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Chronik Oberösterreich
03/22/2020

„Jetzt ist es Zeit, Dinge zu überdenken und zu ordnen“

Psychiaterin Margot Peters denkt, dass die neue Solidarität in Österreich nach der Krise weiterleben wird. Und erklärt, warum Panik nicht hilft.

von Claudia Stelzel-Pröll

Heimquarantäne, Isolation, keine Schule, Arbeiten von Zuhause aus, Sozialkontakte nur in minimalstem Ausmaß: Die Maßnahmen zur Eindämmung des Corona-Virus stellen viele Menschen vor große Herausforderungen. Denn plötzlich ist im Alltag alles anders. Margot Peters ist Psychiaterin und ärztliche Leiterin des Reha-Zentrums Sonnenpark in Bad Hall. Im KURIER-Interview spricht sie über die aktuelle Situation in Österreich und wie es alle gemeinsam schaffen können.

KURIER: Was passiert, wenn man, wie derzeit nötig, längere Zeit nur Zuhause verbringt?

Peters: Dieses Wissen, dass man nicht oder nur in Ausnahmefällen nach draußen darf, ist natürlich bedrückend. Ja, das ist belastend für jeden. Aber es trifft alle, niemand ist mit dieser Situation alleine. Wir können aber trotzdem miteinander in Kontakt bleiben, eben auf anderen Wegen als gewöhnlich.

Und es ist jetzt Zeit, über bestimmte Dinge nachzudenken: Welche Ziele habe ich in meinem Leben? Was will ich erreichen? Wir sind jetzt gewohnt, alles jederzeit zur Verfügung zu haben. Da wird und muss es zu einem Umdenken kommen.

Die Isolation kann auch positive Seiten haben?

Auf jeden Fall. Das kann zum Beispiel Menschen betreffen, die derzeit berufstätig sind und noch nie darüber nachgedacht haben, wie sie mal ihr Pensionsleben gestalten wollen. Dafür ist jetzt Zeit.

Ist eine Tagesstruktur jetzt besonders wichtig?

Absolut. Ebenso eine gewisse Form der Disziplin. Damit meine ich: Raus aus dem Bett und dem Pyjama, sich pflegen und anziehen, sich nicht gehen lassen. Jeder sollte sich überlegen, wie er oder sie innerhalb der vier Wände zu einem kleinen Fitnessprogramm kommen kann. Und ich glaube auch, dass jeder einen Kasten zum Ausmisten, einen Keller oder was auch immer zum Saubermachen hat. Das große Reinemachen ist jetzt sicher eine gute Idee. Das kann wirklich strukturiert mit To-do-Listen stattfinden: Am Montag nehme ich mir jenes Regal vor, am Dienstag diesen Schrank, usw. Sich selber Aufgaben stellen, die man abarbeitet und dann auch abhaken kann, ist jetzt sehr wichtig.

Was kann man mit Kindern in diesen Tagen zu Hause machen?

Das sehe ich als sehr große Herausforderung. Hut ab vor allen, die das jetzt meistern müssen. Gerade bei schönem Wetter ist es unglaublich schwierig zu erklären, warum man nicht auf den Spielplatz oder zu Freunden darf. Vor allem weil 14 Tage oder alles darüber eine Zeitspanne ist, die sich Kinder nur sehr schwer vorstellen können. Kinder können ja trotzdem die Kommunikation mit Freunden aufrecht erhalten, in welcher Form auch immer. Man kann sich auch Briefe schreiben oder Zeichnungen schicken. Das ist alles möglich. Man kann sich einfach Aufgaben, über den ganzen Tag verteilt, überlegen. Und es gibt ja auch immer noch die guten, alten Spiele.

Wohin können sich Menschen mit ihren Ängsten und auch existenziellen Sorgen wenden?

Da gibt es jede Menge Kummer-Nummern. Da kann man sich an eine dieser Hotlines wenden und schauen, dass man zu einem entlastenden Gespräch kommt. Und auch hier ist es so: Es trifft alle. Es wird aber auch für alle wieder weitergehen. Unser gemeinsamer Auftrag an alle ist jetzt, eine gute, positive Stimmung zu verbreiten und nicht alles schwarzzumalen.

In solchen Extremsituationen zeigt sich das Beste, aber auch das Schlechteste im Menschen. Warum ist das so?

Weil einfach ganz viele Dinge, die ich mal „Oberflächenkaschierung“ nenne, wegfallen. Es ist jetzt plötzlich nicht mehr wichtig, ob heuer rosarot oder himmelblau die Modefarbe ist. Sondern es geht jetzt wirklich um lebensnotwendige Dinge. Ich finde es zum Beispiel großartig, wie viele Zivildiener sich schon freiwillig gemeldet haben. Und das ist auch so ein Stückchen österreichische Seele: Jetzt rück’ ma alle z’amm – auch wenn wir Abstand halten.

Was sagen Sie zu den Hamsterkäufen, die es in den vergangenen Wochen gegeben hat?

Diese Panikmache halte ich für völlig übertrieben. Wir sind gut aufgestellt, es ist alles da. Es könnte vielleicht sein, dass ich nicht meinen Lieblingssalat bekomme, sondern halt einen anderen. Es wird zu Einschränkungen kommen, das ist klar. Aber wir werden nicht verhungern, verdursten oder verdrecken.

Woher kommt dieses irrationale Verhalten?

Man lässt sich anstecken von den anderen. Wir sind in einer Situation, die wir noch nie hatten, die sich keiner vorstellen konnte und die trotzdem jetzt Realität ist. Und da gibt es natürlich die Sorge: Was ist, wenn das alles zusammenbricht? Wenn dann ein Regal leer ist, schürt das irrationale Ängste. Ich glaube nicht, dass die Hamsterkäufe aufhören, weil die Leute vernünftig werden. Die hören deshalb auf, weil sämtliche Kühlschränke, Kühltruhen und Abstellräume bis oben hin vollgeräumt sind mit allem. Man kann die Sachen jetzt einfach nicht mehr daheim lagern. Das ist meine Hypothese.

Und warum hamstern Menschen Klopapier?

Da habe ich wirklich keine Ahnung, dafür gibt es keine psychologische Erklärung. Das muss ein Dominoeffekt sein.

Was gilt es aktuell für Menschen mit psychischen Krankheiten zu beachten?

Die meisten Psychotherapeutinnen und -therapeuten arbeiten jetzt auch übers Telefon. Das machen auch alle Beratungsstellen und Krisentelefone, hier wurde schon Personal aufgestockt. Da wird im Vorfeld versucht, das Problem kleinzuhalten. Und auch hier gilt wieder: Alle sitzen im gleichen Boot. Niemand ist jetzt der einzig Arme.

Was können wir alle zur Lage beitragen?

Irgendwelche Ängste zu verbreiten, ist nicht schlau. Da müssen wir uns alle selbst am Riemen reißen. Wenn ich selber eine Angst wovor auch immer habe, muss ich nicht ganz Österreich mit einbeziehen. Das hilft keinem. Sprich, wir müssen uns genau überlegen, was wir in den Sozialen Medien teilen und weiterschicken. Und wenn Taufen, Hochzeiten oder Geburtstagsfeiern abgesagt werden müssen, ist das natürlich ein großer Einschnitt. Aber viele Dinge lassen sich nachholen. Vielleicht in ein paar Wochen, vielleicht in einem halben Jahr. Wenn wir es schaffen, uns eine positive Grundstimmung zu erhalten, dann ist viel erreicht.

Bei vielen ist die Sinnhaftigkeit der Maßnahmen angekommen. Aber vor allem bei der älteren Generation gibt es zum Teil Skepsis und Vorbehalte, ob denn das wirklich alles in dieser Härte nötig sei.

Mit zunehmendem Alter wird es immer schwieriger sich umzustellen, egal worauf. Das ist jetzt eine grundlegende Systemumstellung. Mit zunehmendem Alter werden auch die Reaktionszeiten länger. Ältere Leute sind stark in ihren Routinen verankert und das plötzlich umzustellen, ist schwierig. Oft haben sie ja am Markt oder beim Nahversorger ihre sozialen Kontakte. Und manche werden es erst dann kapieren, wenn sie bemerken, dass sie auch im Geschäft keine sozialen Kontakte haben, weil keiner mehr da ist. Wenn man sich anschaut, was ein kleines Kind jeden Tag lernt, und bemerkt, dass das schon ein paar Jahrzehnte später nicht mehr so funktioniert, dann denke man bitte daran, dass sich alte Menschen noch schwerer tun, Neues zu lernen.

Rundum ist so viel Solidarität zu beobachten, mit Nachbarschaftshilfen und ähnlichen Initiativen.

Das ist Österreich, darin sind wir einfach gut. Ich weiß nicht, wie es die anderen Länder machen, aber in Österreich war es schon immer so, dass es einen Zusammenhalt gibt, wenn es eng wird. Und da werden plötzlich Dinge möglich, die man sich nie vorstellen konnte. Wenn es uns zu gut geht, verlernen wir das alles. Aber jetzt packt jeder an. Ich finde das zum Beispiel erstaunlich, dass Kika-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter plötzlich im Lebensmittelhandel arbeiten. Das ist großartig und zeigt: Wir sind schon ein gutes Volk.

Wie wird sich Österreich durch die Corona-Pandemie verändern?

Ich hoffe und glaube, dass wir alle diese positiven Dinge, die jetzt in der Krise hervorkommen, länger aufrechterhalten werden. Und dass nicht dieser Grund-Grant, der in Österreich oft herrscht, zurückkommen wird, sondern dass diese neue Solidarität weiterleben wird.

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