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KI-Professor Hochreiter: „Man muss den Goldschatz der KI auch abholen“

Josef Hochreiter: In der KI-Forschung sind wir weltweit top, aber es fehlt Kapital für größere Start-ups und Geld, um Mitarbeiter zu halten.
Josef Hochreiter

Josef „Sepp“ Hochreiter leitet an der Linzer Johannes-Kepler-Universität das Institute for Machine Learning (Künstliche Intelligenz) und das Labor für Artificial Intelligence. Seit Februar 2024 ist der 59-jährige Bayer zusätzlich Chief Scientist bei NXAI (das Start-up will KI-Grundlagenforschung in Industrieunternehmen transformieren und daraus Produkte entwickeln).

KURIER: Landeshauptmann Thomas Stelzer will Oberösterreich zu einer Leitregion für KI machen. Wo steht das Land tatsächlich?

Josef Hochreiter: Es ist schon einiges passiert. Im KI-Studium, das von 3.000 Studenten belegt ist, lernen sie genau die Techniken, die Google oder OpenAI verwenden. Damit produzieren wir einen Goldschatz, den man auch abholen muss. In der Forschung sind wir gut, von der Ausbildung sind wir auch gut. Wir halten die Absolventen aber nicht in der Region, sondern sie gehen zu Meta oder Google.

Die Konzerne werden gut bezahlen.

Ja, sie bezahlen sehr gut. Viele unserer Absolventen kommen aus dem Ausland, sie würden gern hier bleiben, aber sie sprechen Englisch und nicht gut Deutsch. Es ist dann schwierig, sie in lokale Firme reinzubringen, wo dann doch mehr Deutsch gesprochen wird. Wir sind auch nicht gut darin, den Absolventen die Möglichkeit zu geben, selbst eine Firma aufzubauen. Wir hatten nun einen Erfolg mit Emmi AI (das Start-up wurde als Spin-off gegründet und im Mai 2026 vom europäischen KI-Spitzenreiter Mistral AI übernommen). Die gesamte Mannschaft war vorher in NXAI.

Waren Sie an Emmi AI beteiligt?

Wir haben Anteile gehalten und haben nun entsprechende Anteile an Mistral AI. Mistral will sich nun für weitere Investoren öffnen.

Der Kaufpreis von 900 Millionen Euro ist nicht in bar geflossen, sondern in Form von Anteilen?

Der Großteil sind Anteile.

In Europa gibt es zu wenig Kapital, damit man erfolgreiche KI-Unternehmen weltweit skalieren kann.

Wir von NXAI versuchen gerade, Investoren zu finden. Für 50 Millionen. Man tut sich in Europa schwer, jemanden zu finden. Redet man mit den Amerikanern, sagen sie, das ist viel zu wenig, ihr müsst mit 500 Millionen reingehen. Ich bin zuversichtlich, dass es bald zu einer Lösung kommen wird. In Europa sind keine Gelder da. Man kann schon amerikanische Investoren bekommen, aber dann ist die Firma in den USA. Auch Emmi hat sich schwergetan.

Woran liegt es?

Am Mindset (Grundeinstellung, Überzeugung). Hiesige Pensionsfonds investieren beispielsweise in amerikanische Venturecapital-Fonds. Statt dass sie uns in Europa finanzieren. Das ist verrückt. Die Leute haben das Geld lieber am Sparbuch. Und die, die Geld investieren, machen es in den USA.

Europa schwächt sich selbst. Wir haben zwar das Know-how, aber die Amerikaner kaufen auf.

Entweder sie kaufen unsere Firmen oder sie kaufen uns die Mitarbeiter weg. Das ist gerade der Fall. Einer meiner Mitarbeiter ging zu Meta, einer zu Amazon, andere zu Google. Die Konzerne zahlen sehr gute Gehälter. Wenn wir Geld in der Firma hätten, könnten wir ihnen mehr zahlen, damit wir sie halten können.

Google baut gerade eine 50-Mann-Truppe auf, um das, was wir in unserer Firma machen, nachzubauen und zu verbessern. Sie haben genug Geld für mehr Rechnerleistung und genug Mitarbeiter. Wir versuchen dagegenzuhalten, aber wenn das Geld nicht da ist, kommen wir nicht hinterher. Wenn wir vorne sind, ist es ohne die Ressourcen schwer, den Vorsprung zu halten.

Bei einem unserer Gespräche haben Sie für Ihr universitäres KI-Institut 60 bis 100 Millionen Euro für mehr Personal und Rechnerleistung gefordert. Sie haben das nicht bekommen. Mit welchen Folgen?

Die Konsequenz war die Gründung der Firma NXAI, aus der Emmi AI hervorgegangen ist. Wir haben bei NXAI gleich 20 Millionen in Rechnerleistung gesteckt. Ich würde gern in Europa bleiben, wir haben bereits einige Kooperationen. Zum Beispiel mit Lagerhäusern, wo unser Modell vorhersagt, wie lange dauert es, um etwas zu produzieren, und wie es verkauft wird, damit die Waren optimal gelagert sind und sie nicht verderben. Unser Modell hat so viele Zeitreihen gesehen, sodass es weiß, wie es weitergeht. Es kann zum Beispiel Verspätungen auf der Weststrecke der Bahn vorhersagen.

Was fehlt an Ihrem Universitätsinstitut?

Immer noch Rechenkapazität. Und bessere Gehälter für die Mitarbeiter, damit sie nicht weggekauft werden. In der Firma ist es ähnlich. Ich versuche, einiges abzufangen, indem ich einige Mitarbeiter in die Firma rein habe, damit wir sie halten können und wir mehr Rechenkapazität haben.Wir bekommen relativ gutes Personal, aber wir können es nicht halten.

In den Unternehmen gibt es intern teilweise Widerstand gegen KI, weil sich dadurch die Strukturen und Hierarchien ändern und das Management teilweise Angst vor dem Verlust ihrer Jobs hat. Hat sich hier inzwischen etwas verändert?

Es ist immer noch so. Wenn wir von außen kommen und sagen, unser Modell ist besser, haben die Mitarbeiter Angst, dass sie nicht wertgeschätzt oder entlassen werden. Wir versuchen, sie in das neue Projekt zu integrieren. Man muss sich Strategien überlegen, man muss es ihnen schmackhaft machen, um sie mit an Board zu nehmen.

Es gibt aber auch Mitarbeiter, die bocken und blockieren. Die jüngeren Mitarbeiter, die neue Generation, haben hingegen keine Berührungsängste.Wir bekommen aber nun mehr Unterstützung von oben, von den Unternehmensführungen.

Sie haben eine Plattform, ein Institut vorgeschlagen, in dem die Unternehmen und die KI-Wissenschafter zusammenarbeiten sollen. Das gibt es bis dato nicht.

Nein, das gibt es nicht. Es wäre wichtig, dass wir so etwas hätten. Auch um den Widerstand in den Firmen zu reduzieren. Die Wissenschafter sollen mit den Firmenleuten reden und diskutieren. Das fehlt.

Nicht wenige Menschen haben Angst vor der KI. Zum Beispiel vor dem Verlust von Arbeitsplätzen. Wie kann man diesen Ängsten begegnen?

Die meisten Arbeitsplätze werden sich durch die KI ändern. Früher hatten die Finanzämter beispielsweise keinen Computer, jetzt haben sie welche.

Die KI ist ein Werkzeug?

Ja, sie ist ein Werkzeug. Einige Jobs werden wegfallen, weil das die KI übernehmen kann.

Zum Beispiel?

Personal, das in Rechtsanwaltskanzleien nach Gesetzestexten sucht oder etwas sortiert. Es hat auf den Bauernhöfen früher Knechte und Mägde gegeben, die gibt es auch nicht mehr. Es wird aber auch neue Jobs geben. Man muss Daten für die KI eingeben, sie sauber machen, es wird Leute geben, die Feedback auf die KI geben müssen. Ich glaube, dass es in Summe mehr neue Jobs geben wird, als alte wegfallen werden. Als die Computer eingeführt wurden, hat es plötzlich die Informatik und die Hardware gegeben.

Es gibt Umfragen bei Firmen, die die KI einsetzen, und bei Firmen, die sie nicht einsetzen. Bei Unternehmen mit der KI hat es mehr Jobs gegeben.

Ein ausgebrochenes KI-Modell von Open AI hat das Technologieunternehmen Hugging Face gehackt. So ein Vorfall schürt natürlich Ängste.

Das ist ein Schmarrn und ein guter PR-Gag. KI bricht nicht aus. Es muss jemand angewiesen haben, dieses oder jenes zu versuchen. Die müssen ja sagen, was die KI machen muss. Nach dem Motto „Schau nach, ob du in dieser oder jener Firma das und das findest.“

Arthur Gregg Sulzberger, Vorstandsvorsitzender der „New York Times“, wirft den KI-Firmen „dreisten Diebstahl“ vor, weil sie die Informationen der Zeitungen aufsaugen, ohne dafür zu bezahlen. Das ist das Ende des Journalismus.

An dieser Kritik ist etwas dran. Ich glaube aber, dass man immer noch Journalisten braucht. Denn ein Problem der KI ist, dass sie darauf trainiert wird, das nächste Wort vorherzusagen, aufgrund von Texten, die es schon gibt. Sie ist nicht darauf trainiert, etwas Neues zu erfinden. Es braucht immer noch jemanden, der kreativ in eine Richtung geht, die es bisher noch nicht gegeben hat. Nur der Mensch weiß, welche Texte welche Emotionen und Stimmungen bei anderen Menschen auslösen. Die KI kennt keine Empathie. Sie kann viel helfen, aber für die zentralen Ideen braucht man Menschen. Nur die Menschen wissen, was andere Menschen interessiert. Und wie präsentiert man das? Die KI kann zwar Texte reproduzieren, sie hat aber kein Weltverständnis.

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