Publizist Paul Lendvai (85) hält die Festrede zur Eröffnung des 37. Brucknerfestes in Linz

© KURIER/Gerhard Deutsch

Analyse
09/14/2014

Warnung vor der Sehnsucht nach dem "starken Mann"

Journalist Paul Lendvai über Putin, Demokratie und "falsches Charisma".

von Daniel Scheiblberger

Angesichts des Konflikts mit Russland um die Ukraine und des Zerfalls von ganzen Staatsgebilden wie im Irak, Syrien oder Libyen sieht der Publizist Paul Lendvai eine Gefahr der "Steuerlosigkeit". Niemand könne sagen, wo, wann und wie die drohende Dauerkrise enden wird. "Aber in Krisensituationen gab und gibt es immer wieder Heilserwartungen, die sich auf religiöse oder politische Führer richten", warnt der 85-Jährige. Deshalb rücke beispielsweise das Handlungspotenzial Vladimir Putins, seit 15 Jahren der starke Mann Russlands, in den Mittelpunkt der Ukrainekrise.

Alleinherrscher

Laut Lendvai würde sich aber auch in demokratischen Staaten (auch Österreich), vor allem in Krisensituationen, eine Sehnsucht nach dem "starken Mann" zeigen. Im Gegensatz zum Wirken von Führungspersönlichkeiten wie Bruno Kreisky oder Willy Brandt, bestehe durch persönliche Machtkonzentration die Gefahr der Umwandlung von charismatischen Leitfiguren zu Alleinherrschern.

Nicht nur in Russland, sondern auch in Kasachstan und Weißrussland, in der Türkei und in Ungarn sei diese Gefahr präsent. Antiwestlicher Nationalismus und Populismus unterstützt durch die jeweilige Amtskirche, direkte oder indirekte Kontrolle der meisten TV-Sender und der Printmedien, keine unabhängige Justiz und die totale Herrschaft über die Armee, die Polizei und den Geheimdienst seien die charakteristischen Merkmale solcher autokratischer Systemen. "Der Preis, den die Menschen für die Herrschaft des ,starken Mannes‘ mit dem ,falschen Charisma‘ zahlen, wird immer unvergleichlich größer sein als die Kosten der langsam funktionierenden Demokratie. Bei der die Macht durch Institutionen gezähmt und kontrolliert wird", ist sich Lendvai sicher.

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