Pétanque ist in Frankreich Volkssport und ist  Maßarbeit mit schweren Kugeln

© Gerhard Marschall

Chronik Oberösterreich

Pétanque: Rendezvous mit den weltbesten Kugelwerfern

Ein Team aus Oberösterreich hat sich beim weltgrößten Turnier in Marseille versucht. 11.232 Spielerinnen und Spieler traten in 3.744 Dreierteams an. Von Gerhard Marschall.

07/17/2022, 03:00 PM

Seit nunmehr 60 Jahren versammelt sich Anfang Juli in der südfranzösischen Hafenstadt Marseille eine Heerschar an Menschen, um ihrem Sport zu frönen. Das Spektakel nennt sich „Mondial La Marseillaise à Pétanque“, auch wenn es sich nicht um die offizielle Weltmeisterschaft handelt. Tatsächlich aber ist es das weltweit größte Turnier, obendrein eine absolut demokratische Veranstaltung. Wer will, kann teilnehmen. 11.232 Spielerinnen und Spieler in 3.744 Dreier-Teams sind es heuer.

Volkssport

Die meisten kommen naturgemäß aus Frankreich, wo Pétanque Volkssport ist. In nahezu jedem Ort gibt es einen Spielplatz, zumeist im Zentrum. Hier trifft man sich abends, die einen spielen, die anderen schauen zu und geben ihre fachkundigen Kommentare ab. Gespielt wird auf harten Böden mit zwischen 650 und 800 Gramm schweren Metallkugeln, die knapp an eine kleine Holzkugel zu legen sind. Die heißt nicht Taube wie hierzulande beim Stockschießen, sondern je nach Region Bouchon (Korken) oder Cochonnet (Schweinchen). Sieger ist, wer als erster 13 Punkte auf dem Konto hat. Die Besten der Szene sind Stars. Marco Foyot etwa, der mit 69 Jahren erneut antritt, um die Marseillaise zum siebenten Mal zu gewinnen. Sich mit ihm oder den vielen anderen Großen zu messen, lockt alljährliche Tausende Hobbyspieler an.

Turnier über vier Tage

Auch ein Trio aus Österreich ist dabei: Benedikt, unser Jüngster, seine Freundin Magdalena und ich. Seitdem wir im Garten einen Spielplatz haben, ist die Marseillaise-Idee immer wieder aufgetaucht und verworfen worden. Endlich ist es so weit. Die Aufgaben sind klar verteilt: Magdalena ist unsere Pointeuse, sie platziert ihre zwei Kugeln möglichst nahe dem Ziel. Benedikt schießt als Tireur die gegnerischen Kugeln aus dem Feld. Ich soll den Milieu geben, zuständig für beides oder weder für dies noch das. Über vier Tage zieht sich das Turnier hin. Zentrum ist der weitläufige Parc Borély nahe dem Mittelmeer. Für die Marseillaise wird dort jeweils ein Stadion mit rund 3.000 Sitzplätzen errichtet, in dem die finalen Entscheidungen fallen. Antoine „Vigo“ Dubois gewinnt am Ende, zum sechsten Mal bereits; für Partner Joseph „Tyson“ Molinas ist es der zweite Titel, für David „Ligan“ Doerr der erste.

Start ist am Sonntag um 9.15 Uhr. Gespielt wird an 27 Orten, verteilt über das ganze Stadtgebiet. Schließlich gilt es, im K.-o.-System das Feld gleich einmal in exakt 1.872 Spielen zu halbieren. Unser Match Nummer 1.024 findet im Hippodrome Pont-de-Vivaux im Osten von Marseille statt. Wir sind zeitig zur Stelle, machen uns mit dem ungewohnten Terrain der Trabrennbahn vertraut. Unsere Gegner Romain, Alain und Geoffry, alle drei aus Marseille, haben keine Eile, kommen mit Verspätung. Vielleicht wollen sie uns in der bereits kraftvollen Sonne schmoren lassen. Per Münzwurf wird entschieden, wer den Vorteil des ersten Wurfs hat. Das Glück fällt auf die andere Seite.

Pétanque ist ein bisschen wie Schach. Neben spielerischem Geschick ist Strategie gefragt, um für die jeweilige Spielsituation die beste Lösung zu finden. Gespielt wird gegeneinander, aber auch gegen sich selbst. Jeder schlechte Wurf erhöht die Chancen des Gegners. Konzentration in jeder Phase ist alles. Wir können bei unserer Marseillaise-Premiere die ersten drei Aufnahmen für uns entscheiden und liegen rasch 4:0 voran. Womöglich sind wir schon ein wenig siegessicher. Oder unsere Gegner reißen sich zusammen, möchten sich keinesfalls gegen drei dahergelaufene Österreicher blamieren. Etwas Pech in der einen oder anderen Situation ist auch bei, und so endet die Partie nach eineinhalb Stunden 7:13.

„Die Österreicher bleiben auf der Strecke“ ist anderntags ein kurzer Artikel in der Tageszeitung „La Marseillaise“ übertitelt. Ein Pastis hilft, die Niederlage zu verdauen. Schon das Dabeisein ist ein Erlebnis. Auf ein Neues 2023!

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