feilen wir am meisten.“ Diskuswerfen ist eine überaus komplexe Disziplin, in der sich in Sekundenbruchteilen entscheidet, ob ein Wurf gelingt. Um die zwei Kilo schwere Scheibe aus einer dynamischen Drehbewegung heraus über große Distanzen zu schleudern, braucht es maximale Energie, Schnelligkeit, Timing, Rhythmus, Koordination.

Neuralgische Stelle Sprunggelenke

Die Sprunggelenke sind eine besonders neuralgische Stelle, auf sie wirken enorme Kräfte ein. Deswegen muss in einer intensiven Trainingsphase ständig auf die Balance zwischen starker Belastung und Regeneration geachtet werden. Das Wichtigste sei jetzt, gesund zu bleiben und sich nicht zu verletzten. „Das ist die oberste Prämisse“, sagt Weißhaidinger. Zum allgemeinen Wohlbefinden trägt auch das Innviertel bei, wohin es ihn regelmäßig zieht. „Wien ist nicht so ganz meine Welt. Wenn ich zu lange dort bin, schaue ich, dass ich wieder heimkomme.“ Schließlich kann er dort auch optimal trainieren.

 

Weißhaidinger wusste nicht nur früh, wohin er wollte, sondern auch, was es dazu brauchte. Auf dem Anwesen des Bruders in Taufkirchen/P. (Bez. Schärding) richtete er in der Scheune eine Trainingshalle ein, die sich öffnen lässt und Würfe ins Freie erlaubt. „Ich habe damals einen Kredit über 50.000 € aufgenommen, um zu den Olympischen Spielen zu kommen“, erzählt er.

Olympiazentrum

Umso mehr ärgere ihn, wenn auf der Linzer Gugl die Leichtathletik dem Fußball weichen soll. „Ich habe nichts gegen Fußball“, sagt er. Mit der Vertreibung der Leichtathleten würde aber das Olympiazentrum enorm abgewertet. Dort müsse man alles vorfinden, um konkurrenzfähig zu sein. Ob Athleten an die Spitze gelangen, liege meistens nicht an ihnen, sondern an der Infrastruktur, weiß Weißhaidinger. Insofern tue es ihm „extrem weh“, wenn sie um ihre Chancen gebracht würden. Gerade Oberösterreich erwarte von seinen Sportlerinnen und Sportlern Erfolge: „Wenn man ihnen den Arbeitsplatz wegnimmt und andererseits Medaillen fordert, ist das besonders ungerecht.“

Das Ziel sind 70 Meter

Weißhaidingers Arbeitsplatz befindet sich in der Südstadt bei Wien, wo er ideale Bedingungen vorfindet. Etwa auch in Gestalt eines Trainingsgeräts, das er zusammen mit seinem Trainer Gregor Högler, einem studierten Maschinenbauer, und Vater Franz entwickelt und gebaut hat. Das Ding ist top secret und auf Weißhaidinger zugeschnitten. Es dient im Wesentlichen dazu, den Abwurf zu simulieren. Dabei werden die letzten drei Meter der Wurfbewegung geübt – immer und immer wieder. An die 300 Würfe können so in eineinhalb Stunden absolviert werden, wofür auf dem Platz ein ganzer Tag aufgehen würde.

Weltrekord: 74,08 Meter

Mit hoher Intensität werden gezielt jene Muskelgruppen trainiert, auf die es im Wettkampf speziell ankommt. Zudem wurde auf dem Trainingsgelände in der Südstadt exakt 70 Meter vom Wurfring entfernt ein Baum gepflanzt. Er markiert Weißhaidingers Fernziel. Von seiner Bestleistung 68,98 – aufgestellt im Vorjahr – fehlt nur noch etwas mehr als ein Meter. Ein gutes Stück ist es dann noch zum Weltrekord von 74,08 m, aufgestellt im Jahr 1986.

Autor: Gerhard Marschall