The house in which Adolf Hitler was born is seen in the northern Austrian city of Braunau am Inn September 24, 2012. A suggestion to turn the Austrian house where Adolf Hitler was born into normal residential space has triggered a debate about how best to use an empty property still laden with historic baggage decades after World War Two ended. The man who became Nazi dictator was born in the house in Braunau on the Inn, a town near Salzburg on the German border, in April 1889. His family lived there only three years, but his link to the three-storey building has left an indelible mark. REUTERS/Dominic Ebenbichler (AUSTRIA - Tags: SOCIETY POLITICS)

© Reuters DOMINIC EBENBICHLER

Chronik | Oberösterreich
11/24/2012

Was tun mit Hitlers Geburtshaus?

Der Bürgermeister wollte es zu einem Wohnhaus umbauen, ein Russe wollte es kaufen und abreißen. Was wirklich aus dem Gebäude wird.

Sie ist wieder einmal im Gespräch, und das seit Wochen schon: die oberösterreichische Stadt Braunau, samt dem in ihrem Zentrum gelegenen Geburtshaus Adolf Hitlers. Die ungewollte „Publicity“ begann damit, dass der Bürgermeister von Braunau vorschlug, in dem leer stehenden Gebäude Wohnungen zu errichten. Den Protesten, dass das Haus ein attraktiver Wohnort für Neonazis werden könne, folgte die Idee eines russischen Duma-Abgeordneten, der das alte Gemäuer kaufen und abreißen wollte. Damit war es soweit, dass die Meldungen um die mögliche Zukunft des ungeliebten Hauses um die Welt gingen. Und dass die Stadt Braunau einmal mehr als das dasteht, was sie seit Jahrzehnten abzuschütteln versucht: Als „Geburtsstadt des Führers“.

Vorweg: Beide Ideen um das Haus mit der Braunauer Adresse „Salzburger Vorstadt 15“ erweisen sich als undurchführbar. ÖVP-Bürgermeister Johannes Waidbacher erklärte nach dem enormen Wirbel, den sein Vorschlag in deutschen, amerikanischen, britischen, italienischen, ja sogar indischen und chinesischen Zeitungen und TV-Stationen hervorrief, dass der Plan „vom Tisch“ sei. Und abreißen kann man das aus dem 17. Jahrhundert stammende Anwesen schon gar nicht, weil es als Teil eines historischen Ensembles unter Denkmalschutz steht.

Wie ist es möglich, dass man fast 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs noch immer nicht weiß, was man mit Hitlers Geburtshaus anfangen soll? Beantworten lässt sich diese Frage nur durch eine sehr österreichische Geschichte, in deren Mittelpunkt Politik, Bürokratie, Geld und die Hoffnung stehen, dass sich das Problem irgendwie „von selbst“ lösen wird. Aber das Problem lässt sich nicht von selbst lösen. Weil das Gebäude eine Eigentümerin hat, die bisher alle Maßnahmen blockierte.

Drei Lebensjahre

Adolf Hitler kam hier am 20. April 1889 als Sohn der Klara und des Zollbeamten Alois Hitler in einer kleinen Mietwohnung im ersten Stock zur Welt, blieb aber nur drei Jahre, weil die Familie dann nach Passau übersiedelte. Im Jahre 1912, als er bereits als gescheiterter Kunstmaler in einem Wiener Armen-Asyl lebte, wurde das Haus in Braunau von der Familie Pommer gekauft, die im Erdgeschoß einen Gasthof betrieb. Wer heute, genau 100 Jahre später, im Grundbuch von Braunau nach der Eigentümerin des Hauses sucht, stößt auf denselben Familiennamen: Gerlinde Pommer. Dazwischen hat die Familie eine ganze Menge Geld an der zweifelhaften Prominenz der Immobilie verdient: Gleich nach dem „Anschluss“ im März 1938 wechselte das „Hitlerhaus“ den Eigentümer, da die NSDAP das Gebäude, in dem ihr Idol das Licht der Welt erblickte, zum „Kulturzentrum“ erklären wollte. Hitlers Privatsekretär Martin Bormann leitete die Verkaufsverhandlungen und zahlte der Familie Pommer für das Haus 150.000 Reichsmark und damit den vierfachen Betrag seines tatsächlichen Wertes.

Gegen Kriegsende schwand das Interesse an dem symbolträchtigen Gebäude, im Mai 1945 sollte es sogar von einem deutschen Stoßtrupp gesprengt werden, was von US-Soldaten verhindert wurde. Jetzt wollte keiner mehr das rund 500 Quadratmeter große Eckhaus besitzen – mit Ausnahme der Familie Pommer, die es 1952 für 150.000 Schilling zurückkaufte, die einem Bruchteil des einstigen Verkaufspreises entsprachen.

In dritter Generation

Und die Familie Pommer besitzt es heute noch, mittlerweile in dritter Generation. Nach dem Krieg beherbergte das Haus eine Stadtbücherei, eine Bankfiliale und zwei Schulen. Seit 1972 ist das Innenministerium der Republik Österreich Hauptmieter des Gebäudes, um zu verhindern, dass sich darin Alt- oder Neonazis ansiedeln. Zuletzt war das Haus an eine Wohn-Werkstätte der Behinderteninstitution Lebenshilfe untervermietet. Als jedoch Umbauten für einen Lift und einen barrierefreien Zugang nötig wurden, verweigerte Gerlinde Pommer die Zustimmung, weshalb die Lebenshilfe im Vorjahr den Vertrag kündigte und in ein für ihre Zwecke geeignetes Objekt übersiedelte.

Doch Frau Pommer bekommt nach wie vor monatlich 4700 Euro, denn das Innenministerium zahlt die Miete, auch wenn das Haus leer steht. Eigenartig ist auch, dass Frau Pommer es 1989 ablehnte, eine vom damaligen Bürgermeister initiierte Gedenktafel an der Fassade des Hauses anbringen zu lassen, angeblich weil sie Angst vor Anschlägen hatte. Worauf ein Mahnstein mit der Aufschrift „Für Frieden, Freiheit und Demokratie. Nie wieder Faschismus. Millionen Tote mahnen“ direkt vor dem Haus, auf öffentlichem Grund, aufgestellt wurde.

Der Innsbrucker Politologe Andreas Maislinger hat seit zwölf Jahren ein Konzept für eine Nutzung des Objekts parat. Er schlägt ein „Haus der Verantwortung“ vor, das sowohl in die Vergangenheit als auch in die Zukunft weist, in dem sich junge Menschen aus aller Welt treffen, Ausstellungen stattfinden. Die zuletzt geführten Verhandlungen mit dem Innenministerium verliefen vielversprechend.



Jedoch: Es gibt keinen Kontakt mit Frau Pommer, die Hauseigentümerin verweigert jedes Gespräch mit dem Ministerium, der Stadtverwaltung, mit Andreas Maislinger, und sie gibt auch keine Interviews. Ihr Anwalt bestätigt dem KURIER, dass Frau Pommer „zu keiner Stellungnahme bereit“ sei. Und auch er selbst sagt kein Wort.

Andreas Maislinger denkt nun daran, das „Haus der Verantwortung“ so zu gestalten, dass zwar dringend nötige Renovierungsarbeiten, aber keine baulichen Veränderungen durchgeführt werden. Damit müsste Frau Pommer nicht um Einwilligung gefragt werden.

Fast 70 Jahre nach dem Ende der Nazizeit muss in Österreich immer noch getrickst werden, um eine vernünftige Lösung für die Zukunft von Hitlers Geburtshaus zu finden.