Problematischer Grenzverkehr

Der Straßenstrich gleich nach Wullowitz: Das Geschäft mit billigem Sex boomt. Aids und Syphilis gibt’s inklusive.

Paulas Arbeitstag beginnt zu Mittag. Sieben Tage in der Woche steht die 21-jährige Tschechin bei einer Bushaltestelle an der B3 kurz vor der südböhmischen Stadt Kaplice und wartet auf Kunden – bis acht Uhr abends. Um sich vor Wind und Kälte zu schützen, hat sie über ihrem gestreiften Pullover ein beiges Daunengilet angezogen. Dazu trägt sie einen schwarzen Minirock und weiße Stiefel. Gleich nach Wullowitz, dem Grenzübergang, herrscht reger Verkehr.

Zwölf Kilometer ist er lang, der Straßenstrich, der vor allem Männer aus dem Mühlviertel und aus der Linzer Gegend anlockt. „90 Prozent unserer Freier haben Autokennzeichen, die mit UU, FR, RO, PE und L beginnen“, erzählt Paula in gebrochenem Deutsch. Die anderen seien Lkw-Fahrer auf der Durchfahrt. Von einer Wirtschaftskrise sei nichts zu spüren. „Ich kann mich nicht beklagen, das Geschäft läuft“, sagt die Prostituierte.

An guten Tagen lassen sich bis zu acht Männer von der 21-Jährigen bedienen. Ab 25 Euro geht’s zur Sache – Oralsex im Auto. Für 50 Euro wird die Lust eine halbe Stunde lang im Zimmer einer naheliegenden Pension befriedigt. Paula ist nicht zimperlich. „Ohne Gummi? Kein Problem für mich!“

Gelernte Friseurin

Gabi geht nicht regelmäßig zum Arzt: „Ich fühle mich nicht krank“.
© Bild: PICTURENEWS.AT PETSCHENIG

Auch Gabi, eine 25-jährige Slowakin mit einer fünf Zentimeter langen Narbe auf der linken Wange, zögert nicht, die ausgefallensten Wünsche ihrer Kunden zu erfüllen. Ungeschützter Verkehr gehört für die gelernte Friseurin dazu. Ob sie regelmäßig zum Arzt geht? „Warum sollte ich das tun? Ich fühle mich nicht krank“, sagt sie auf Englisch und macht einen langen Zug an ihrer Zigarette.

Dass es 2011 in Südböhmen vier Mal so viele Fälle der Geschlechtskrankheit Syphilis gegeben hat wie noch vor fünf Jahren, weiß Gabi nicht. „Auch Aids und Tripper sind bei uns weit verbreitet“, erzählt ein Arzt aus Kaplice, der namentlich nicht genannt werden will. Und Gerhard Starzer, ein Mühlviertler, der seit 14 Jahren den Nachtklub „Le Grand Paris“ in Dolni Dvoriste führt, meint: „Wer sich auf eines dieser Mädchen einlässt, begeht vorsätzlichen Selbstmord.“

Jede Prostituierte, die hier auf der Straße anschafft, sei drogenabhängig, sagt Starzer, und mache alles, um an Geld zu kommen. Da das horizontale Gewerbe in Tschechien nur geduldet, aber nicht legal sei, gebe es keine regelmäßigen Gesundheitskontrollen. „Ich bin der Einzige, der seine Mädchen untersuchen lässt“, behauptet Starzer. „Wenn sich eine weigert zum Arzt zu gehen, werfe ich sie raus.“

Statistiken

Es gibt keine Statistiken, wie viele Frauen in Tschechien als Prostituierte arbeiten. Hinter vorgehaltener Hand ist von bis zu 30.000 die Rede. Pavel Taliř, dem Bürgermeister von Kaplice, ist es gelungen, die Prostituierten aus „seiner“ Stadt wegzubringen. „Ich habe überall Plakate aufhängen lassen, auf denen stand, dass das Gewerbe unerwünscht ist“, erzählt er. Das Problem ist damit aber nicht gelöst. Jetzt stehen eben noch mehr Mädchen an der B3 und warten auf Freier. Sieben Tage in der Woche. Drogensüchtig, viele mit Aids, Tripper oder Syphilis infiziert. Die nach billigem Sex suchenden Männer aus Oberösterreich lassen sich davon nicht abschrecken.

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( Kurier ) Erstellt am 01.02.2012