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Chronik Oberösterreich
10/17/2021

Die Krankheit nach der Krankheit

Erschöpfung, Atemnot, Kopfschmerzen und Haarausfall sind nur einige der Symptome, die auf Long-Covid hindeuten können

von Claudia Stelzel-Pröll

Die Beschwerden sind vielfältig und oft schwer festzumachen: Wenn es ab der fünften Woche nach der Akutphase weiter zu gesundheitlichen Problemen kommt, kann Long-Covid vorliegen – die Krankheit nach der Krankheit.

„Wenn ab Woche 12 nach der Covid-Erkrankung noch immer mehrere Symptome gleichzeitig auftreten, die alle auf dieselbe Ursache zurückzuführen sind, sprechen wir in der Medizin von einem Post-Covid-19-Belastungssyndrom“, erklärt der Vorstand der Klinik für Lungenheilkunde am Linzer Kepler Uniklinikum, Bernd Lamprecht.

Beschwerden sind häufig starke Müdigkeit und ein extremes Erschöpfungsgefühl, Atemnot bei Belastung, Kopfschmerzen und Einschränkungen des Geruchs- und Geschmackssinnes. Seltener wird auch von Herzrasen, Schwindel, Haarausfall sowie Konzentrations- und Aufmerksamkeitsschwierigkeiten berichtet.

Ambulanzen

„Kein einziger Arzt kann all diese Punkte alleine abdecken. Deswegen stehen den Hausärzten nun neu ausgearbeitete Leitlinien für Long-Covid zur Verfügung. Damit können sie entscheiden, ob sie den Patienten selbst weiterbegleiten oder ihn an diverse Spezialisten verweisen“, so Lamprecht. Es gibt in Oberösterreich auch mehrere Long-Covid-Ambulanzen, etwa am Neuromed Campus in Linz.

„Für eine fundierte Aussage, wer denn von Long-Covid betroffen ist, gibt es noch zu wenig verlässliche und vergleichbare Daten. Jedoch dürften folgende Personengruppen ein höheres Risiko für eine Symptomatik haben: Personen mit sehr schwerer Covid-Erkrankung, Personen über 50 Jahre, übergewichtige Personen sowie Personen, bei denen während der akuten Infektion mehr als fünf verschiedene Organsymptome vorhanden waren“, sagt Josef Eckmayr, Leiter der Lungenklinik am Klinikum Wels-Grieskirchen.

Ab Stufe drei der fünfstufigen Einschränkung könne eine Rehabilitation sinnvoll sein und beantragt werden. Diese Stufe bedeutet, dass Symptome, Schmerzen, eine Depression oder Angstzustände vorhanden sind und dass Aufgaben bzw. Aktivitäten des Alltages oder im Beruf reduziert werden müssen. „Es gibt ganz wenige Maßnahmen, die man bei Long-Covid setzen kann. Die Rehabilitation ist die effektivste und bringt mit Gewissheit Benefits“, sagt Bernhard Lamprecht.

Was passiert denn nun bei der Nachsorge? „Einerseits werden Beschwerden abgeklärt und der Verlauf beurteilt. Andererseits werden sowohl spezifische Erkrankungen als auch funktionelle Störungen behandelt. Letztere können oft langwierig verlaufen. Unter anderem werden Strategien angewendet, die eine langsame Wiederaufnahme von Alltagstätigkeiten und -belastungen ermöglichen sollen. Zudem wird auf die Entwicklung der Symptome geachtet und bei Bedarf eine entsprechende Unterstützung organisiert, etwa Physio-, Ergo- oder Psychotherapie“, sagt Lungenspezialist Eckmayr.

Impfung wirkt

Mittlerweile gibt es schon erste Daten, die darauf hinweisen, dass eine Covid-Impfung auch bei Long-Covid-Symptomen wirkt: „Ja, es deutet alles darauf hin, dass die Impfung nicht nur effektiv vor einem schweren Krankheitsverlauf schützt, sondern auch bei bereits vorhandenen Long-Covid-Symptomen nach einer Infektion eine deutliche Verbesserung bringen kann“, erklärt Lamprecht die aktuelle Situation.

Die gute Nachricht: „Fast alle dieser Symptome verlaufen sich mit der Zeit von selbst, meistens innerhalb von sechs Monaten. Alles, was darüber hinausgeht, sind Einzelfälle. Aber ja, die Fortschritte gehen oft langsam voran und es braucht Geduld. Und wenn entsprechende Beschwerden da sind, braucht es auch Aufmerksamkeit und Begleitung“, schließt Bernd Lamprecht.

"Habe es mir lange schön geredet"

Erfahrung. Sechs Wochen lag Christian S. aufgrund einer Covid-19-Infektion im Dezember 2020 im Bett, so stark erwischte ihn die Krankheit. „Ich war kurz vor dem Ersticken, hatte Schmerzen am ganzen Körper, Geruchs- und Geschmacksinn waren weg. Und ich hatte  Angst, dass ich den nächsten Tag nicht überlebe.“ Ins Spital wollte der 43-Jährige nicht, er kämpfte sich daheim zurück. Als er wieder arbeiten ging, war die Belastung riesig: „Ich kam nach Hause und war jeden Tag wie tot, die Akkus waren leer, nichts ging mehr. Das ging einige Wochen so dahin, bis ich im April wieder in den Krankenstand gehen musste“, erinnert sich der Oberösterreicher.

Von 100 auf Null

An diesem Punkt war  erstmals von Long Covid die Rede, der Arzt verschrieb auch Antidepressiva gegen die Niedergeschlagenheit. „Ich war ja davor fit, aktiv, hatte viele Hobbys. Das muss man erst mal aushalten, wenn das Leben ganz plötzlich von 100 auf 0 heruntergefahren wird.“ Eine Reha wurde genehmigt. Während dieser drei Wochen konnte Christian S. sein Lungenvolumen, das nur mehr bei 30 Prozent gelegen war, verdoppeln. Bei der Physiotherapie und in der Kraftkammer wurden die Muskeln  langsam aufgebaut.

Bis heute leidet der Familienvater unter Aufmerksamkeits-, Konzentrations- und Schlafstörungen und kämpft vor allem mit der oft gehörten Prognose: „Sie werden nie wieder so werden wie vorher!“ Er habe sich seinen Zustand so lange schöngeredet, bis er nicht mehr konnte. „Nun ist die Erkrankung fast ein Jahr her. Umso länger alles dauert, desto schwieriger wird es, sich selbst auf diesem Weg der Heilung zu motivieren.“ Es gehe sehr wohl voran, aber eben langsam. Nach wie vor stehen Ergo- und Physiotherapie sowie der regelmäßige Besuch bei einer Psychologin und im Fitnessstudio auf dem Programm. Seiner Arbeit kann S. derzeit nur in Teilzeit nachgehen, er befindet sich in einem Wiedereingliederungsprogramm seines Arbeitgebers.

Auf die Beine kommen

„Von den Menschen rundum gibt es wenig Verständnis für Long Covid. Äußerlich sieht man mir ja nicht an, wie es mir wirklich geht. Dass Kleinigkeiten gleich zu einer großen Belastung werden und ich für alles länger brauche.“

Seinen Optimismus hat S. aber nicht verloren: „Ich schaue jetzt, dass ich wieder auf die Beine komme. Denn das Leben ist ja trotzdem interessant und spannend!“

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