© Claudio di Lucia

Chronik Oberösterreich
05/19/2019

„Leider viel zu wenig Bewegung “

Arzt Prof. Dietrich Grönemeyer kommt nach Linz und gibt im KURIER-Interview Tipps für einen gesunden Rücken.

von Claudia Stelzel-Pröll

Ja, er ist der Bruder von Herbert. Aber er macht sein ganz eigenes Ding: Am Donnerstag, 23. Mai, hält Prof. Dietrich Grönemeyer einen Vortrag zum Thema „Das Kreuz mit dem Kreuz. Der Rücken ist mehr als ein Körperteil“ im Oberbank Donau-Forum in Linz. Im KURIER-Interview erklärt der engagierte Arzt aus Bochum, warum wir auf unseren Rücken aufpassen sollten.

KURIER: Inwiefern hat sich das „Kreuz mit dem Kreuz“ in den vergangenen Jahren verändert?

Grönemeyer: „Rücken“ gehört nach wie vor zu den wichtigen Volkskrankheiten. Bei den meisten von uns liegt es am Lebensstil: Wir bewegen uns leider zu wenig, sitzen zu viel und dann auch noch oft falsch. Dadurch verspannen sich die Muskeln, die die Wirbelsäule stützen und einen Großteil des Gewichts abfedern, das auf der Wirbelsäule lastet. Etwa 80 Prozent aller Rückenschmerzen sind auf verspannte Muskulatur zurückzuführen. Kommt noch Übergewicht dazu, ist der Rücken besonders gefährdet.

Nicht übersehen darf man aber auch den Zusammenhang mit der Psyche: Der Rücken muss alles „tragen“, so auch Stress und seelische Belastungen. Neu ist tatsächlich, dass immer mehr Kinder und Jugendliche über Rückenprobleme klagen, auch eine Folge des Bewegungsmangels, der Änderung im Freizeitverhalten.

Die Bewusstseinsbildung für einen gesunden Rücken müsste also recht früh beginnen. Soll das in der Familie passieren oder in öffentlichen Einrichtungen wie Kindergärten oder Schulen?

Aus meiner Sicht auf allen Ebenen, die Sie nennen. Seit langem fordere ich die Einführung von Gesundheitsunterricht für Kinder bereits an Grundschulen und habe dazu verschiedenste Konzepte vorgestellt. Unter anderem auch meine Buchreihe mit dem „Kleinen Medicus“, der Kindern das Thema Gesundheit, Medizin, Eigenverantwortung näherbringen soll, aber eben nicht mit erhobenem Zeigefinger. Daher habe ich diese Themen in eine Abenteuergeschichte verpackt.

Ein Musical, ein Film sowie ein Theaterstück für Vorschulkinder – „Erwin und Rosi“ – habe ich ebenfalls entwickelt. Alles im Sinne der Aufklärung und Vorbeugung: Mir geht es dabei immer wieder darum, das Bewusstsein für den eigenen Körper, für die eigene Gesundheit zu schaffen. Es ist doch bedauerlich, dass wir mehr über unser Auto wissen als über uns selbst. Kein Sportunterricht an Schulen sollte ausfallen, sondern im Gegenteil, Kinder sollten täglich mindestens eine Stunde Schulsport haben.

Interessanterweise zeigen wissenschaftliche Untersuchungen, dass schon Kinder stark unter Stress leiden. Wenn ich unter Druck gerate, sollte ich mich bewegen: Schwimmen gehen, laufen, mir Ruhe verschaffen, dem Rücken Wärme zukommen lassen.

Was sind die häufigsten Rückenerkrankungen, wen betreffen sie? Werden die PatientInnen immer jünger?

Wie eben schon erwähnt: Ja, es gibt immer mehr jüngere Rückenpatienten. Aber lassen Sie mich hier einmal darstellen, welche Bedeutung der Rücken hat. Er ist als ein zentrales Organ über zahllose Nervenbahnen mit den verschiedensten Regionen, mit Organen und Gliedmaßen vernetzt ist, sozusagen vom Scheitel bis zur Sohle. So kann uns etwa der Fuß schmerzen, obwohl er an sich völlig gesund ist. Denn aus den Wirbeln treten Nervenbündel aus, die zu jeweils unterschiedlichen Bereiche des Körpers führen. Wenn diese Versorgungswege gestört sind, weil etwa eine Bandscheibenläsion oder eine Arthrose in den kleinen Wirbelgelenken die Nerven quetscht, können die Organe betroffen sein. Leider wird dieser im Grunde einfache Zusammenhang bei vielen Diagnosen nicht hinreichend berücksichtigt. Die geplagten Patienten laufen dann vergeblich von Arzt zu Arzt.

Dabei könnte man die Ursache mit einer sorgfältigen Untersuchung oder einer Schnittbilddiagnostik leicht erkennen. Schnell würde sich herausstellen: Kopfschmerzen und Schwindelgefühle, aber auch Schlaflosigkeit und Nackenverspannungen können damit zusammenhängen, dass in der Halswirbelsäule Nerven gereizt sind. Störungen in der Brustwirbelsäule können sich als Druck und Schmerz in der Herzgegend bemerkbar machen. Was scheinbar auf Herzprobleme hindeutet, hat dann mit dem Herzen selbst gar nichts zu tun. Was ich damit sagen will: Ein Herzproblem könnte eigentlich ein Rückenproblem sein – und umgedreht. Moderne Diagnostikverfahren können schnell Sicherheit schaffen und helfen, Lebensqualität wiederherzustellen.

Unser Körper ist permanent „in Verwendung“, sprich manche Körperteile nutzen sich im Laufe eines Lebens ab. Das betrifft auch den Rücken. Kann dieser Prozess aufgehalten oder zumindest entschleunigt werden?

Rückenprobleme entwickeln sich meist aus Fehlhaltungen und Verspannungen. Das liegt bei etwa 80 Prozent der Patienten als Ursache zugrunde. Und auch aus chronischem Stress, der zu körperlichen Schäden führen kann. Hier kann man durch Sport und Bewegung entscheidend entgegensteuern.

Wichtig ist aber auch, den Rücken zu schonen – das heißt richtig zu heben, richtig zu tragen, dem Rücken einen Wechsel von Anspannung und Entspannung zu gönnen. Bei Rückentraining nie das Training der Bauchmuskeln vergessen. Und: Die Bandscheiben werden durch Bewegung „ernährt“, durch Bewegung bleiben sie elastisch. Also „turne bis zur Urne“ – damit meine ich: lebenslang, Sport und Bewegung sind produktiv, körperlich und geistig.

Wie finde ich die geeignete Sportart, die dem Rücken gut tut?

Ob im Alltag oder in der Freizeit, bei der Gymnastik zwischendurch oder bei Sport und Spiel – Bewegung macht den Kopf frei. Sie vertreibt schlechte Laune und hilft zugleich, die Organe besser zu durchbluten – auch den Rücken, dem wir kaum einen größeren Gefallen tun, als uns ausreichend zu bewegen. Sicherlich mag es nicht immer einfach sein, sich nach einem anstrengendem Arbeitstag auch noch sportlich „auf Trab“ zu bringen. Leichter fällt es, wenn man mit Spaß bei der Sache ist. Deshalb sollte man sich zuerst überlegen, was einem liegt, welches „meine“ Sportart sein könnte. Möchte ich mich überwiegend im Freien bewegen oder lieber in der Halle trainieren? Suche ich Geselligkeit, oder bin ich eher ein Einzelkämpfer? Was kann ich mir zeitlich und finanziell leisten?

Nicht jeder ist ein geborener Marathonläufer, mancher könnte sich mit einer solchen sportlichen Anstrengung auch schmerzlich überfordern. Gerade wer neu mit einer Sportart beginnt, sollte sich die Latte nicht zu hoch legen. Anstrengung ja, Überanstrengung nein. Zwar ist das Schwimmen ein besonders schonende Form des Krafttrainings für den Rücken. Der Auftrieb des Wassers trägt den Schwimmer und belastet die Wirbelsäule kaum, das Herz-Kreislauf-System wird gestärkt, der Stoffwechsel angeregt.

Beim Brustschwimmen aber kommt es oft zu einer Überstreckung der Brust- und Halswirbelsäule, weil der ungeübte Schwimmer dazu neigt, den Kopf steil aus dem Wasser zu recken. Angeratener wäre in diesem Fall das Rückenschwimmen.

Was tun Sie persönlich für Ihren gesunden Rücken?

Seit meiner Kindheit führe ich täglich konsequent mein eigenes Gymnastikprogramm durch, Dehn- und Atemübungen, Muskelanspannung und Entspannung. Das dauert etwa 10 Minuten. Wie viele Berufstätige habe ich aber meist erst am Wochenende Zeit „für mehr“.

Besonders gut tun mir Wanderungen in der Natur oder die Erholung an der Nordsee.

 

Zur Person: Ganzheitlicher Arzt

Dietrich Grönemeyer wurde 1952 in Clausthal-Zellerfeld geboren und wuchs in Bochum auf. Er ist praktizierender Arzt, Professor em. für Radiologie und Mikrotherapie an der Universität Witten/Herdecke und Verfasser zahlreicher Bestseller zu Themen von Gesundheit, Gesundheitswirtschaft und Medizinethik, beispielsweise „Mensch bleiben“, „Mein Rücken“, „Dein Herz“, „Lebe mit Herz und Seele“, „Der kleine Medicus“ und kürzlich „Weltmedizin“.

Er steht für das Teamwork der verschiedenen medizinischen Disziplinen genauso wie für die ganzheitliche Wahrnehmung von Körper, Seele und Geist zum Wohl der Patienten. 1997 gründete der Vater der Mikrotherapie das Grönemeyer Institut für Mikrotherapie in Bochum. Seit Jahren moderiert er die Sendung "Leben ist mehr" im ZDF.

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