Gesundheitsökonom: „Weniger Leistungen, höhere private Zuzahlungen“
Gerald Pruckner, Professor für Gesundheitsökonomie an der Linzer Johannes Kepler Universität
Gerald Pruckner ist Professor für Gesundheitsökonomie am Institut für Volkswirtschaft an der Linzer Johannes-Kepler-Universität. Der 61-Jährige ist auch Dekan der Fakultät für Sozial- und Wirtschaftswissenschaften.
KURIER: In Ihrem Referat vor der Vollversammlung der Arbeiterkammer haben Sie festgestellt, dass die Anzahl der Allgemeinmediziner pro 1.000 Beschäftigten in Oberösterreich zwischen 2013 und 2022 um 17 Prozent gesunken ist. Das betrifft vor allem die Kassenpraxen. Das ist ein Problem.
Gerald Pruckner: Ja und nein. Es ist ein Problem, dass sie mit der Zeitreihe weniger werden. Es ist dann kein Problem, wenn jemand behaupten würde, dass die Ärztedichte bei uns in Österreich so viel höher ist, dass der Rückgang nicht so dramatisch ist. Ich würde trotzdem sagen, es ist schon ein Problem.
Die Patienten bevorzugen die Spitalsambulanzen, dabei sind die Spitäler die teuerste Gesundheitsversorgung. Am sinnvollsten wäre die Verlagerung der Patientenströme zu den Ärzten vor Ort. Ist das auch Ihr Befund?
Wir möchten mehr Leute draußen behandeln. Weil es weniger kostet und die Leistung und Behandlung adäquat ist. Manmuss viele Erkrankungen nicht im Spital behandeln. Wir beobachten in den Spitälern, dass es innerhalb der Häuser zu einer Amubulantisierung kommt. Das heißt, die stationären Leistungen gehen leicht zurück, die spitalambulanten Leistungen nehmen zu. Die Leute sollen durchaus in die Ambulanzen gehen, weil sie im Augenblick keine andere Möglichkeit haben. Wir brauchen dort dann die Manchester-Triage.
Was ist das?
Das bedeutet, dass jeder Patient in der Ambulanz sofort jemand braucht, der ihn begutachtet. Der Arzt sagt ihm dann, Du gehst wieder nach Hause und gehst nächste Woche zum niedergelassenen Arzt. Ein anderer Patient wird der nächsten Tür zugewiesen, weil er näher begutachtet werden muss, und beim Dritten ist klar, dass er stationär bleiben muss. Dieses standardisierte Ersteinschätzungsverfahren funktioniert in anderen Ländern viel besser als bei uns. Die Ärzte, die diese Triage in den Spitälern durchführen, sind zum Teil niedergelassene Allgemeinmediziner und nicht hoch bezahlte Experten. Das ist niederschwellig und relativ kostengünstig.
Würde es nicht dennoch mehr Allgemeinmediziner und mehr Kassenärzte brauchen?
In der Allgemeinmedizin brauchen wir tatsächlich mehr Kassenärzte. In der Diskussion um die Kostenexplosion wird die Patientenlenkung noch ein großes Thema werden. Für die Gate-Keeping-Funktion (Steuerungs- und Lotsenfunktion) brauchen wir mehr Allgemeinmediziner.
Die Gesundheitsministerin möchte Wahlärzte für die kassenärztliche Versorgung einspannen. Ein vernünftiger Vorschlag?
Dass man sie beteiligt, ist vernünftig. Sie sind auch schon beteiligt, vor allem im fachärztlichen Bereich. Inzwischen gehen bereits so viele Menschen zu Wahlärzten, dass diese auch schon versorgungsrelevant sind. Den Vorwurf, dass sich diese nur die Rosinen rauspicken, sehe ich so nicht, weil sie bereits so breit in der Versorgung sind. Allerdings machen sie sich ihre eigenen Honorare und sind ökonomisch auf einem anderen Weg.
Auf diese Art und Weise wird ein Teil der Kosten von den Kassen weg hin zu den Patienten ausgelagert. Bei meinem letzten Besuch hat die Wahlärztin für die Spritzen gegen Gürtelrose und für den Zeckenschutz 61,80 Euro verrechnet, die Gesundheitskasse hat 3,75 Euro rückerstattet.
Ein gewisser Anteil wird jedenfalls ausgelagert.
Bund, Ländern, Gemeinden und Sozialversicherungen stöhnen unter den steigenden Kosten des Gesundheitssystems. Anton Mattle hat sich als Vorsitzender der Landeshauptleutekonferenz für eine Finanzierung aus einer Hand ausgesprochen. Einsinnvoller Vorschlag?
Grundsätzlich ja. Wir Ökonomen fordern das seit Jahren. Wir haben jetzt ein geteiltes System. Der niedergelassene Bereich fällt in die Zuständigkeit der Sozialversicherungsträger, für den stationären Bereich sind die Länder zuständig. Das bedeutet Schnittstellenprobleme und Friktionen. Wenn ein Patient Freitagnachmittag keinen Facharzt mehr vorfindet, geht er ins Krankenhaus. Damit ändert sich die Finanzierung. Man kann daher nie so gut planen wie bei einer Finanzierung aus einer Hand. Bei einer Finanzierung aus einer Hand hat man es selbst in der Hand, wo der Patient versorgt werden soll.
Mattle möchte das in jedem Bundesland separat installieren. Peter McDonald, derzeitiger Vorsitzender des Österreichischen Gesundheitskasse, lehnt das ab, er will eine zentrale Stelle in Wien, mit dem Argument, es wären bei Mattle neun Bundesländer-Hände.
Wir haben momentan ein massives Problem im Gesundheitswesen. Wir verlieren uns aber viel zu schnell an juristischen Debatten, wo zum Beispiel die genaue Grenze einer Versorgung ist. Diese Dinge sind wichtig und müssen auch geklärt werden. Aber bevor wir das tun, sollten wir uns die großen ökonomischen Fragen anschauen. Wie können wir eine explodierende Anzahl älterer Menschen versorgen?
Wie können wir das lösen?
In Oberösterreich ist in den vergangenen 20 Jahren die Zahl der Menschen, die älter als 65 sind, um 40 Prozent angestiegen. Derselbe Anstieg steht in den nächsten 20 Jahren noch einmal bevor. Neben dem demografischen Problem haben wir einen unglaublichen Fortschritt in den Behandlungen. Zum Beispiel fantastische Ergebnisse in der Behandlung von Mammakarzinomen. Die Mortalität ist tief nach unten gesunken, die Arbeitskraftbeteiligungen der Frauen ist viel besser als früher, aber die Behandlung ist unglaublich teuer. Ähnliche Diskussionen haben wir bei kardiovaskulären oder bei demenziellen Erkrankungen.
Die Kosten explodieren.
So ist es. Was kann man tun? Es ist schwer, wenn wir die Diskussionen immer so klein-klein führen. Die großen Themen wagt man wahrscheinlich nicht anzugehen.
Man muss sie angehen, denn die Kosten laufen aus dem Ruder, es muss sie jemand tragen.
Dieses Tragen haben wir ja schon. Die Wartezeiten gehen noch oben, bei einem niedergelassenen Kassen-Augenarzt gibt es monatelang keinen Termin. Die Menschen müssen auf Eingriffe länger warten.
Ein Pensionist aus Zwettl hat mir erzählt, er bekommt ein neues Knie, aber er muss auf die Operation im Krankenhaus Rohrbach ein Jahr warten.
Wir haben aber im internationalen Kontext immer noch moderate Wartezeiten, weil wir besser als andere Länder aufgestellt waren. Die Tendenz geht in die Richtung, dass wir die Leistungen nicht mehr so und so kurzfristig wie in der Vergangenheit bekommen. Das wird sich verschärfen. Wir werden über Leistungsbegrenzungen reden müssen.
Oder es muss mehr Geld ins System. Entweder von privater und/oder öffentlicher Seite.
Österreich gibt zwölf Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Gesundheit aus. Damit rangieren wir im internationalen Vergleich relativ weit oben.
Israel gibt beispielsweise sieben Prozent aus.
Wir geben pro Person 6.700 Euro pro Jahr für Gesundheit aus. Das Geld kommt aus Krankenkassen, Steuergeldern und privaten Zuzahlungen.
Die privaten Zuzahlungen werden mehr werden, Christoph Badelt, Präsident des Fiskalrates, plädiert für Selbstbehalte.
Die privaten Zuzahlungen steigen relativ moderat. Von den 12 Prozent des BIP ist es ungefähr ein Viertel.
Die Menschen müssen sich darauf einstellen, aus der eigenen Tasche mehr für Gesundheit leisten zu müssen.
Ein deutsches Expertenpanel hat Dinge auf den Weg gebracht. Um es auf Österreich umzulegen, müsste man die Zahlen durch zehn dividieren. Die Deutschen wollen 19 Milliarden bei den Leistungserbringern einsparen (Einsparungen bei Arzthonoraren). 12 Milliarden sind Ausgaben für Migranten, die wollen sie an den Bund verschieben. Der dritte Punkt sind Beitragserhöhungen.
Die Versicherungsanstalt für die öffentlich Bediensteten in Österreich hat mit 1. Juni den Selbstbehalt auf 20 Prozent erhöht. In Deutschland werden bestimmte Leistungen gestrichen, wie zum Beispiel die Hautkrebsfrüherkennung, kieferorthopädische Leistungen. Die Reise wird auch in Österreich in die Richtung gehen, dass es mehr Beteiligungen der Patienten braucht und es auch mehr Leistungseinschränkungen brauchen wird.
Man könnte auch auf dem Standpunkt stehen, unser Gesundheitssystem System ist nicht effizient genug.
Die Ineffizienzen muss man beseitigen, aber das wird vermutlich nicht reichen.
Wir haben sicher Themen wie Doppeldiagnostiken, mehrfache Röntgenaufnahmen etc. Aber die Beseitigung der Ineffizienzen wird zur Kostenabdeckung nicht reichen. Es geht sich mit der Demografie und Kostendynamik nicht mehr aus.
Es muss mehr Geld ins System?
Oder Leistungen reduzieren. Mehr Geld ins System ist schwierig, weil wir schon so viel Geld dafür ausgeben.
Kommentare