Hitzeschutz: Ein Hektar Wald gibt 60.000 Liter Wasser pro Tag ab
Georg Schöppl, Vorstandssprecher der Bundesforste
Georg Schöppl ist Vorstandssprecher der Österreichischen Bundesforste. Er gehört dem Vorstand seit 2007 an, sein Vertrag wurde soeben bis 2032 verlängert. Der 59-jährige Oberösterreicher stammt aus Weng (Bez. Braunau). Die Bundesforste verwalten eine Gesamtfläche von 850.000 Hektar, davon sind 510.000 Hektar Wald. In Oberösterreich beträgt die Waldfläche der Republik 117.000 Hektar. Das ist der Kobernaußerwald („unsere Speckkammer“), das Salzkammergut und der Nationalpark Kalkalpen. Dem Staat gehört auch noch der „Badewannenrand“ der Salzkammergutseen, dazu kommen die Fischwasser im Hallstättersee, Grundlsee, Altausseer See und Toplitzsee.
KURIER: Die Trockenheit setzt der Natur zu. Wie groß ist das Problem für die Wälder?
Georg Schöppl: Sie ist ein Riesenproblem. Wir hatten den trockensten Winter und das trockenste erste Halbjahr der Messgeschichte. Das sagen die Daten von Geospere Austria. Wir haben heuer aber überraschenderweise wenig Schadholz. Es gab keine großflächigen Winterstürme. Deshalb gibt es trotz der Trockenheit im Moment wenig Bäume, die vom Borkenkäfer befallen sind.
Können Sie Maßnahmen gegen die Trockenheit setzen?
Unsere Mitarbeiter sind ab Februar im sogenannten Käfer-Modus. Wir suchen Schadholz. Das Wichtigste ist, dass wir es möglichst rasch aus dem Wald bringen. Denn der Schädling vermehrt sich exponentiell. In gefährdeten Gegenden schneiden wir Bäume um, in die der Käfer eindringt. Nach den zehn bis 14 Tagen ist der Baum voll von Borkenkäfern, dann holen wir ihn aus dem Wald raus.
Neben diesen kurzfristigen Maßnahmen bauen wir unseren Wald um. Das ist unser Langfristprojekt. Im Kobernaußerwald haben wir heute mehr als 50 Prozent Fichten, wir schauen, dass mehr Laubbäume, mehr Lärchen mehr Tannen, mehr Vielfalt reinkommen.
Die Gefahr von Waldbränden ist gestiegen. Können Sie hier Vorsorgemaßnahmen setzen?
Die Waldbrandgefahr hat dramatisch zugenommen. In den vergangenen Jahren waren die größte Gefahr die Lagerfeuer und die Zigarettenstummel. In den letzten Wochen waren es die Blitze. Wir haben eine ausgezeichnete Kooperation mit den Feuerwehren. Das österreichische Feuerwehrsystem gehört zu den besten der Welt. Wir üben verstärkt die Einsätze im Wald. Als ich begonnen habe, waren Waldbrände bei uns kein Thema, das hat damals nur den Süden wie Spanien oder Griechenland betroffen. Jetzt sind sie bei uns angekommen.
Gegen das Sinken des Grundwasserspiegels kann man kaum etwas unternehmen?
Die ehrliche Antwort, nein, man kann nichts machen. Das Grundwasser hängt vom Niederschlag ab, dafür ist der Winterniederschlag das Wichtigste. Ein Hektar Wald gibt an einem heißen Tag 60.000 Liter Wasser ab, die da verdampfen. Das ist der Grund, warum es im Wald kühler ist. Das, was man machen kann, ist der sorgsame Umgang mit dem Verbrauch. Man wird die überregionale Vernetzung verbessern müssen. Denn nördliche Regionen wie das Waldviertel oder das Marchfeld werden über kurz oder lang eine zusätzliche Versorgung benötigen.
Der Umbau des Waldes ist die Antwort auf die Klimaerwärmung.
Die Fichte ist rückläufig, in den vergangenen Jahren bereits um 16.000 bis 17.000 Hektar. Wir sind schon unter 300.000 Hektar. Das wird so weitergehen, je nach Region unterschiedlich. Im Kobernaußerwald werden wir künftig rund ein Drittel Fichten haben. In höheren Lagen wie dem Pinzgau oder dem Pongau wird die Fichte weiter über 50 Prozent ausmachen. Es gibt dort mehr Niederschläge und es ist nicht so heiß.
Durch welche Hölzer werden die Fichten ersetzt?
Lärche, Tanne, Laubhölzer wie Buche , Bergahorn und Eiche. Wir setzen generell auf Vielfalt und auf Naturverjüngung. Wir schneiden nicht einfach um und setzen neue Pflanzen. Wir schauen zuerst, was die Natur bringt. Dann pflanzen wir gezielt dazu.
Eine Folge des Klimawandels sind extremere Wetterereignisse wie mehr Stürme.
Die Hitze ist bewiesen, aber nicht, dass es mehr Stürme gibt. Die Wetterphasen dauern länger, sowohl die trockenen als auch die Regenwetterphasen. Mit jedem Grad Plus kann die Luft sieben Prozent mehr Wasser speichern. Wenn es regnet, dann regnet es um das mehr. Ein Wald kann pro Quadratmeter 80 Liter Wasser aufnehmen. Alles darüber rinnt weg. Wenn es wie im September 2024 300 Liter regnet, rinnen mehr als 200 Liter weg. Das sind 20 Kübel pro Quadratmeter.
Der Wald wird immer wichtiger. Vor allem zum Abbau von CO2. Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber empfiehlt, viel mehr Bäume anzupflanzen. Wäre das nicht eine wunderbare Aufgabe für die Bundesforste?
Wir haben gemeinsam mit Schellnhuber, der Firma Wiesner Hager und anderen eine Initiative gegründet. Es ist ein ganz wichtiger Auftrag, CO2 aus der Atmosphäre zu nehmen und es zu speichern, indem man Wälder nachhaltig bewirtschaftet und aus dem geernteten Holz Bauholz macht. Zement, Stahl, Beton etc. sollen durch Holz ersetzt werden.
Die österreichische KI ist das Holz. Hier sind wir Weltklasse. Noch dazu nachhaltig produziertes Holz. Daraus machen wir Produkte von Weltklasse. Österreich ist beim Holz die Nummer sechs der Welt.
Aber wird Holz im eigenen Land nicht viel zu wenig genutzt?
Wir haben sicher Potenzial, hier noch mehr zu tun. Im Bau und im Privatwald könnte man mehr tun.
Wie geht es den Bundesforsten mit den Mountainbikern, die in ihren Wäldern unterwegs sind?
Die allermeisten Menschen wollen spazieren gehen. Circa zehn bis 15 Prozent wollen radfahren, für sie muss man Möglichkeiten schaffen. Rund 2500 Kilometer sind für Mountainbiker freigegeben. Sie werden gerne genutzt, sind gekennzeichnet, die Fahrer wissen, wo eine Hütte zur Verpflegung ist. Wir wollen nicht, dass kreuz und quer gefahren wird.
Aber das passiert häufig.
Wir machen höflich darauf aufmerksam, dass das nicht geht. Wir versuchen zu erklären, dass das für die Natur nicht gut ist. Die meisten sind vernünftig, aber es ist ein Thema. Deshalb ist der Dialog so wichtig.
Der Kobernaußerwald gilt als "Speckkammer" der Bundesforste. Es sollen dort zusätzliche Windräder errichtet werden.
Im Kobernaußerwald sollen weitere Windräder errichtet werden, die Bundesforste sind daran wesentlich beteiligt. Die MFG lehnt die Windräder ab, weil Straßen errichtet und Grundfesten enormen Ausmasses betoniert werden müssen. Windräder schädigen den Wald.
Nein, das stimmt nicht. Im Kobernaußerwald haben wir mit Professor Hubert Hasenauer, dem Leiter des Instituts für Waldbau an der Universität für Bodenkultur, ein Konzept erstellt. Vom Eingriff in die Natur gibt es kaum etwas Geringeres als die Windkraft, in Relation zur Ausbeute. Das Fundament ist rund eineinhalb Fußballfelder groß. Darauf kann man zwölf Gigawatt Stromstunden produzieren, also Strom für 3000 bis 4000 Menschen.
Wir haben im Kobernaußerwald ein umfangreiches Straßennetz, da muss man keine zusätzlichen Straßen anlegen. In den fünf betroffenen Gemeinden (Munderfing, Lohnsburg, Schalchen, St. Johann am Walde, Schmolln) gab es in vier einstimmige Beschlüsse des Gemeinderates, in einer war die FPÖ-Fraktion dagegen. Wir bauen nicht, wenn die Bevölkerung dagegen ist.
Das Hauptthema ist ein emotionales. Empfindet man die Windräder als schön oder als Beeinträchtigung? Natürlich ist Energieerzeugung ein Eingriff in die Natur. Selbst ein Wasserkraftwerk. Die Frage ist eine Güterabwägung, und wie macht man es? Wenn man es geschickt macht, kann das Biotop gut damit umgehen. Das bringen wir hin.
Seit ich bei den Bundesforsten bin, haben wir acht Wasserkraftwerke gebaut und einen großen Windpark in den Fischbacher Alpen. Wir produzieren gemeinsam mit Partnern im Jahr 340 Gigawattstunden Strom. Damit versorgen wir rund 100.000 Haushalte.
Das ist ökologisch und ein gutes Geschäft.
Richtig. (lacht) Nachhaltigkeit hat drei Säulen: eine ökologische, eine nachhaltige und eine wirtschaftliche. Sie ist gut, wenn sie auf allen drei Füßen stehen kann.
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