Chronik | Oberösterreich
15.10.2017

Der Erzengel stieg in größter Not herab

Der Herbst versorgt uns mit vielen heilsamen Kräutern, Beeren und Wurzeln.

Eine alte, sehr beliebte Heilpflanze ist die Engelwurz, auch Angelika, Brustwurz, Dreifaltigkeitswurzel oder Erzengelwurz genannt. Sie ist eine der bekanntesten Pflanzen aus dem Heilschatz unserer nordischen Vorfahren und inzwischen auch eine meiner Lieblingspflanzen. Ihr Name und ihre Schutzkräfte müssen himmlischen Ursprungs sein. Der Legende nach stieg in größter Not ein Erzengel herab und zeigte einem frommen Einsiedler, wie er sich gegen die Pest schützen kann. Im Mittelalter wurde die Engelwurz gegen Seuchen verwendet.

Auch heute dürfen wir auf ihre antiseptische und abwehrsteigende Kraft vertrauen, wenn wir uns vor einer Ansteckung schützen oder unser Immunsystem stärken wollen. Ein Stückchen Wurzel gekaut, hält in der Grippezeit gesund.

Vor der Blüte steht die Engelwurz wie eine Madonna da, die die Dreifaltigkeit symbolisiert. Durch ihre aufrichtige Ausstrahlung kann uns die Engelwurz viel Kraft, Mut und Weisheit schenken. So stärkt sie auch unsere Nerven. Die Wurzel als Amulett oder ein Blütensträußchen helfen, Lampenfieber bei Prüfungen oder Auftritten zu überwinden. Auch ich habe bei Vorträgen oder Führungen oft ein Stück Engelwurz bei mir, um mir Schutz und Kraft von dieser Pflanze zu holen.

Die Engelwurz hat einen angenehmen aromatischen Geruch und schmeckt bitter und brennend scharf. Die enthaltenen Bitterstoffe unterstützen die Verdauung. So ist diese Heilpflanze auch in jedem Schwedenbitter zu finden, der Magen und Darm kräftigt.

In alten Kräuterbüchern findet man die Angelika häufig unter dem Namen Brustwurz, da sie auch für Brustkrankheiten verwendet wird. Sie besitzt auswurfsfördernde Kräfte und löst zähen Schleim bei Husten. Engelwurz-Räucherungen helfen dabei, sich selbst und den eigenen Weg zu finden. Die Pflanze wirkt ausgleichend, harmonisierend und aktivierend, sie macht uns sensibel und öffnet unser Herz.

Wir finden sie in unseren Wäldern, auf feuchten, nährstoffreichen Wiesen oder an Uferböschungen. Ihren ursprünglichen Platz in den Hausgärten hat sie leider verloren. Ich kann diese Heilpflanze aber jedem Gartenbesitzer empfehlen. Die Wurzel erntet man im späten Herbst von der zweijährigen Pflanze. Danach wird sie gereinigt, zerkleinert und zur Trocknung aufgelegt. Die Früchte werden ab August gesammelt, wenn sie noch grün sind. Der Stängel ist am saftigsten, bevor die Pflanze ihre Dolden ausbreitet. Aus ihm wird die bekannte kandierte Engelwurz zubereitet.

Autorin Monika Kronsteiner ist Kräuterpädagogin im 1. Zentrum für Traditionelle Europäische Medizin in Bad Kreuzen