Mit der Badewanne auf der Bühne

Posaunist Bertl Mütter
Foto: Josef Moser Bertl Mütter interpretiert mit seinem Muthorn Musikstücke von Franz Schubert, Anton Bruckner und Gustav Mahler.

Bertl Mütter aus Steyr gilt als der beste Posaunenindividualist im Land. Ausnahmekünstler mag er nicht genannt werden.

Wenn der Posaunist Bertl Mütter aus Steyr das „Muthorn“ an seine vollen Lippen setzt, die schon Autor Franzobel in einem Text gewürdigt hat, schließt er die Augen. Dann beginnt er zu improvisieren und wechselt fließend in Kompositionen von Mahler oder Bruckner über.

Der 47-Jährige Musiker gilt als einer der besten Posaunenindividualisten Österreichs. Womit er nichts anfangen kann, sind Bezeichnungen wie Avantgardist. „Der Begriff kommt aus dem Militärwesen und meint das Voranschreiten im Kampf. Und das will ich nicht.“ Er wolle sich nicht anmaßen, dass er vorangehe und alle anderen nachkommen. Und auch mit der Zuschreibung Ausnahmekünstler ist er nicht glücklich. „Gibt es denn einen Regelkünstler?“

Mahler

Posaunist Bertl Mütter Foto: Josef Moser Avantgardist?: „Gehe nicht voran und alle anderen kommen nach“.

Für Aufsehen in der Musikwelt sorgte Mütter, als er Schuberts Winterreise oder Mahlers Kindertotenlieder, die er zu mütterkinderlieder nachmahler umbenannte, mit seiner Posaune interpretierte. „Das ist aus einer Notlage heraus entstanden. Ich habe ein Instrument mit einem beschränkten kodifizierten Repertoire. Ich spiele nicht Klavier und leite kein Orchester, aber ich habe eine Posaune zur Verfügung, die zu einem Körperteil geworden ist.“ Wenn er spiele, sei das wie wenn man alleine in der Badewanne singe. Hier hört der Badende innerlich das gesamte Orchester. „Meine Badewanne steht auf der Bühne.“

Für ihn sei aus der Beschäftigung mit Jazz klar geworden, dass das Great American Songbook nicht seine geistige Herkunft sei. „Meine Vorfahren sind keine afroamerikanischen Baumwollpflücker. Ich wurde in Steyr geboren und da sind Bruckner und Schubert zu spüren, auch wenn man von der Geistigkeit der Kultur nicht mehr viel merkt.“ Bei Konzerten zur Winterreise sei es vorgekommen, dass sich Besucher einen Pianisten mit Frack vorgestellt haben und keinen Posaunisten. „Manche sind gegangen, andere waren umso entschlossener und sind dageblieben“

Kirche

Aus seiner Ministrantenzeit in der Kindheit habe er gelernt, wie man sich einen Raum aufbaue, bevor man zu spielen beginne. Damals sei er vom Auftreten des Priesters bei der Messe fasziniert gewesen. „Der Kaplan hatte eine gute Art, seine Botschaften an die Menschen zu adressieren.“ Den Musiker habe fasziniert, wie der Geistliche „Der Herr sei mit euch“ gesagt habe. „Da habe ich gemerkt, der ist mit einer Macht ausgestattet, das zu sagen. Das wollte ich auch und Pfarrer werden. Vielleicht war das auch der Grund für meinen Schwerpunkt in der Soloarbeit.“ Später ist er aus der Kirche ausgetreten. Apropos Soloarbeit: Gerade bereitet er für den Sommer ein langes und leises Musikstück vor, „wo sich die Zeit selbst aufhebt“. Vier bis fünf Stunden wird er dann spielen.

Der Mann mit der Posaune

Der  in Steyr geborene Bertl Mütter  lernte in seiner Kindheit Blockflöte und Tenorhorn, bevor er zur Posaune kam.  Neben seiner Solotätigkeit spielt er auch gerne mit kleineren Gruppen. Der 47-Jährige wollte als Kind Pfarrer werden und  hat ein Theologiestudium begonnen. Später studierte  Jazz-Posaune in Graz. Der Musiker hat zahlreiche Konzerte im Ausland gespielt, unter  anderem im Iran oder in Indonesien. Er arbeitete mit Autoren wie Josef Haslinger, Franzobel und Gert Jonke zusammen. Selbst ist er auch literarisch aktiv.  Täglich schreibt er auf seiner Homepage einen Blog.
Der Musiker komponiert  Auftragswerke für junge Musiker. Derzeit arbeitet er  für das Akkordeon-Duo Dyas. Außerdem widmet er  sich  seiner Dissertation an der Kunstuni Graz über den „creativen prozeß“.

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(kurier) Erstellt am
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