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Ärztekammerchefin in OÖ: „Illusion zu glauben, dass Gesundheit billiger wird“

Silke Haim stellt die Frage: „Braucht ein 85-Jähriger dieselbe Krebsbehandlung wie ein 30-Jähriger?“ Derzeit gibt es für alle das Maximalpackage.
Silke Haim

Silke Haim ist neue Präsidentin der Ärztekammer Oberösterreich, der 7.281 Ärztinnen und Ärzte angehören. Davon sind zwei Drittel angestellte, ein Drittel niedergelassene Ärzte. Die 50-jährige Nuklearmedizinerin ist Fachärztin bei den Barmherzigen Schwestern in Linz. Sie wohnt mit ihrer Familie in Kirchberg-Thening (Bez. Linz-Land).

KURIER: Sie plädieren für eine strukturierte Patientenlenkung. Wie soll diese konkret aussehen?

Silke Haim: Ein konkretes Beispiel. Der Patient hat Fieber und fühlt sich sonst nicht so schlecht. Er könnte die Gesundheitshotline 1450 wählen. Im schlechten Fall könnte er auch in eine Notfallambulanz gehen. Das kann man ihm nicht verübeln, denn er hat keine Richtschnur, an die er sich halten muss, er hat keine Verbindlichkeit, die vorgegeben ist.

Wenn er ins Spital geht, ist das die teure Lösung.

Das soll er nicht, das ist die Nichtlenkung, die wir derzeit haben und von der wir wegkommen sollen. Die Empfehlung, die der Patient von 1450 bekommt, sollte auf der eCard ersichtlich sein, also abgespeichert sein. Das ist derzeit nicht vorgesehen.

Sollte der Patient sanktioniert werden, wenn er gegen die Empfehlung von 1450 ins Spital geht? 

Das Gesundheitssystem ist auf den ersten Blick kostenlos, aber wir haben ja bereits Selbstbehalte, wie Taggeld im Krankenhaus, Rezeptgebühren oder Selbstbehalte bei Heilbehelfen. Man könnte überlegen, dass man auch für einen Kontakt, den man nicht empfohlen bekommen hat und den man sich selbstständig herausnimmt, auch etwas bezahlen muss. Das ist eine politische Entscheidung und nicht eine der Ärztekammer.

In Wien gibt es vor den Spitälern Erstversorgungsambulanzen, in denen sich Allgemeinmediziner um Hilfe suchende Menschen kümmern. Wäre das eine Lösung?

Es gibt sie auch in der Steiermark. Sie sind in Ballungsräumen sicherlich sinnvoll. Es ist ganz wichtig, dass der Patient merkt, dass er nicht ins Krankenhaus geht. Im Kepler-Universitätsklinikum gibt es das auch. Es ist das zweite Monat in Betrieb. In einzelnen Linzer Krankenhäusern gibt es im Rahmen der Notfallambulanz Kojen, in den triagiert (Behandlung nach Dringlichkeit) wird. Wunsch und Ziel ist es, das außerhalb des Krankenhauses passieren zu lassen.

Es wäre im Sinne der Patientenlenkung wünschenswert, dass Allgemeinmediziner im Rahmen der Primärversorgung in Tagesrandzeiten und am Wochenende verfügbar sind. Es gibt in Linz einen allgemeinmedizinischen Dienst in der Körnerstraße 28 (ärztlicher Notdienst), der am Wochenende zur Verfügung steht (9–17 Uhr). Das kann Patienten lenken, denn wenn er 1450 anruft und sagt, er möchte zur Sicherheit doch einen Arzt aufsuchen, kann er dorthin gehen.

Der Patient wird vermutlich damit zufrieden sein.

Der Patient ist in dem Hin und Her der Ärmste, denn er ist orientierungslos und kriegt es mit der Angst zu tun, wenn er das Gefühl hat, er ist nicht versorgt. Aber diese Angst ist völlig unbegründet, weil wir ein sehr gutes, tragfähiges Gesundheitssystem haben. Wir müssen nur schauen, die Menschen an den richtigen Ort der Versorgung zu bringen.

Bund und Länder haben eine Reformpartnerschaft für das Gesundheitssystem gebildet. Das Ergebnis ist mager, Primärversorgungszentren sollen stärker ausgebaut werden. Ist das nicht ein enttäuschendes Ergebnis?

Man muss es nicht als enttäuschendes Ergebnis sehen. In vielen Bereichen ist es nicht detailliert definiert. Daher hat man auf Länderebene die Möglichkeit, Notwendigkeiten lokal passend zu adaptieren. So können die Primärversorgungszentren nicht für alle Regionen die Lösung sein, speziell in kleineren Gebieten. Die Primärversorgungszentren können in Oberösterreich sicher nicht der Hauptteil der Versorgung sein. Auch nicht in fünf oder zehn Jahren.

Also über niedergelassene Ärzte.

Primärversorgungszentren haben den Vorteil, dass mehrere Fachrichtungen unter einem Dach sind, dazu werden nicht ärztliche medizinische Dienste angeboten. Im Primärversorgungszentrum ist das alles Kassenleistung, bei der Einzelversorgung draußen müssen sich das die Leute zum Teil selbst bezahlen. Da haben wir eine gewisse Schieflage.

Was muss aus Ihrer Sicht in Oberösterreich passieren?

Wir sollten die Primärversorgung flächendeckend und über einen möglichst großen Tageszeitraum abdecken können.

Wo sind hier die Defizite?

Wir haben sie in den Tagesrandstunden. Wenn die Allgemeinmedizin draußen nicht verfügbar ist, gehen die Leute in die Spitäler. Wenn wir aber Tagesrandordinationen anbieten, die bis 21 oder 22 Uhr offen haben, versorgen wir die Menschen kosteneffizient. Das können wir an den Frequenzen der Notfallambulanzen beobachten.

Österreich hat mit 5,65 Ärzten pro 1000 Einwohner die höchste Ärztedichte europaweit. Primar Bernd Lamprecht sagt, es gibt genug Ärzte, wir haben ein Verteilungsproblem. Welchen Beitrag leistet die Ärztekammer, dieses Problem zu lösen? Kurienobmann Paul Niederberger meint, man müsste die Ärzte in den wenig ergriffenen Fachbereichen besser bezahlen. Das kostet wieder.

Er hat von besseren Arbeitsbedingungen und attraktiveren Verträgen der Gesundheitskasse gesprochen. Damit ist nicht zwingend Geld gemeint. Man muss die Lebenssituation der Ärzte im Jahr 2026 zeitgemäß abbilden. Die Gesundheitskasse bietet Verträge, die zeitlich noch nachhinken. Sie müssen attraktiver werden.

Die Medizin ist zur Hälfte schon weiblich. In den Kassenverträgen ist beispielsweise nicht abgebildet, wie Karenz funktionieren kann.

Das Gesundheitssystem stößt in der Beitragsfinanzierung finanziell an die Grenzen. Wo ist der Beitrag der Ärzte, dass eingespart werden kann und das System bezahlbar bleibt?

Davon auszugehen, dass man irgendetwas einsparen wird können, ist utopisch. Man kann schauen, die Kosten zu dämpfen. Aktives einsparen und zu glauben, es wird in Zukunft billiger, ist eine Illusion. Nicht weil die Ärzte so teuer sind, sondern das geben die Demografie und die medizinische Entwicklung vor. Die Menschen werden älter. Die Mortalität hat sich massiv verbessert. Jede achte Frau bekommt Brustkrebs. Früher führte das oft zum Tod, heute wird er zu einer chronischen Erkrankung.

Die Behandlungen sind teuer.

Das sind große Kostentreiber. Denn die Menschen werden älter und älter, es kommen andere Erkrankungen dazu. Dazu kommen aufwendige Therapien. Sie verursachen Nebenwirkungen, die man auch wieder therapieren muss.

Wir werden als Ärztekammer einen Beitrag leisten können, indem wir uns mit den Verantwortlichen im Gesundheitswesen so positionieren und die Patienten mit einer Stimme anhalten, dass die medizinische Versorgung punktgenau und damit kosteneffizient wird.

Nur mit Solidarität kommen wir schon länger nicht mehr aus, wenn wir sehen, dass vier Millionen Österreicher zusatzversichert sind. Sie leisten damit einen übersolidarischen Beitrag, weil sie mehr bezahlen. Sonst würde das schon längst nicht mehr funktionieren.

Der Linzer Gesundheitsökonom Gerald Pruckner sagt, dass man das System effizient machen muss. Aber die erzielten Einsparungen werden nicht reichen, um die Kostensteigerungen abzudecken. Er meint, es wird mehr private Zuzahlungen geben müssen und die Gesundheitskasse wird die Leistungen reduzieren müssen. Sehen Sie das auch so?

Das sehe ich anders. Man wird überlegen müssen, welche medizinischen Leistungen für welchen Menschen sinnvoll sind. Auch hier kann man einsparen. Wenn ein Patient eine gewisse Erkrankung hat, macht es in der Behandlung einen Unterschied, ob er schon fünf Begleiterkrankungen hat und 85 Jahre alt ist oder ob er 30 Jahre alt ist. Derzeit haben wir Ärzte für alle denselben Therapievorschlag. Wir bieten für alle das Maximalpackage. Das ist gut, wenn es leistbar ist. Man muss darüber nachdenken, was Sinn macht. Ich rede nicht davon, dass man jemandem etwas vorenthält.

Es gibt Länder, in denen bei Menschen ab einem bestimmten Alter zum Beispiel keine Hüftoperationen mehr durchgeführt werden. Das ist das andere Extrem.

Das ist das andere Extrem. Das ist sicher nicht das, wo wir hin wollen. Für mich ist zum Beispiel denkbar, wenn die Vorlaufzeit für eine Hüftoperation ein Jahr ist, und der Patient hat 30 kg Übergewicht, dass man ihm sagt, er soll in der Wartezeit das Gewicht reduzieren. Und dass man ihn dabei begleitet. Er kommt dann nachher schneller auf die Beine und das Übergewicht war ja auch eine Ursache für seine Probleme. Man kann die Leute erziehen, ein Gesundheitsbewusstsein zu entwickeln. Das haben viele nicht.

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