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Beziehung
07/19/2015

Harmonisch in den Urlaub starten

Plötzlich bleibt viel Zeit zu zweit. Experten raten: Geduld haben und Streit als Chance sehen.

von Claudia Stelzel-Pröll

Lange ersehnt, ist er endlich da – der gemeinsame Sommerurlaub. Ab jetzt regieren Friede, Freude, Sonnenschein - oder doch nicht? Allzu schnell bemerken Paare, dass das Ende des gewohnten Alltags oft der Beginn von Streit und Meinungsverschiedenheiten ist. Alles, was in den vergangenen Monaten unter den Teppich gekehrt wurde, hat nun genug Zeit, für Unruhe zu sorgen.

Warum das nicht immer ein Nachteil sein muss, wie viel Streit denn noch "normal" ist und wie man den Urlaub als Chance für die Beziehung nutzen kann, erklären zwei Experten: Dr. Maria-Theresia Müllner ist Leiterin des Familientherapie-Zentrums und der Männerberatung des Landes Oberösterreich und Dr. Richard Schneebauer arbeitet in dieser Einrichtung als Berater.

KURIER: Warum fällt es zu Beginn des Urlaubs oft so schwer, sich aufeinander einzustellen?

Maria-Theresia Müllner: Das kann verschiedene Gründe haben. Vor dem Urlaub gibt es meist besonders viel Stress. Und vieles, was monatelang liegen geblieben ist – auch beziehungstechnisch – kommt plötzlich zum Vorschein. Oft liegt es auch an verschiedenen Erwartungen der Partner: Urlaub ist vor allem einfach freie Zeit. Alles, was passieren soll, muss man sich selbst schaffen, durch Eigeninitiative. Während sich der eine viel Ruhe wünscht, erwartet sich die andere Action und Abenteuer. Da kann es dann schnell zum Konflikt kommen.

Muss Konfliktbewältigung im Urlaub neu gelernt werden?

Richard Schneebauer: Ich denke, das ist wie mit dem Radfahren. Wenn es bereits eine Streitkultur gab, dann verschwindet die nicht einfach. Vielleicht müssen die Strategien wieder neu geübt werden und man fühlt sich dabei unsicher, aber das darf alles sein. Wichtig ist nur, nicht immer die Verantwortung abzugeben, sondern selber etwas zur positiven Konfliktbewältigung beitragen. Ein Anfang könnte zum Beispiel sein, ruhig zuzuhören, wenn der andere spricht.

Wie viel Streit ist "normal"? Wann sollte man sich als Paar Gedanken machen?

Müllner: Jeder Mensch ist ein Individuum, das heißt, was für den einen noch völlig in Ordnung ist, kann für den anderen schon sehr belastend sein. Wenn man als Paar oder als Einzelperson sehr unter den Streitereien leidet, sollte man sich aber auf jeden Fall Hilfe von außen dazu holen.

Was bedeutet Urlaub für sozial schwache Familien oder Paare?

Müllner: Da ist die Lage prekär. Es gibt auch in Österreich Familien, die es sich nicht leisten können, ein paar Tage wegzufahren. Oder Familien, bei denen sogar der Eintritt ins Freibad ein finanzielles Problem darstellt. Da sind der Frust und das Konfliktpotenzial oft noch höher - und Streit vorprogrammiert: Denn vom Traumurlaub bleiben schlussendlich nur viele freie Tage, wenig Geld und das Gefühl, Kindern oder dem Partner nichts bieten zu können. Wobei: Es gibt tolle Ferienangebote, etwa auch von der Stadt Linz, die wenig oder gar nichts kosten.

Der erste gemeinsame Urlaub als Paar steht an. Kann, soll man sich darauf vorbereiten?

Müllner: Wer keine speziellen Erwartungen mitbringt, sondern sich auf den anderen einlassen kann, hat schon mal gewonnen. Ganz prinzipiell: darauf freuen, neugierig sein und auch mal für ein paar Stunden alleine etwas unternehmen.

Merken Sie in der Beratung eine Häufung von Konflikten oder Trennungen während der Urlaubszeit?

Müllner: Nein, das merken wir nicht. Wen wir tatsächlich bemerken, ist der klassische "Kurschatten". Diese kurze Affäre während einer Kur macht eine Beziehungskrise sichtbar und begegnet uns tatsächlich relativ häufig in unseren Beratungen und Therapien.

Wie kann es gelingen, den gemeinsamen Urlaub als Chance für die Beziehung zu sehen?

Schneebauer: Ein positiver Blick auf die Startschwierigkeiten ist ganz wichtig, nach dem Motto: Gut so! Alles, was zugedeckt war, kommt jetzt ans Licht und wir haben die Chance, daran zu arbeiten! Also nicht gleich die Nerven wegschmeißen, wenn es in den ersten Urlaubstagen öfter kracht. Das ist ganz normal, wir sind keine Maschinen und müssen uns einfach aufeinander einstellen.

Ein offenes Zentrum für alle Anliegen

Ob Beziehungsprobleme, Erschöpfungszustände, Erziehungsfragen oder persönliche, soziale Aspekte – das Familientherapie-Zentrum (FTZ) des Landes OÖ ist offen für Anliegen aller Art. Nach telefonischer Kontaktaufnahme wird nach einem Erstgespräch entschieden, ob eine Therapie oder eine Beratung notwendig ist.

Die Kosten für die Unterstützung sind nach sozialem Einkommen gestaffelt und beginnen bei neun Euro pro Einheit. "Unser Angebot soll wirklich für jeden leistbar sein", sagt die Leiterin des FTZ, Maria-Theresia Müllner. An die Institution angegliedert ist auch die Männerberatung.

Infos: FTZ, Figulystraße 27, 4020 Linz, 0732/66 64 12, www.familientherapie-zentrum.at

Wie Patchwork in den Ferien gelingen kann

"Mama weint jedes Mal, wenn ich ihr davon erzähle, dass ich gerne mit Papa auf Urlaub fahren möchte." Oder: "Die Streitereien zwischen meinen Eltern werden immer mehr. Ich halte das nicht mehr aus." Fast jeden Tag sind die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Kinder- und Jugendanwaltschaft (KiJA) des Landes OÖ mit solchen oder ähnlichen Hilferufen konfrontiert.

Getrennt in den Urlaub

"Besonders in den Ferien häufen sich die Anfragen von Kindern getrennt lebender Eltern bei uns", sagt die Kinder- und Jugendanwältin Christine Winkler-Kirchberger. Oft flammen Konflikte neu auf, wenn die Eltern viel Zeit füreinander haben. Oder wenn es darum geht, dass das Kind mit Papa und seiner neuen Lebensgefährtin an den Strand fahren soll. "Ich möchte an die Eltern appellieren, es vor allem Scheidungs- und Trennungskindern so leicht wie möglich zu machen. In den meisten Fällen möchten Kinder unbelasteten Kontakt zu beiden Elternteilen", erklärt Winkler-Kirchberger.

Oft nehmen Kinder und Jugendliche von sich aus telefonisch, über WhatsApp, eMail oder per SMS Kontakt und fragen nach Unterstützung in Krisensituationen. 2522 Hilfen in Einzelfällen leistete die KiJA im Vorjahr. Die neu überarbeitete Broschüre "Unser Kind" enthält neben Rechtsinfos auch eine "Checkliste für Eltern". Sie soll Eltern dienen, sich mit der Sicht des Kindes in einer Trennungssituation auseinanderzusetzen. Die Broschüre kann kostenlos bei der KiJA bestellt oder im Internet heruntergeladen werden.

Internet: www.kija-ooe.at

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