Der Spritzgussmaschinenhersteller Engel aus Schwertberg führt in Kaplitz ein Kompetenzzentrum. Mit 610 Mitarbeitern ist Engel der größte Arbeitgeber in der Region.

© frei/Engel

Südböhmen
11/16/2014

Betriebe investieren weiter in Tschechien

Seit der Grenzöffnung sind die Ausfuhren von 205 Millionen auf 1,06 Milliarden Euro geklettert.

von Daniel Scheiblberger

Seit dem Fall des Eisernen Vorhangs vor 25 Jahren haben sich die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Oberösterreich und Tschechien dynamisch entwickelt. Die Exporte kletterten von 205,3 Millionen Euro (1993) auf aktuell 1,06 Milliarden Euro – ein Anstieg von 414 Prozent. Mit Einfuhren im Wert von 1,28 Mrd. Euro rangiert der ehemalige Ostblockstaat unter den Handelspartnern auf Platz drei, nach Deutschland und Italien.

Die Grenzöffnung brachte dabei einen enormen Schub für heimische Betriebe – vor allem für die Grenregionen. Alleine im Bezirk Freistadt hat sich in den vergangenen 25 Jahren die Anzahl der Unternehmen von damals 1500 auf aktuell 3350 mehr als verdoppelt. "Oberösterreich ist von einer Randlage an einer toten Grenze in Europa wieder ins Zentrum gerückt", resümiert Wirtschaftskammerpräsident Rudolf Trauner. Einen Dämpfer gab es nur 2009, als der Handel zwischen OÖ und Tschechien im Zuge der Wirtschaftskrise kurzfristig um ein Fünftel einbrach.

400 Unternehmen

Rund 400 Unternehmen (österreichweit sind es 1800)haben sich in Tschechien niedergelassen. Eines davon ist der Spritzgussmaschinenhersteller Engel mit Sitz in Schwertberg, Bezirk Perg. 2001 hat der Leitbetrieb mit zwölf Mann ein Werk in Kaplitz eröffnet. Heute ist Engel mit 610 Mitarbeitern bereits der größte Arbeitgeber in der gesamten Region. Gefertigt werden Bleche, Maschinen und Elektroschränke. "Es gab von Anfang an sehr positive Erfahrungen mit Mitarbeitern, Behörden und Gewerkschaften", so Engel-Sprecherin Susanne Zinckgraf.

Auch der Grieskirchner Landmaschinenhersteller Pöttinger nahm die Produktion 2000 in Vodňany nahe Budweis auf. Von den insgesamt 1600 Mitarbeitern arbeiten derzeit 400 in Tschechien, Ausbaustufen sind in Planung. Weitere Big Player, die sich am tschechischen Markt verankern konnten, sind die voestalpine, Banner Batterien und Schachermayer aus Linz, die Greiner-Gruppe aus Kremsmünster, der Pettenbacher Elektrotechnikkonzern Fronius, Hödlmayer-Transporte aus Schwertberg, die Welser Tiger Coatings sowie die Raiffeisenlandesbank OÖ und die Oberbank. Laut Wirtschaftskammer gäbe es vor allem noch Chancen in der Automobilindustrie – angetrieben von Firmen wie Škoda Auto oder Hyundai Motor Manufacturing Czech . Doch Tschechien zog nicht nur Produktionsbetriebe, sondern auch Touristik- und Immobilienentwickler an. So ist Lukas Dorn-Fussenegger aus Leonding bei Linz heute mit 1,6 Mio. Seegrund der größte private Liegenschaftsinvestor des grenznahen Lipno-Stausees.

Schiffe und Immobilien

Durch einen Urlaub 1988 begannen für den 61-jährigen Sohn des Künstlerehepaares Alois Dorn (Bildhauer) und Gertrud Fussenegger (Schriftstellerin) die Geschäftsbeziehungen mit Südböhmen. Nachdem Holländer bereits 1996 ein Feriendorf mit 300 Appartements errichtet hatten, kaufte er zwei Jahre später die ersten Hektar am Stausee und zog 25 Wohneinheiten hoch. "Derzeit bauen wir 52 Häuser mit Swietelsky. Weitere sechs große Projekte befinden sich bereits im Genehmigungsverfahren", erläutert der Grüne-Gemeinderat, der 2001 auch die Schifffahrtsgesellschaft "Lipno Line" übernahm. Mit zwei Schiffen hätte man im vergangenen Jahr mehr als 46.000 Gäste befördert – 2001 seien es noch 12.000 gewesen.

Ansturm auf Geschäfte

Am 11. Dezember 1989 fiel an der österreichisch-tschechoslowakischen Grenze der Eiserne Vorhang. Kurz nach Grenzöffnung wirkten heimische Kaufhäuser wie Magneten auf die tschechischen Landsleute. Steigende Umsätze wurden wegen der geringen Kaufkraft aber kaum lukriert. "Viele Leute sind rübergekommen. Sie haben aber eher gustiert als gekauft", erinnert sich Bad Leonfeldens Altbürgermeister Franz Huemer, der damals ein Lebensmittel- und Textilgeschäft besaß. ,

Arbeitskräfte aus Südböhmen sind in Oberösterreich gefragt

Nach der Privatisierungswelle im Rahmen der "samtenen Revolution" Ende 1989 legte Tschechien ein rasantes Wachstum hin. Geldgeber und Firmengründer aus dem Ausland wurden mit offenen Armen empfangen, alleine Österreich investierte mehr als 14 Mrd. Euro in das Nachbarland. Vor allem die Industrie, in der heute ein Drittel der Tschechen beschäftigt ist, konnte damit wieder hochgefahren werden. Fast 60 Prozent des Gesamtumsatzes der Industrie wird in Betrieben mit ausländischer Beteiligung erwirtschaftet.

Nach Oberösterreich werden Straßenfahrzeuge, Maschinen, Strom und Holz geliefert. Aus Südböhmen kommen vor allem Arbeitskräfte. "Es gibt seit der Grenzöffnung viele Menschen, die nach Oberösterreich pendeln. Dort wird ein guter Lohn gezahlt, während die Lebenserhaltungskosten bei uns noch vergleichsweise niedrig sind", sagt der tschechische Historiker Jiří Franc.

Arbeitskräfte

Das Lohnniveau in Südböhmen bewegt sich bei rund 950 Euro pro Monat, bei einem Mindestlohn von 1,79 Euro pro Stunde. Zum Vergleich: In OÖ bekommt der Durchschnittsverdiener 1750 Euro monatlich.

Egal ob Gastronomie, Baugewerbe oder Produktionsbetriebe, die meisten sind dankbar für das Fachkräfteangebot aus Südböhmen. "Wir bekommen nicht genügend Arbeitskräfte aus unserer Region. Viele unserer Mitarbeiter stammen daher aus Tschechien. Sie bekommen den gleichen Lohn wie Österreicher", heißt es beispielsweise beim internationalen Fleischwarenerzeuger Hochreiter aus Bad Leonfelden. Dem Vernehmen nach besteht die dortige Mannschaft sogar zu zwei Drittel aus südböhmischen Landsleuten.

"Nach dem Ende der kommunistischen Zentralverwaltung war die Wirtschaft in Südböhmen großteils kaputt", erklärt Franc. Durch die Vertreibung der Sudetendeutschen aus dem Böhmerwald gab es keine traditionell gewachsenen klein- und mittelständischen Betriebe mehr. Der Fokus lag fast ausschließlich auf großen landwirtschaftlichen Produktionen wie Milch und Fleisch. Einen erfolgreichen Wandel hat da beispielsweise die Großmolkerei Madeta mit Sitz in Budweis vollzogen. Sie ist mit 1500 Mitarbeitern bis heute der größte tschechische Milchverarbeiter geblieben.

Touristischer Auftrieb

Ein wichtiges wirtschaftliches Standbein von Südböhmen ist auch der Tourismus. Paradebeispiel ist der Lipno-Stausee. Dort begrüßt man mittlerweile eine Million Besucher pro Jahr, mehr als die Hälfte davon nächtigt in den rund 10.000 Gästebetten, die rund um den See errichtet wurden. Etwa 120 Millionen Euro flossen seit der Wende von Privatinvestoren in touristische Projekte in der Gegend. Umsatzmäßig das größte Unternehmen der tschechischen Republik ist übrigens der zur deutschen Volkswagen AG gehörende Automobilhersteller Skoda. Das Imperium mit 26.000 Mitarbeitern zeichnet sich für insgesamt fast zehn Prozent des tschechischen Außenhandels verantwortlich.