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Chronik Oberösterreich
10/13/2019

„Den Tod klar ansprechen und Kinder nicht anlügen“

Im KURIER-Gespräch erklären Experten, wie Kinder trauern, was ihnen hilft und was ein Friedhofsbesuch bewirken kann.

von Claudia Stelzel-Pröll

Den Sarg angreifen, ihn bemalen oder Erinnerungen draufschreiben. Ein Lied singen, Geschichten erzählen. Auf dem Weg zum Grab Rosenblätter streuen und das Grab selbst liebevoll gestalten: Das alles – und noch viel mehr – ist absolut erlaubt – und hilft Kindern, ihrer Trauer Ausdruck zu verleihen. Auf dem Linzer Barbarafriedhof gibt es demnächst zwei Vorträge zum Thema „Kinder auf dem Friedhof“.

„Wenn es um den Tod geht, ist eine klare Sprache das allerwichtigste: Kinder haben ein Recht zu wissen, meine Oma ist gestorben. Sie ist tot. Sie ist nicht eingeschlafen, sie ist nicht von uns gegangen. Darunter können sich Kinder nichts vorstellen“, erklärt Martin Dobretsberger. Mit seiner Frau Julia leitet er das gleichnamige Bestattungsunternehmen und ist selber Vater von zwei Kindern.

Emotionen dürfen sein

„Es ist so wichtig, zu wissen, auch für Eltern: Emotionen dürfen sein, auch und gerade bei einer Trauerfeier. Kinder sitzen nicht durchgehend still, sie reden mit, sie wollen dabei sein.“ Und genau so gestaltet Martin Dobretsberger Verabschiedungen, wenn Kinder anwesend sind: „Ich erzähle Geschichten, die auch Kinder verstehen, ich binde sie ein, sie dürfen Fragen stellen, kleine Aufgaben übernehmen.“

Rund 800 Sterbefälle betreut das Ehepaar samt Team pro Jahr, Martin Dobretsberger hält zwischen 80 und 120 Trauerreden jährlich, „und das wird nie zur Routine. Ich habe zwar mehr Vertrauen in mich bekommen, dass ich für jede trauernde Familie die richtigen Worte finde, aber es ist trotzdem jedes Mal schwer für mich.“ Für Kinder gäbe es keine Tabus in Bezug auf den Tod: „Sie stellen Fragen und wollen klare Antworten.“

Genau das bestätigt auch Verena Brunnbauer, selbst Trauerbegleiterin und Humorcoach: „Man kann keine falschen Antworten geben. Kinder anzulügen, das ist das einzige, was man falsch machen kann. Und man darf auch sagen: Das weiß ich nicht!“ Ein Besuch auf dem Friedhof dürfe ruhig etwas Normales sein, einfach ein Spaziergang in schöner, ruhiger Umgebung. „Und wenn Kinder gerade den Tod einer nahen Person erleben mussten, kann der Friedhof ein Erinnerungsort sein, wo ruhig geweint, aber auch gelacht werden darf.“

Allerheiligen

In Hinblick auf Allerheiligen rät Julia Dobretsberger, auch die eigenen Gefühle anzusprechen: „Wenn ich auf dem Friedhof traurig bin, weil ich an die verstorbene Person denke und sie gerne bei mir hätte, dann kann ich das meinem Kind genauso sagen. Bitte nicht dem Kind vorspielen, dass eh alles ok ist. Kinder merken sowieso, wie es uns geht.“

Und Martin Dobretsberger hat die praktischen Tipps parat: „Zu Allerheiligen kann es für ein Kind lang werden am Grab. Wenn sich Eltern vorab überlegen, wie sie ihre Kinder einbinden können, wird es sicher leichter: Die Kerze tragen und gemeinsam anzünden, das Grab sauber machen, die Blumen tauschen, was auch immer. Kinder sind stolz, wenn sie mithelfen dürfen und Aufgaben übertragen bekommen.“

Vorträge: Fr., 18. 10., 18 Uhr: „Ist da mein Opa drin?“ – Friedhofsbesuch mit Kindern, von und mit Verena Brunnbauer. Fr., 15. 11., 17 Uhr: „Wann kommt die Oma denn wieder?“ – Kinder bei der Abschiedsfeier, von und mit Martin Dobretsberger, Eintritt frei, Barbara Friedhof, www.barbarafriedhof.at