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Sozial-Landesrat Dörfel: „Neue Wohn- und Betreuungsformen für die Älteren“

Die Menschen sollten möglichst lange zu Hause leben, die Zahl der Altenheimbewohner reduziert werden.
Christian Dörfel

Christian Dörfel ist seit 2024 Landesrat für Soziales. Der 64-jährige Jurist war von 2002 bis Anfang Juli 2026 Bürgermeister von Steinbach an der Steyr. Von 2020 bis 2024 war er Obmann des ÖVP-Landtagsklubs. Zudem ist seit 2007 Bezirksparteiobmann von Kirchdorf an der Krems.

KURIER: Wer wird uns einmal pflegen, Herr Landesrat?

Christian Dörfel: Es wird so sein wie bisher. Die Hauptleistung in der Pflege wird in den Familien erbracht. Unterstützt durch mobile Dienste.

Wie umfangreich ist die Leistung der Familienangehörigen?

Wir haben rund 70.000 Bezieher von Pflegegeld. Von den über 85-Jährigen, die maßgeblich sind, sind 15 Prozent in einem Altenheim. Die anderen 85 Prozent sind zu Hause. Sie leben entweder in einem Familienverband oder sie sind Ein-Personen-Haushalte. Daran soll sich nichts Wesentliches ändern. Denn alt zu sein bedeutet nicht, automatisch pflegebedürftig zu sein. Und pflegebedürftig zu sein bedeutet nicht automatisch Altenheim.

Wir haben nun die Pflegestrategie 2040 entwickelt, um zwischen dem Altenheim und dem Zuhause verschiedenste Wohnformen anzubieten. Wie Wohnen mit Betreuung, Wohnen mit Pflege, Alters-WG, eine 24-Stunden-Betreuung, die sich um mehrere Haushalte kümmert. Diese Angebote wollen wir erweitern.

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Häuser und Wohnungen älterer Menschen sollten barrierefrei sein.

Die Begleitung der Menschen, die zu Hause sind, soll künftig noch besser funktionieren als bisher, denn die Familienstrukturen sind im Wandel. Dazu kommt die Entwicklung einer zunehmend älter werdenden Gesellschaft.

Die Anteil der allein lebenden Menschen steigt deutlich an.

Die Anzahl der Ein-Personen-Haushalte steigt. Dazu kommt der Wunsch, den Lebensabend zu Hause zu verbringen. Unsere Pflegestrategie 2040 soll das ermöglichen. Im Sinne der Eigenverantwortung sollten die Menschen schauen, dass ihr Haus oder ihre Wohnung zukunftsfit, sprich barrierefrei wird.

Sorgende Gemeinschaften sollen Familien entlasten, weil sie gewisse Dinge wie Einkaufen etc übernehmen. Das ist eine ehrenamtliche Begleitung von älteren Menschen. Mit einem Koordinator, der alle ehrenamtlichen Dienste managt und die wir jetzt schon in den Gemeinden haben. Dazu gehört zum Beispiel Essen auf Rädern. Den Menschen soll das Leben erleichtert werden, damit sie die Möglichkeit haben, in den eigenen vier Wänden zu bleiben.

Was tun Sie für die Ein-Personen-Haushalte?

Für sie sind die sorgenden Gemeinschaften geplant. Sie sollen die Menschen begleiten, sich um sie kümmern. Es geht um das Spazierengehen, um Besuchsdienste. Das ist auch ein Mittel gegen die Einsamkeit. Denn die ist genauso ein Problem wie körperliche Gebrechen.

Allein lebende Menschen haben auch oft den Wunsch, ein Einzelzimmer zu haben, aber doch in einer Gemeinschaft integriert zu sein.

Momentan haben wir die alternativen Wohnformen noch nicht in der erforderlichen Menge. Wir bauen sie aus.

In welchem Ausmaß?

Wir haben jetzt sieben, acht Pilotprojekte. Das Letzte haben wir in Katsdorf eröffnet. Es heißt „Wohnen im besten Alter“. Das sind neun Wohneinheiten mit einem Gemeinschaftsraum.

Je nach Betreuungs- und Pflegeaufwand gibt es abgestufte Modelle. Wir haben die 24-Stunden-Betreuung für mehrere Personen. Da haben wir in Kirchham bei Gmunden den Neubau von altersgerechten Wohnungen mit Betreuung von Green Harmony, in Aschach/D. entsteht Ähnliches. Der Markt ist unheimlich dynamisch. Bei nahezu täglich schlägt bei mir ein Modell auf, das dazu dient, passende Wohnformen anzubieten.

Was machen die Menschen, die kein barrierefreies Haus oder keine barrierefreie Wohnung haben?

Ich empfehle den Menschen, das rechtzeitig zustande zu bringen. Mit 85 ist ein Alter erreicht, in dem man sich das überlegen muss. Das Durchschnittsalter in den Heimen ist 85 plus. Wenn man mit 65 in Pension geht, hat man 20 Jahre Zeit, das Haus bzw. die Wohnung altersfit zu machen. Dafür gibt es Förderungen.

Es gibt Häuser und Wohnungen, die nur über Stiegen bzw. Stiegenhäuser verfügen.

Da wird es schwierig sein, dafür benötigen wir die alternativen Wohnformen. Die Menschen sollen sich Gedanken machen, wie sie den Lebensabend verbringen möchten. Wir entwickeln gemeinsam mit den Sozialhilfeverbänden und Magistraten die entsprechenden Angebote.

Was macht jemand, der darauf zurückgreifen will bzw. muss?

Er geht zu einer der 69 Sozialberatungsstellen in Oberösterreich. Sie haben den Überblick, wo es welche Wohnformen gibt. Wir sind am Beginn eines Weges. Es haben sich schon 40 Gemeinden gemeldet, die sorgende Gemeinschaften realisieren wollen. Die Sozialberatungsstellen der Zukunft werden auch wissen, welche Unterstützungsangebote es in welchen Gemeinden gibt. Es gibt eine ganze Palette von ehrenamtlichen Angeboten, die den Lebensabend zu Hause erleichtern sollen. Es gibt Essen auf Rädern, unterstützende Seniorenorganisationen, Besuchsdienste des Roten Kreuzes, Hauskrankenpflege etc.

In der Vergangenheit hatten die Menschen oft nur die Möglichkeit, ins Pflegeheim zu gehen. Deshalb haben wir dort noch Personen mit den Pflegestufen eins bis drei, die eigentlich nicht in ein Heim gehörten.

Wenn man Ihnen so zuhört, kann man sich darauf verlassen, dass man im Alter versorgt ist.

Ja, das ist so.

Wer bezahlt das alles?

Auf der einen Seite gibt es Pflegegeld. Auf der anderen Seite gibt es die entsprechenden Förderungen für die 24-Stunden-Betreuung. Man muss dann auch die eigene Pension dafür verwenden. Wir haben je nach Pensionshöhe sozial gestaffelte Tarife. Den Rest übernehmen die Gemeinden, die Städte und auch das Land.

Das bedeutet, dass der Einzelne keine private Vorsorge betreiben muss. Ja, schon. 80 Prozent des Pflegegeldes und die Pension gehen für die Heimbetreuung auf.

Sollen die Menschen schon während des Berufslebens für die Pension vorsorgen?

Ja, wenn sie zu Hause bleiben wollen. Sie müssen sich die Betreuung selbst bezahlen.

Soll man eine Pflegeversicherung abschließen?

Ja. Jeder, der so lange wie möglich in den eigenen vier Wänden bleiben will, muss dafür etwas tun. Wir helfen und fördern die Anpassungen, aber die Menschen müssen auch selbst Geld in die Hand nehmen. Das gehört zur Eigenverantwortung.

Die finanziellen Belastungen für den Staat werden durch die Babyboomer, die in Pension gehen, höher und kommen an Grenzen, was bedeutet, dass die Belastungen für den Einzelnen höher werden.

Es ist Ziel unserer Pflegestrategie, dass die Betreuung in guter Qualität auch in Zukunft gesichert ist. Möglichst wohnortnahe und leistbar und finanzierbar durch die öffentliche Hand. Das Heim ist die teuerste Form der Betreuung, sie soll jenen Personen vorbehalten sein, die einen intensiven Pflegeaufwand haben. Daher die vorgelagerten Modelle, die günstiger als das Heim sind.

Der Landeshauptmann und Sie haben betont, das Land könne sich nicht mehr Heime leisten.

Wir benötigen nicht mehr Heime, wir kommen mit den Betten aus. In den nächsten zehn Jahren wird sicher kein zusätzliches Heim errichtet. Wir werden Generalsanierungen dort durchführen, wo es notwendig ist. Durch die neuen Maßnahmen erwarten wir eine finanzielle Entlastung des Systems. Wir möchten den Prozentsatz der Heimbewohner von 15 auf zehn Prozent reduzieren.

Früher waren die Jüngeren verpflichtet, sich um die Älteren zu kümmern. Mit Beginn der 1990er- Jahre hat der Staat das alles übernommen. Müssen sich künftig die Kinder wieder verstärkt um die Eltern kümmern?

Das wäre der Wunsch. Das System hat so über Jahrtausende funktioniert. Dieser Grundsatz ist so auch im Bürgerlichen Gesetzbuch verankert. Es gibt eine Unterhaltsverpflichtung der Kinder gegenüber den Eltern, allerdings nur in dem Ausmaß, dass der eigene Unterhalt nicht gefährdet wird. Durch verschiedene gesetzliche Maßnahmen wie dem Entfall des Regresses hat das eine andere Richtung genommen.

Die Häuser und Wohnungen werden schnell an die Kinder übergeben, damit der Staat hier nicht zugreifen kann. Die Pflegekosten werden dem Staat zugeschoben. Soll es den Regress wieder geben?

Nein. Das ist illusorisch. Es ist aber eine Frage der Gerechtigkeit, dass sich die Kindern um die Eltern kümmern.

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