Georg RATHWALLNER AK

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Interview
08/31/2013

„Fehlberatung bei Finanzen kostet Leute viel Geld“

Bei Lebensversicherungen sollten besonders Junge aufpassen, warnt der Konsumentenschützer.

von Christoph Weiermair

Georg Rathwallner (62) leitet seit 1991 die Konsumenteninformation der Arbeiterkammer OÖ. Mit dem KURIER sprach er über den Immobilienboom, Fehlberatung bei Finanzprodukten und teure Lebensmittel.

KURIER: Unlängst habe ich in einer Linzer Bäckerei für eine Topfengolatsche und zwei Stück Gebäck 4,80 Euro gezahlt. Das ist doch Wahnsinn.
Georg Rathwallner: Die Preise für Lebensmittel sind seit 2008 deutlich stärker gestiegen als der Verbraucherpreisindex. Es gibt Produkte, die preispositioniert sind wie etwa Fleisch. Da weiß der Handel, dass er sie nur über den Bestpreis verkaufen kann. Und es gibt Produkte, bei denen der Konsument nicht so auf den Preis schaut, wie zum Beispiel Backwaren. Da gibt es auch die stärksten Preissteigerungen.

Auch Gemüse und Obst werden immer teurer.
Ja. Es gibt es zwar Billigst-aktionen, aber die Preise sind insgesamt gestiegen.

Manche Rispentomaten in der Tasse kosten 2,99 Euro je 250 Gramm. Warum zahlen Konsumenten einen Kilopreis von fast zwölf Euro für Tomaten?
Das sind Modeprodukte. Dort setzt der Handel Preiserhöhungen durch. Die Kunden werden mit Sonderangeboten gelockt, die vielleicht zwei Prozent des Sortiments betreffen. Bei allen anderen Produkten wird kassiert. Wenn man die Prospekte durchblättert, hat man den Eindruck, es gebe einen Preiskampf. Tatsächlich wird nur mit ganz wenigen Produkten eine Preispositionierung gemacht. Der Rest ist weit weg vom Bestpreis.

Sind Lebensmittel im Warenkorb, aus dem der Verbraucherpreisindex berechnet wird, ausreichend gewichtet?
Ja. Im Durchschnitt gibt ein Haushalt nur 15 Prozent des Einkommens für Lebensmittel aus. Wenn jemand aber bloß 1000 Euro im Monat verdient, ist der Anteil der Ausgaben für Lebensmittel natürlich deutlich größer.

Diese Leute können sich auch das Wohnen kaum noch leisten. Wie beurteilen Sie die Entwicklung bei den Mietkosten?
Die Steigerungen waren in den letzten Jahren dramatisch. Wohnungsmieten waren im Juli um 2,6 Prozent teurer als im Vorjahr, die Betriebskosten um vier Prozent. In Wien gibt es noch einen sehr gut geschützten Bereich, in Linz schaut es da schon deutlich schlechter aus. Gerade am freien Markt werden die Mieten immer höher, auch, weil es derzeit eine unheimliche Spekulation auf Immobilien gibt.

Warum?
Viele investieren in Immobilien, weil sie am Sparbuch kaum Zinsen bekommen, ihnen Aktien zu riskant und Unternehmensanleihen zu unsicher sind. Sie sagen, da kaufe ich mir lieber eine Wohnung, ein Haus oder ein Grundstück. Dabei spielen die Kosten offenbar überhaupt keine Rolle. Dieser Run auf Immobilien erhöht natürlich die Preise und letztlich auch die Miete.

Worauf sollte man achten, wenn man jetzt in Immobilien investieren möchte?
Ich glaube, dass derzeit viel zu hohe Preise gezahlt werden. Die Nachfrage ist enorm, das Angebot kommt kaum mit. Ich bin mir sicher, dass diese Blase in zwei, drei Jahren platzen wird.

Sie sprechen von einer Immobilienblase bei uns in Oberösterreich?
Ja, es gibt eine Blasenentwicklung. Sie brauchen nur schauen, wie viel derzeit in Linz gebaut wird. Wer soll in diese Wohnungen und Büros einziehen und wer soll die hohen Mieten zahlen? Da wird es ein böses Erwachen geben. Die Mieter, die sich das leisten können, sind in dieser Zahl nicht vorhanden.

Das heißt, man sollte jetzt die Finger von Immobilien lassen?
Bei Immobilien glaubt jeder, das ist etwas Sicheres. Es schaut niemand mehr auf den Preis, denkt nicht an eine realistische Rendite. Wenn die Blase platzen sollte, wird kein Gewinn mehr übrig bleiben, weil die Preise extrem fallen werden.

Demnach ist das Sparbuch mit Zinsen weit unter der Inflationsrate noch die beste Lösung.
Man muss wissen, dass die Leute mit Finanzprodukten das meiste Geld verlieren. Das hat die Krise im Jahr 2008 gezeigt mit Meinl European Land, Immofinanz und wie sie alle heißen. Aber auch mit Lebensversicherungen ist viel Vermögen verloren gegangen.

Inwiefern?
Es war Usus, dass sich die Finanzberater gezielt Jugendliche suchen, denen sie eine Lebensversicherung aufschwatzen. Die Lebensversicherungen wurden meist auf 30 Jahre abgeschlossen. Nun wird aber die Hälfte der Verträge vorzeitig gekündigt, die durchschnittliche Behaltedauer einer beträgt nur sieben Jahre. Wenn Sie eine Lebensversicherung zum Beispiel schon nach fünf Jahren kündigen, haben Sie Verluste in Höhe von eineinhalb Jahresprämien.

War den Jugendlichen dieses Risiko nicht bewusst?
Es gab sehr viele Fehlberatungen. Die Leute wurden mit der Pensionslücke und einer angeblich super Verzinsung geködert. Dabei ist es Unsinn, wenn ein 18-Jähriger eine Lebensversicherung abschließt und sich auf 30 Jahre verpflichtet, bevor er wichtige Lebensentscheidungen getroffen hat. Da sind 100 Euro Prämie im Monat oft zu viel.

Mit welchen Renditen darf man bei Lebensversicherungen rechnen, wenn man die ganze Laufzeit übersteht?
Die Erträge sind bescheiden, v. a. bei fondsgebundenen Lebensversicherungen gab es böse Überraschungen. Im Nachhinein haben wir sogar festgestellt, dass das Sparbuch teilweise mehr Rendite gebracht hätte als die damals massiv beworbene staatlich geförderte Zukunftsvorsorge.

Wie beurteilen Sie die Lage beim AWD, der jetzt unter dem Namen SwissLifeSelect auftritt?
Der AWD kommt bei uns derzeit nicht vor. Wir haben keine Anfragen von Konsumenten. Das Unternehmen hat sich von vielen Mitarbeitern getrennt, die sind ja teilweise auch untergetaucht nach dem Crash. Meines Wissens ist der AWD jetzt eher im Gewerbebereich aktiv.

Ist die Beratungsqualität in der Finanzbranche seit der Krise im Jahr 2008 geworden?
Ja, 2008 war ein heilsamer Schock. Es gibt aber immer noch eine Differenz zwischen den schriftlichen Vereinbarungen und dem, was unter vier Augen gesagt wird. Das wird meistens nicht eingehalten. Daher sollte man mündliche Vereinbarungen unbedingt schriftlich festhalten.

Sind die Konsumenten generell zu leichtgläubig?
Das würde ich so nicht sagen. Aber es stellt sich immer wieder heraus, dass die Leute dann am meisten Geld verlieren, wenn sie glauben, dass sie ein Schnäppchen machen oder etwas gratis bekommen. Die Verkäufer reden den Leuten auch noch ein, dass das Angebot einzigartig ist und nur sie davon profitieren würden. Und die Leute glauben das oft, weil sie es glauben wollen. Fast immer werden solche Entscheidungen völlig unbedacht getroffen, weil die Verkäufer einen massiven Zeitdruck ausüben. Würden die Leute darüber nachdenken, warum gerade sie etwas geschenkt bekommen, würden sie auf vieles nicht hereinfallen. Die schlimmsten Fälle, das zeigt sich immer wieder, passieren im Familien- und Freundeskreis, weil dort ein Vertrauensverhältnis besteht.

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