Chronik | Oberösterreich
10.06.2018

Sportler mit Herz am rechten Fleck

Fairness. In Zeiten der Ellbogentechnik ist es beeindruckend, wenn sich Konkurrenten gegenseitig helfen

Heute lasse ich die Ernährung einmal außen vor und erzähle Ihnen eine Geschichte: Ich befinde mich derzeit in Schladming als Rennärztin bei der Alpentour Trophy. Das ist ein Mountainbike-Etappenrennen über vier Tage mit circa 200 Kilometern und knappen 10.000 Höhenmetern.

Bei der ersten Etappe mussten die 400 Starter vom Planai Stadion über die Ramsau auf die Türlwandhütte – im Bereich der Talstation der Dachstein-Südwand-Bahn – biken und von dort äußerst rasant wieder hinunterfahren.

Es dauerte nicht lange, und ich erhielt einen Notruf von einem Biker, der mich über den Sturz eines Kollegen informierte und mir seine ungefähre Lage beschrieb. Mein Fahrer und ich machten uns auf den Weg und trafen nach einer äußerst holprigen Fahrt auf den jungen Mann.

Schwer verletzt

Um zu sehen, dass sein Arm nicht anatomisch korrekt steht, benötigte ich kein Medizinstudium. So verfrachteten wir ihn nach einer raschen Erstversorgung inklusive Schmerztherapie ins Auto. Gleich bei unserem Eintreffen erzählte der Portugiese, dass er im Laufe seiner Karriere als Mountainbike-Profi schon einige Verletzungen und Knochenbrüche hinter sich hätte, aber die aktuellen Schmerzen die schlimmsten seines Lebens seien. Er entschuldigte sich dafür, dass er so ein „Weichei“ sei. Und er bat um Erlaubnis, während des Abtransportes schreien zu dürfen, was uns aber nicht am Weiterfahren hindern sollte.

Außerdem ersuchte er mich darum, mit ihm zu scherzen, damit er abgelenkt sei. Und so blödelten wir dahin. Dann begann er zu erzählen, dass er elffacher portugiesischer Staatsmeister sei und bereits in London und Rio de Janeiro an den olympischen Spielen teilgenommen habe. Etwas sarkastisch bemerkte er, dass er sich jetzt gerade trotzdem frage, ob ein Bürojob nicht doch etwas Feines sei, habe er doch immerhin einen Masterabschluss in Physik.

Sorge um die anderen

Dann ersuchte er mich, seine Lebensgefährtin, die in Portugal geblieben war, nicht zu informieren, weil sie sich nur unnötig Sorgen machen würde.

Während ich gerade dachte, wie sympathisch es ist, wenn jemand mit einer schweren Verletzungen sich um das Befinden anderer Gedanken macht, erzählte er vom Sturz.

Ein nachkommender Fahrer blieb stehen, kümmerte sich um ihn, ging dann weiter bergabwärts, hielt zwei Wanderer auf und borgte sich deren Handy um mich anrufen zu können. Er ging weiter bis zum nächsten Streckenposten um auch diesen informieren zu können und marschierte dann wieder zurück hinauf zum Verletzten.

Dazu möchte ich Ihnen zwei Dinge sagen: Zum einen ist es im Adrenalinrausch ganz und gar nicht selbstverständlich, dass sich die Athleten gegenseitig helfen.

Zum anderen befanden sich beide Fahrer zu diesem Zeitpunkt des Rennens unter den Top Ten, beide verdienen ihr Geld mit dem Mountainbiken, und der Ersthelfer hat sich gleich bei der ersten Etappe seine gute Zeit „versaut“. Das alles fiel auch dem jungen Portugiesen während unserer Fahrt ins Krankenhaus ein.

Fairness gewinnt

Nachdem er in der Szene bekannt und beinahe berühmt ist, hat er augenblicklich organisiert, dass sein Ersthelfer eines seiner Trikots als Dankeschön erhält.

Und weil uns vom Alpentour-Team dieses Verhalten auch berührt hat, haben wir ihn abends bei der Siegerehrung für seine sportliche Fairness ausgezeichnet und ihm auf der Bühne dieses Jersey überreicht.

Immer wieder sehe ich auch im Hobbysport verbissene Athleten, die sich mit Ellbogentechnik durchkämpfen, deshalb hat es mich besonders beeindruckt, dass es im Profisport noch immer Menschen mit dem Herzen am rechten Fleck gibt.

Silke Kranz ist diplomierte Sport- und Ernährungsmedizinerin und Ärztin für Allgemeinmedizin in Bad Zell. Außerdem engagiert sie sich als Rennärztin.