Chronik | Oberösterreich
06.03.2013

Dunkelgänger lernen Verständnis für Menschen mit Behinderung

Ein blindes Paar bietet Volksschülern Einblicke in ihre Welt der vier Sinne.

Seid ihr schon sehr nervös?“, fragt Elfriede Dallinger die Schüler der 1. Klasse der Volksschule Kronstorf. Ein lang gezogenes „Jaaaaaa“ bekommt sie aus 18 Kindermündern zur Antwort. „Das braucht’s ihr aber nicht. Wir machen eine kleine Abenteuerreise, aber es kann nichts passieren – wir passen gut auf euch auf“, beruhigt Dallinger.

Die sechs- bis achtjährigen Schüler nehmen mit ihrer Klassenlehrerin Denise Altenhofer am „Sinneserlebnis-Workshop im Dunkeln“ des Vereins freiraum-europa teil, den Dallinger und ihr Lebensgefährte Dietmar Janoschek leiten. Beide sind im Lauf ihres Lebens komplett erblindet. Janoschek nach einem Unfall, Dallinger nach einer Krankheit. Dennoch gelingt es dem Paar, ein weitgehend unabhängiges Leben zu führen. Sie leben allein in einem schmucken Einfamilienhaus mit Pool in Traun. Janoschek ist Geschäftsführer von freiraum-europa und arbeitet auch als Gerichtssachverständiger für barrierefreies Bauen, Dallinger führt neben ihrer Tätigkeit als Workshop-Coach noch den gemeinsamen Haushalt.
„Welche Sinne bleiben, wenn man nicht sehen kann?“, fragt Janoschek die Kronstorfer Kinder, die gleich die Antwort wissen: „Hören, Riechen, Schmecken, Tasten.“ Die Klasse wird von den sehbehinderten Experten in einen völlig abgedunkelten Raum geleitet. Die Kleinen tasten sich dort nur vorsichtig vorwärts und sind stark auf Unterstützung angewiesen. In dem Raum sind mehrere Tische samt Sesseln aufgestellt, auf denen die Schüler Platz nehmen sollen. Janoschek gibt ihnen Blätter und Stifte. „Ein Auto“, „ein Herz“, „einen Hund“, versprechen die Kleinen zu zeichnen.

„Ich fürcht’ mich’“, sagt ein Mädchen, das aber beruhigt wird. Dann werden Gewürze (Nelken, Zimt, Kümmel und Pfeffer), Obst und Gemüse (Paprika, Banane, Karotte, Orange) verteilt. Die Kinder identifizieren sie an Form und Geruch. Es gibt Saft aus dem Packerl und Brote, auf die jeder selbst Butter schmiert. „Mir ist kalt, mir hat wer Saft rauf geschüttet“, jammert ein Bub. Nach zwei Stunden wird auf einer Braille-Schreibmaschine für jeden ein „Dunkelgänger-Diplom“ ausgestellt. Das Resümee von Julia und Konrad (7): „Wir können uns erst jetzt vorstellen, wie es ist, blind zu sein.“