Kein Fußballverein in Engelhartszell

Die kleine Gemeinde an der Donau leidet unter Abwanderung und Geburtenrückgang.

Mittwoch, 12 Uhr mittags: Vereinzelt machen sich ein paar Schulkinder auf den Weg nach Hause, doch sonst ist von den 983 Engelhartszellern wenig zu sehen. Der Marktplatz und die Marktstraße bilden einen ruhigen, stillen Ortskern. Die Geschäfte, wie die Post, der Friseur oder die Bank haben über Mittag geschlossen. Wo sind nur die Bewohner?
 Um knapp 16 Prozent, also um 186   Personen, ist die Gemeinde in den letzten zehn Jahren geschrumpft.  Bürgermeister Roland Pichler sucht die Gründe dafür bei den Studenten und den deutschen Nachbarn. Auch die Altersstruktur spielt in Engelhartszell eine Rolle. Das ortsansässige  Altersheim hebt das Durchschnittsalter.  Laut Pichler melden auch viele Studenten   in ihrem Studienort den Hauptwohnsitz an.  Auch die deutschen Nachbarn sind nicht unwichtig. „Wir haben um die 60 deutsche Staatsbürger, die mit Hauptwohnsitz bei uns gemeldet sind. Sie wurden in der Statistik jedoch nicht erfasst.“ 

Nur mehr zwei Klassen

Die Bevölkerungsstruktur wirkt sich auch auf die Vereine aus. „Wir können seit heuer keine eigene Fußballmannschaft mehr stellen“, sagt Pichler. Derzeit spielen die Engelhartszeller bei den Nachbarvereinen in St. Aegidi und Wesenufer.
Landtagspräsident Friedrich Bernhofer, selber 23 Jahre lang Bürgermeister von Engelhartszell, sieht eine Chance bei den alten Menschen: „Viele Vereine überleben  nur deshalb, weil sich die Senioren dort engagieren.“ Engelhartszell kämpft auch mit den Geburten. „Die Geburtenrate  ist mit sieben bis acht Babys jährlich konstant. Das wirkt sich auch auf die Schulen aus“, weiß Pichler.  Seit 1976 hat die Gemeinde nur mehr eine Volksschule. „Derzeit haben wir zwei Klassen für insgesamt 32 Schüler.“ 

Betroffene

Philipp Schellmann  absolviert gerade seinen Zivildienst beim Roten Kreuz in  Engelhartszell: „Es tut sich nichts hier im Ort.“ Das Hauptproblem sieht der 19-Jährige in der Infrastruktur: „Wenn du kein Auto hast, bist du aufgeschmissen.“  Wohin es ihn nach  seinem Zivildienst  verschlägt, weiß er  noch nicht. „Da muss ich mich nach meinem Beruf richten. Ich möchte aber gerne in Engelhartszell bleiben. ich bin kein Stadtmensch.“
Abt Marianus Hauseder, Vorsteher des Stifts Engelszell, spürt keine Auswirkungen des Einwohnerrückgangs. „Ich empfinde es nicht als alarmierenden Zustand“, sagt der 75-Jährige. „Ich habe jedoch mitbekommen, dass Klassen zusammengelegt werden. Wir erfahren das zum Beispiel  bei der Erstkommunion.“ 
 Arnim Schwidrowski (49)  fühlt sich in Engelhartszell trotzdem wohl. Der ehemalige deutsche Staatsbürger wohnt seit September in der Gemeinde: „Besser kann es hier nicht sein. Die Gemeinde kümmert sich sehr um die Einwohner.“ Auch Sabine Jungreithmayr kann nicht klagen. Sie   hat vor zwei Jahren die Klosterkrämerei übernommen und hat mehr Arbeit als vorher „und viele Kunden.“ Dass die Gemeinde ausstirbt, davor hat Bürgermeister Pichler überhaupt keine Angst.  Der wichtigste Bereich sei der Tourismus, „dadurch können wir längerfristig überleben.“

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( Kurier ) Erstellt am 17.12.2011