Vom „Craft Beer Fest“ bis zur Titanic-Ausstellung: Das Areal der Linzer Tabakfabrik ist eine gefragte Event-Location.

© honorarfrei/Florian Voggeneder

Tabakfabrik Linz
04/08/2016

"Tschickbude" wurde Zukunftsfabrik

Auf einem historischen Industrieareal der Linzer Tabakfabrik werden Zusammenarbeit und Zusammenleben neu gedacht.

von Christoph Weiermair

Es summt schon im großen Bienenstock, auch wenn einzelne Waben noch unbesiedelt sind. Seitdem in der Linzer Tabakfabrik Ende 2009 die letzte Zigarette eingeschachtelt wurde, ist neues Leben in den altehrwürdigen Industriekomplex aus dem Jahr 1935 eingekehrt. Der Stahlskelettbau im Stil der Neuen Sachlichkeit von Peter Behrens, farblich in Türkis und Weiß gehalten, gilt als architektonisches Juwel – und eignet sich vortrefflich dafür, ihm neues Leben einzuhauchen.

Keiner weiß das besser als Chris Müller (42). "Am Anfang haben viele geglaubt, dass wir hier etwas mit Seidentuch-Malerei und Kartoffeldruck machen. Dass wir erst um vier Uhr Nachmittag aufstehen und viel Rotwein trinken", sagt der künstlerische Leiter der Tabakfabrik. Müller, schwarzer Anzug, das Haar gegelt, funkelnde Augen, ist so etwas wie ein Hansdampf in all den endlosen Gängen der ehemaligen "Tschickbude" mit ihren 80.000 Quadratmetern Nutzfläche. Um mit der Fabrik eins zu werden, verbrachte er einsame Nächte in einem Kammerl im Bau eins. Das war kurz nachdem ihn die Stadt Linz beauftragt hatte, die Zwischennutzung des 2010 um 20,4 Millionen Euro erworbenen Areals zu managen.

Coworking Loft

Sechs Jahre später kann Chris Müller deutlich mehr vorweisen als Kartoffeldruck und Seidentuch-Malerei. Er spaziert durch die Titanic-Ausstellung, die derzeit in der Tabakfabrik vor Anker liegt und Tausende Besucher anzieht. Auch für Messen, Konzerte und Partys ist die "Tschickbude" mittlerweile ein angesagter Veranstaltungsort. Aber nicht nur das: Auf einer Etage von Bau zwei, der schon fast vollständig genutzt wird, erwartet uns Iris Mayr. Sie managt eine "Coworking Loft", ein Großraumbüro, wo man Grafiker und PR-Berater ebenso antrifft wie Wohnpsychologen.

Jeder, der ins Konzept passt, kann einen Desk für mindestens zehn Stunden im Monat mieten – flexibel, ohne lange Bindungsfrist. "Je mehr Individualismus es gibt, desto größer ist die Sehnsucht nach Gemeinsamkeit", sagt Mayr. Die "Ich-AGs" lernen sich kennen, gehen gemeinsam Mittagessen und arbeiten irgendwann vielleicht sogar zusammen.

Ein Stichwort für Chris Müller: "Die Tabakfabrik soll ein kollaborativer Konzern sein." Wenn zum Beispiel jemand aus alten Badewannen Sofas designen möchte, bekäme er hier nicht nur ein Büro. Er erhalte auch leichter Zugang zu 1000 alten Badewannen und habe auch die Infrastruktur, daraus die Sofas produzieren zu lassen. Präsentationsfläche inklusive.

Kreativketten

Theoretischer formuliert, sollen in der Tabakfabrik ganze Kreativketten entstehen, von Forschung und Wissenschaft über Kunst und Handwerk bis hin zu geistigem und materiellem Konsum. "Die Fabrik hat verschiedene Logistikringe in sich. Wir siedeln die Mieter mit ihren Disziplinen so an, dass der, der vorne ist, dem anderen etwas übergibt. Seit 343 Jahren wird an diesem Ort produziert. Und das wird weiterhin so sein" sagt Müller.

Das Interesse, Teil der mittlerweile europaweit beachteten Zukunftsfabrik zu werden, ist enorm. Aktuell 355 Personen arbeiten dort, mehr als je zuvor. Das macht Chris Müller stolz und zuversichtlich. Genauso wie die 395 Anfragen von potenziellen Mietern, die sogar das gigantische Platzangebot sprengen würden.