„Wir sollten selbstkritischer und bescheidener sein und nicht glauben, dass jeder Bluff mittelfristig Bestand hat“, sagt Gerhard Fröhlich. Er achtet auf Betrug in der Forschung, vor allem im Bereich Medizin.

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Chronik Oberösterreich
02/22/2014

„Leistungsgesellschaft ist ein Mythos“

Linzer Uni-Professor Gerhard Fröhlich über Bluffen und den „Matthäus-Effekt“ in Wissenschaft und Wirtschaft.

von Daniel Scheiblberger

Gerhard Fröhlich lehrt am Institut für Philosophie und Wissenschaftstheorie der Johannes Kepler Universität in Linz. Als Plagiatsgutachter und Wissenschaftsethiker ist er auf Betrug in der Forschung spezialisiert und schaut darauf, dass Doktoranden keinen Unsinn machen.

KURIER: Wird bei wissenschaftlichen Arbeiten viel von anderen geklaut?
Gerhard Fröhlich:
Nur wenn es Prominente trifft, berichten die Medien darüber. Laufend kommt es zu Titelaberkennungen, werden wissenschaftliche Artikel offiziell zurückgezogen. Die Dunkelziffer ist beim Ghostwriting sicherlich hoch. Laut Schätzungen soll ein Drittel aller neueren deutschen Doktorarbeiten in Betriebswirtschaftslehre und Jus von Ghostwritern verfasst worden sein. Wir leben in einer Bluffgesellschaft.

Warum wird eigentlich heutzutage soviel geblufft?
Wenn Menschen ständig gemessen werden, passen sie sich an. Bewerber bekommen heraus, was belohnt wird und was bestraft, und tun dann „als ob“. Man fördert damit nicht ernsthaften Leistungswillen, sondern das Tricksen.

Auch in der Wirtschaft?
Das beginnt bereits bei den Bewerbungen. Studien zufolge sind die Lebensläufe sehr geschönt. Man darf sich ja keine Lücken mehr erlauben. Urlaube im Ausland werden als wichtige Studienaufenthalte verkauft. In der Wissenschaft geben nicht wenige Bewerber Listen mit Publikationen ab, die es noch gar nicht gibt: Bei Anträgen zu medizinischen Forschungsstipendien war ein Drittel gespickt mit Bluff. Pharmakonzerne veröffentlichen vielfach ihre Studien unter dem Namen angesehener „unabhängiger“ Forscher, die nichts getan haben, außer ihren Namen gegen Geld auf den Artikel zu schreiben. Ein holländischer Sozialpsychologe namens Stapel hat sogar alle Forschungsergebnisse einfach frei erfunden. Der Untersuchungsbericht stellte fest: Jeder hat ihn angebetet und ihm geglaubt, es fehlte an jedweder Kritik. Unser System beruht vielfach auf Glauben und auf Matthäus-Effekten.

Was besagt der sogenannte „Matthäus-Effekt“?
Robert K. Merton beruft sich – ein genialer Marketing-Gag – auf das berühmte Zitat aus dem Matthäus-Evangelium: „Denn jenen die haben, wird gegeben werden“. Die Reichen – reich an Ansehen, Verbindungen oder Geld – bekommen leicht immer noch mehr davon. Dieses Prinzip gilt überall, auch in der Wirtschaft.

Wir leben also in keiner Leistungsgesellschaft?
Wenn wir unter Leistung die „reine“ geistige oder fachliche Leistung verstehen, dann würde ich Zweifel anmelden. Wenn Sie Anpassungsfähigkeit, Durchsetzungsvermögen, Intrigieren meinen, dann leben wir wohl in einer Leistungsgesellschaft. Doch manche Erfolgskriterien haben überhaupt keinen Leistungscharakter. Generell sind Einkommen und Status mit Körpergröße und mit Schönheit gekoppelt. Die Leistungsgesellschaft ist insofern ein Mythos. Was haben wir von einem Manager, der fesch ist? Die kritische Elite-Forschung zeigt, dass Schönheit, Körpergröße und familiäre Herkunft die wichtigsten Variablen für den Aufstieg ins Top-Management von Unternehmen sind. Körpergröße ist eine Umwelt- und eine Klassenvariable, ein Anzeichen, wie gut es einem in der Kindheit gegangen ist. Menschen in höheren sozialen Schichten sind durchschnittlich größer.

Sind Ihre Aussagen wissenschaftlich gedeckt?
Wenn kein Bruttosozialprodukt errechnet werden kann, bewerten UNO-Organisationen den Lebensstandard afrikanischer Gesellschaften nach der Körpergröße. Je kleiner ein Volk, umso ärmer ist es demnach. Das ist offizielle Ökonomie. Man kann jede Hungersnot in Europa anhand der Körpergröße nachweisen, denn in Folge wurden die Menschen kleiner. Auch die Frauen waren früher eindeutig kleiner, weil sie schlechter behandelt wurden. Jetzt gleicht sich das erfreulicherweise an.

Wie könnten Bewerbungsverfahren fairer ablaufen?
Bei etlichen Orchestern spielen die Musiker bei ihrer Bewerbung hinter dem Vorhang. Anonyme Bewerbungen, wie sie schon etliche Firmen praktizieren, wären sinnvoll. Damit auch das Geschlecht oder der Migrationshintergrund keine Rolle spielen.

Sie haben anfangs von Belohnungen gesprochen. Haben wir die falschen Anreize?
Viele Anreize in Wirtschaft und Wissenschaft sind schädlich. Wenn ich kurzfristige Erfolge belohne, etwa durch Bonus-Zahlungen bei Managern, die Honorierung von Headhunters nach der Gehaltshöhe des Vermittelten, dann fördere ich kurzsichtige Handlungen und Bluff. Wenn ich die Rotation von Spitzenkräften propagiere, die alle paar Jahre wechseln sollen, fördere ich kurzfristige Handlungen. Die Konzentration auf kurzfristige Aktienkurse, Erfolge und Mobilität als Mantra sind nicht gut, denn dann denken sich viele: „hinter mir die Sintflut“.

Wie dringt denn die Marktwirtschaft in die Wissenschaft ein?
Hedgefonds haben eine Vorliebe für große Wissenschaftsverlage, aufgrund von Gewinnraten von 30 Prozent. Die Österreichische Zeitung für Soziologie gehört letztlich einem Fonds in Singapur. Es gibt hier keinen echten Markt: Wissenschaftler brauchen die Top-Journale für ihre Karriere – man schaut sich ja nur mehr die Kennziffern dieser Publikationen an –, sie haben in einem Fach oft Monopolstellungen, so können Großunternehmen wie Elsevier die Preise logarithmisch steigern. Manche Journalabos kosten einer Uni 20 000 bis 30 000 Dollar im Jahr.

Gibt es noch mehr Effekte?
Der Neoliberalismus hat uns die Uni-Rankings gebracht. Dass man die Universitäten auf einer linearen Skala vergleicht, hält fast jeder für absurd. Es wird letztlich Größe belohnt, Matthäus-Effekte wirken und werden verstärkt. Beim Shanghai-Ranking, einem weltweiten Hochschulranking, zählt auch die Anzahl der Nobelpreisträger. Nobelpreisträger lassen sich aber nicht beliebig vermehren. Die Saudis sind nun ganz schlau. Sie kaufen berühmteste Wissenschaftler ein. Diese müssen dann nur eines tun, nämlich auf ihren Literaturlisten auch die Adresse der Saudischen Unis zu nennen. Das wird von den Uni-Rankings registriert und gemessen und die Saudischen Unis steigen nach oben. Aber eine wirklich gute Uni oder eine guten Manager kann ich nicht in eine dürre Zahl fassen.

Wie kam es zu dieser Herrschaft der Zahlen?
Dieses Messsystem stammt aus der sowjetischen Planwirtschaft, und unser System ähnelt diesem untergangenen System immer mehr. In der Sowjetunion wurde beispielsweise das Plansoll von Christbaumständern in Tonnen Gewicht gemessen, was zur Material vergeudenden Produktion möglichst klobiger Exemplare führte, um bequem des Plansoll zu erfüllen und eine Prämie zu erhalten. In der Wissenschaft zählt die Zahl der Publikationen, daher fahren viele die Salamipublikationstaktik: Möglichst kurze Artikel mit möglichst vielen Coautoren von möglichst vielen Unis – dann hat jeder etwas davon. Statistische Erfolge, aber wenig Substanz .

Was kann man tun?
In einer toleranteren Fehlerkultur würden die Leute weniger bluffen. Heute bedeuten Fehler Schande und werden versteckt. Das kann fatale Folgen haben: Wenn Auftragsforscher die Toten aus der Stichprobe streichen, kann ein gefährliches Medikament zugelassen werden. Darüber hinaus sollten wir endlich längerfristig denken. Ob ein Manager oder ein Forscher wirklich gut ist, ob eine Erfindung etwas taugt, das wissen wir zum Teil erst Jahrzehnte später. Auch Fehler sollten nicht einfach bestraft werden, wenn sie offengelegt werden. Viele wissenschaftliche Entdeckungen beruhen auf Fehlern. Weniger Großkotzigkeit, mehr Bescheidenheit würde uns guttun. Und den Jungen sollten wir mehr Chancen geben.