Übung der chinesischen Armee vor Hongkong

© REUTERS/Tyrone Siu

Gastkommentar
02/26/2021

Ein neuer kalter Krieg zwischen China und dem Westen?

Nur eine starke EU kann dem aufsteigenden China entgegentreten. Von Hans Stockmayr.

Die Geschwindigkeit, mit der China sich seit dem Tod Maos vor 45 Jahren entwickelt hat wird nur ĂŒbertroffen von der rapiden Kehrtwende in der EinschĂ€tzung des Landes. Zwischen wohlwollender Ignoranz und aufgeregtem Alarmismus liegen nur drei Jahre.

Bis 1839 eine Weltmacht

Um die Gegenwart zu verstehen, ist ein Blick in die Geschichte hilfreich. Bis zum Ausbruch des ersten Opiumkrieges 1839 verstand sich China als zentrale Weltmacht, die allen anderen Staaten ĂŒberlegen war. Das Ă€nderte sich schlagartig, als zuerst die EnglĂ€nder und spĂ€ter noch weitere europĂ€ische MĂ€chte mit ihren moderneren Waffen das Kaiserreich besiegten und entlang der KĂŒste koloniale StĂŒtzpunkte errichteten. China wurde ĂŒber ein Jahrhundert lang gedemĂŒtigt. Kaiser Wilhelm II.drohte den Chinesen im Jahr 1900, sie derart zu schlagen, dass „es in den nĂ€chsten 1000 Jahren niemals wieder ein Chinese wagt, einen Deutschen scheel anzusehen“. Shanghai, Kanton und Tsingtau wurden europĂ€ische Kolonialgebiete. Einige historische GebĂ€ude und das berĂŒhmte Tsingtau Bier sind die positiven Hinterlassenschaften aus jener Zeit.

Nach den EuropĂ€ern ĂŒberfielen die Japaner China und wĂŒteten gnadenlos (Nanking Massaker). Dann gab der BĂŒrgerkrieg zwischen Maos Kommunisten und Tschiang Kai Sheks Armee sowie die Kulturrevolution dem Land den Rest. Als der Verfasser dieser Zeilen 1979 erstmals das Land bereiste, sah man kaum Autos auf den Strassen, die Menschen trugen ihre blauen Einheitskleider und die grĂ¶ĂŸte Sorge galt der Nahrungsmittelversorgung der Massen. Shenzen, das chinesische Silicon Valley nördlich von HongKong, war da noch ein kleines Bauerndorf.

Beispielloser Aufstieg

Der wirtschaftliche Aufstieg, der dann einsetzte, ist in der Geschichte beispiellos.Heute ist China fĂŒr viele europĂ€ische Firmen der wichtigste Markt. Und nun wandelt sich das Bild und China wird zunehmend als Bedrohung wahrgenommen. Ist diese Bedrohung real? Zweifellos geht die Zunahme der wirtschaftlichen Macht mit einem aggressiveren Außenauftritt einher. China beansprucht fast das gesamte sĂŒdchinesische Meer bis knapp vor die KĂŒsten anderer Anliegerstaaten als Binnenmeer. HongKong wurde mit drastischen Maßnahmen auf Kurs gebracht und Taiwan droht die Einverleibung ins Festland. FĂŒr die chinesische FĂŒhrung sind das alles interne Angelegenheiten, die andere LĂ€nder nichts angingen.

Wenn neu aufsteigende MĂ€chte etablierte Hegemonien ins Wanken bringen, kommt es historisch gesehen hĂ€ufig zu Konflikten. In der Antike zwischen Sparta und der aufstrebenden Seemacht Athen, ab dem 15.Jahrhundert dann in einer Abfolge der seefahrerischen WeltmĂ€chte Portugal, Spanien, Holland und England. Dann zu Beginn des 20. Jahrhunderts  zwischen Britannien und Preußen und nun eben zwischen den USA und China. Wird China auf Dauer von den USA und ihren VerbĂŒndeten in Schach gehalten werden können?

Derzeit sind die US-StreitkrÀfte noch stÀrker

Derzeit sind die US StreitkrĂ€fte den chinesischen noch ĂŒberlegen, aber in 10 Jahren kann es bereits anders aussehen. Eine reale Gefahr ist schon jetzt ein eher zufĂ€lliges Aneinandergeraten von chinesischem und US StreitkrĂ€ften im sĂŒdchinesischen Meer. Zwei amerikanische FlugzeugtrĂ€ger mit einer Armada an Begleitschiffen zeigen derzeit PrĂ€senz in der Taiwan Straße. Auch Australien, England und Frankreich senden Kriegsschiffe dorthin. China fĂŒhlt sich umzingelt und rĂŒstet  stark auf. Immer neue Sanktionen gegen erfolgreiche chinesische Unternehmen wie Huawei schaukeln die feindselige AtmosphĂ€re weiter auf.

Parallele USA-Japan in den 1930-er Jahren

Wie gefĂ€hrlich das sein kann zeigt eine historische Parallele: Als der US PrĂ€sident Franklin Roosevelt 1941 einen Wirtschaftsboykott gegen Japan verhĂ€ngte, alle Öl- und Stahllieferungen blockierte und die japanischen Bankguthaben in den USA einfror, glaubte Japan, militĂ€risch reagieren zu mĂŒssen. FĂŒnf Monate spĂ€ter erfolgte der japanische Angriff auf Pearl Harbor, den US FlottenstĂŒtzpunkt in Hawai und damit die Ausweitung des 2.Weltkriegs in den pazifischen Raum.

Bildung ist in China seit Jahrtausenden immer wichtig und angesehen gewesen. Das Land steckt sehr viele Ressourcen in Ausbildung, Forschung und Entwicklung. Allein in den USA studieren derzeit ĂŒber 300,000 chinesische Studenten, ĂŒberwiegend naturwissenschaftliche FĂ€cher. Ohne chinesische und andere asiatische Mitarbeiter wĂ€re die US Hochtechnologie nicht dort, wo sie steht. Es ist eine Illusion, Chinesen vom wissenschaftlichen und technischen Fortschritt auszuschließen.

China will technologische UnabhÀngigkeit

Wegen der zunehmenden Feindseligkeit des Westens ist es explizites Ziel der chinesischen FĂŒhrung, von auslĂ€ndischen Technologien immer weniger abhĂ€ngig zu sein. Umgekehrt ist der Westen schon heute auf asiatische Lieferanten angewiesen, von Grundstoffen in der Pharmazie bis hin zu modernster Elektronik fĂŒr industrielle Anwendungen. Und diese AbhĂ€ngigkeit wird trotz gegenteiliger AbsichtserklĂ€rungen weiter zunehmen.

Wie sieht Europas Strategie aus?

Wie sollte und könnte eine europĂ€ische Strategie aussehen? Ein vollstĂ€ndiges Abkoppeln von China ist kaum möglich und wĂ€re auch extrem teuer: Der Ausblick auf die weitere wirtschaftliche Entwicklung in Ostasien ist einhellig positiv. Wer die Menschen Chinas nĂ€her kennengelernt hat, ist beeindruckt von ihrem Fleiß, ihrer Lernbereitschaft und Energie. Es wĂ€re wĂŒnschenswert, dass mehr Studenten aus Europa einige Semester in China verbringen um Land und Leute besser zu verstehen.

Aufstieg Chinas ist unaufhaltsam

Der weitere Aufstieg Chinas ist, wenn nicht eine Katastrophe ihn hemmt, unaufhaltsam. Wir werden uns damit abfinden mĂŒssen und versuchen, etwaige Konflikte klein zu halten. UnerwĂŒnschter chinesischer Einflussnahme in Europa sollte wachsam begegnet werden. Der Ausbau der „Neuen Seidenstraße“ darf nur voranschreiten, wenn er auch den EuropĂ€ern eindeutige Vorteile bringt. China stellt auf absehbare Zeit aber keine  militĂ€rische Bedrohung fĂŒr Europa dar und sollte nicht dĂ€monisiert werden. Die BĂ€ume werden auch in China nicht in den Himmel wachsen. Es gibt viele Probleme im Land: die schnell zunehmende Überalterung ( Folge der Ein-Kind Politik ), soziale Spannungen, UmweltschĂ€den etc.. Wenn sich Europa auf seine StĂ€rken besinnt und konzentriert, hat es keinen Grund zur Angst vor der neuen, alten Weltmacht.

Autor Hans Stockmayr (68) lebt in Peuerbach (Bez. Grieskirchen) und war 30 Jahre lang als Bank-und Finanzmanager in StÀdten Chinas und Asiens tÀtig.

 

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