Thomas Gegner inmitten seiner großflächigen Werke

© Lukas Leonte

Chronik Oberösterreich
07/01/2021

Kunstwerke vom Keller bis in den Dachboden

Bevor das Gegnerhaus in Abtsdorf am Attersee totalsaniert wird, ist es Atelier, Treffpunkt und Galerie. Ein Paralleluniversum

von Claudia Stelzel-Pröll

Wenn Thomas Gegner die braune Wirtshaustür öffnet und nach drinnen bittet, ist das ein persönlicher Moment. Für den Freigeist und Künstler ist das Gegnerhaus seit 2019 nämlich nicht nur Atelier und Galerie, sondern auch sein Zuhause. Dass daraus ein Kunstprojekt dieser Dimension werden würde, hat sich der Wiener nie träumen lassen. „Ich war auf der Suche nach einem Atelier in der Region. Dann hat mir der Immobilienentwickler Stefan Gruber, Eigentümer des Hauses, das leer stehende Gebäude angeboten. Schon beim Durchgehen merkte ich, dass alle meine Erwartungen übertroffen werden,“ so der 43-jährige Gegner.

Das Besondere: Das Haus hat ein Ablaufdatum. Es bleiben nur mehr die Außenmauern, der Rest wird totalsaniert. Es entstehen sechs Wohnungen. Bis dahin wird aber noch jede Menge passieren. 27 Künstlerinnen und Künstler aus Oberösterreich oder mit Bezug zur Region bespielen mit ihren Werken die Zimmer, der Tanz- ist zum Ausstellungsraum geworden, die Stube zum Antiquariat und ganz unterm Dach werkelt Gegner selbst. „Manchmal passiert wochenlang nichts im Atelier und dann male ich zwei Wochen komplett manisch, da explodiere ich quasi innerlich und alles muss raus.“ Am liebsten bei Nacht, wenn es dunkel ist.

666 Quadratmeter hat Gegner in Knochenarbeit auf den Kopf gestellt, die Räume sind rustikal geblieben, die verschiedenen Kunstwerke fügen sich perfekt ins teils bröckelnde Umfeld ein, der Charme der Historie und der Geruch des Vergänglichen sorgen für ein Kunsterlebnis der ungewöhnlichen Art. Barfuß nimmt uns Gegner mit auf diesen Rundgang durch ein Paralleluniversum.

Weg vom Wahnsinn

Im Erdgeschoß sind das Antiquariat und ein dunkler Raum mit Installationen untergebracht. Hinter dem Antiquariat hat Gegner sein Zimmer, in dem er lebt. „Ich brauche nicht viel, ein Bett, eine Kochstelle, ein Kompostklo und im Winter einen Holzofen. Ich habe lange in der Industrie gearbeitet und wollte weg von diesem Wahnsinn, musste den Kopf frei kriegen. Ich brauche nicht viel zum Leben.“

Weiter hinten hängen meterhohe Bilder von Gegner selbst. Im kleinen Gewölbekeller ist eine Lichtinstallation der Linzer Künstlerin Daniela Trinkl zu sehen. Knarzende Stufen bringen uns ins Obergeschoß. Dort stechen sofort die Gebilde aus Pappmaschee ins Auge, die der Welser Künstler Martin Dickinger zu einer Halde aufgeschichtet hat: Totenköpfe, Knochen und Geweihe.

Beeindruckend ist das Zimmer, das Markus Moser gestaltet hat. Der Oberösterreicher formt aus Draht fragile Gebilde oder konkrete Objekte, im Falle des Gegnerhauses die Einrichtung eines gesamten Raumes, nach – von der Klopapierrolle bis zum Schirmständer ist alles da.

Zwei Galerien sind ebenfalls zu Gast – gallery gundula gruber und artcollection schlichtner, die eigene Kunstschaffende präsentieren.

Derzeit bereitet sich Thomas Gegner auf die Eröffnung des Festivals Perspektiven Attersee vor und steht voll Staunen vor der Lawine, die er losgetreten hat. Wohin sie rollen wird, ist bis dato unbekannt.

www.gegnerhaus.art

Belebte Gebäude als Energiebringer

Hintergrund. Die ursprüngliche Zeitschiene hat sich verschoben. Eigentlich wollte der Wiener Immobilienentwickler und Bauträger Stefan Gruber 2020/’21 mit dem Umbau des Gegnerhauses beginnen. Ein Projekt in Wien ist dazwischengekommen und der Baustart in Abtsdorf wurde auf 2023/’24 verschoben.

Das Konzept, leer stehende Gebäude Kunstschaffenden zur Verfügung zu stellen, ist für Stefan Gruber nicht neu. In Wien durften Beatboxer eine alte Villa bespielen, bevor sie saniert wurde. „Ich habe keinen unternehmerischen Vorteil davon, nur einen persönlichen. Gebäude, die belebt sind, haben eine ganz andere Energie. Und ich darf bei tollen Projekten Geburtshelfer sein“, so Gruber. Die Künstlerinnen und Künstler tragen die Fixkosten und beteiligen sich an der Versicherung, Mietkosten fallen keine an. „Ich freue mich einfach, dass auch Menschen Platz für ihre Arbeit bekommen, die sich diese großen Flächen sonst nie leisten könnten.“ Auch die Region profitiert davon.

Im Falle des Gegnerhauses kann Thomas Gegner also noch ein Weilchen bleiben, wenn er will.

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