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Anneliese Ratzenböck: „Ich habe lernen müssen, mit der Leere fertigzuwerden“

Wie die Frau des verstorbenen Landeshauptmanns Josef Ratzenböck nach 71 Jahren Ehe das plötzliche Alleinsein verarbeitet hat.
Anneliese Ratzenböck

Anneliese Ratzenböck feiert kommenden Samstag, den 18. Juli, ihren 92. Geburtstag. Sie war 71 Jahre mit Josef Ratzenböck verheiratet, der am 23. Dezember 2025 verstorben ist und von 1977 bis 1995 Landeshauptmann war.

KURIER: Wie geht es Ihnen?

Anneliese Ratzenböck: Es geht mir gut. Trotz aller Veränderungen, die es in meinem Leben im letzten Jahr gegeben hat. Ich komme gut zurecht.

KURIER: Sie waren 71 Jahre mit Josef Ratzenböck verheiratet, Sie kannten einander 76 Jahre. Sie waren 15, als Sie ihn kennengelernt haben. Ihr Mann ist weg und hinterlässt eine große Lücke.

Aufgrund der Monate zuvor (Herbst 2025, Anm. Red.) war es eine intensive Vorbereitungszeit, in der wir gewusst haben, es geht dem Ende zu. Ich habe geglaubt, wir werden noch den 15. April, seinen Geburtstag, erreichen, denn wir konnten im vergangenen Jahr in Neukirchen noch einen schönen Sommer erleben. Er war orientiert, konnte auf der Terrasse sitzen und hat es genossen, in Neukirchen zu sein. Am 1. September ist er im Bett gelegen und hat Töne gehört, die ich nicht gehört habe. Unser Gemeindearzt hat mir erklärt, es waren Gehirnschläge. Er hat mich dann nicht mehr erkannt.

Sie konnten sich also auf seinen Tod vorbereiten.

Als er in der Endphase im Pflegeheim war, war er körperlich in der Wohnung nicht mehr da. Die sechs Jahre zuvor, in der er bereits beeinträchtigt war und ich mich um ihn gekümmert habe, waren gute Jahre, es war ein intensives Zusammenleben.

Sie waren ständig zusammen, viel mehr und intensiver als früher.

Ich habe ihm viel erzählt. Wir tauschten Erinnerungen aus, vor allem auch heitere Sachen. Er wollte aber keine Besucher mehr. Der treueste Besucher war der frühere Landesamtsdirektor Eduard Pesendorfer, der ihn sieben Jahre lang jeden Mittwoch um 15 Uhr besucht hat. Sie haben alte Geschichten aus dem Büro aufgefrischt. Das hat ihm gefallen. Es hat auch mir gutgetan, weil ich ein bisschen eine Pause hatte.

Als er zuletzt im Pflegeheim war, habe ich lernen müssen, mit der Leere fertigzuwerden.

Wie ist es Ihnen damit gegangen?

Ich habe das eigentlich gut überwunden. Ich habe schon auch Zeiten gehabt, in der mir alles so sinnlos vorgekommen ist, in denen ich Beschäftigung gesucht habe. Denn sie ist mir abgegangen. Ich bin mir nutzlos vorgekommen, was für mich ein elendiges Gefühl gewesen ist. Aber in den Monaten, in denen er im Pflegeheim war, habe ich gelernt, mit der leeren Wohnung und mit der leeren Zeit umzugehen. Ich habe mich sehr viel damit beschäftigt, seine Sachen wegzugeben.

Josef Ratzenböck

Der Partezettel von Josef Ratzenböck, ausgehängt am Friedhof von Neukirchen am Wald.

Mit seinen Sachen sind Erinnerungen verbunden. War das nicht schwierig?

Ich habe alles behalten, was für mich Erinnerung ist. Es ist nicht sehr viel. Ich bin eine radikale Ausmisterin. Es waren zum Beispiel 156 Ehrenbürgerschaften da. Schöne, gemalte Urkunden von einheimischen Künstlern, berührende Sachen. Aber was machen meine Kinder mit diesem Erbe? Ich habe über mich hinausgedacht.

Sie könnten es dem Landesarchiv geben.

Genau das habe ich gemacht. Auch alle Orden und Auszeichnungen. Das Landesarchiv hat sich gefreut. 2006 hatten wir in Linz einen Wohnungseinbruch, als wir in Abano auf Kur waren. Die Einbrecher haben Gold und Geld gesucht und haben alles verwüstet. Bei den Orden haben sie einen europäischen mitgenommen und den kleinen Anstecker des Großen Goldenen Ehrenzeichen des Landes.

Die Kleidung meines Mannes habe ich an die Caritas gegeben. Seine Uhr habe ich verschenkt, seine Geldtasche habe ich mir behalten.

Sie haben nun viel mehr Zeit. Wie verbringen Sie Ihre Tage?

Ich will wieder lesen. Denn er wollte nicht, dass ich lese oder fernsehe, wenn ich neben ihm war. Er wollte reden.

Ich fange an, Ordnung zu schaffen, Dinge auszu- oder umzuräumen, Dinge wegzugeben. Ich frage die Kinder, wer dieses oder jenes möchte. Es sammelt sich so viel an. Ich habe Mineralien in Eiform gesammelt, jede Menge. Ich habe Porzellankatzen gesammelt, ich habe ein paar Hundert davon. Wenn ich Katzenfreundinnen treffe, beginne ich, sie weiterzuschenken. In Neukirchen gehe ich jeden Tag auf den Friedhof. In Linz habe ich den Garten der Kreuzschwestern entdeckt. Die Schwestern haben mir erlaubt, dort spazieren zu gehen. Der Garten ist auch für die Pflegeheimbewohner zugänglich. Ich drehe da mit dem Rollator jeden Tag eine Stunde lang meine Runden.

Sie gehen eigentlich ohne Rollator?

Wenn ich in Linz eine längere Strecke gehe, gehe ich mit dem Rollator. Ich kann auch ohne ihn gehen, aber mit dem Rollator fühle ich mich sicherer. Manchmal bin ich ein bisschen schwindlig, dann gibt mir der Rollator Sicherheit. Ich schäme mich da nicht, er ist etwas sehr Praktisches. In der Stadt ist er auch eine Barriere vor rüden Fußgängern.

Ihr Mann hatte auch viele Bücher. Haben Sie sie weggegeben?

Nein, die habe ich. Es sind vorwiegend geschichtliche Werke. Ich habe mit meinem Schwiegersohn einen Interessenten, für ihn sind Bücher heilig. Er ist auf Urlaub gefahren und hat sich von mir fünf Bücher mitgenommen, ich habe ihm gesagt, bring’ sie mir ja nicht zurück.

Sie nehmen öffentliche Termine wahr, Sie waren am ÖVP-Landesparteitag, Sie waren bei der 70-Jahr-Feier des Seniorenbundes.

Ich habe von den Senioren sehr viel Zuwendung, das hilft natürlich schon sehr. Die sechs Jahre, die Josef ein Pflegefall war, habe ich in der kulturellen und sozialen Diaspora gelebt. Ich bin nirgends mehr hingekommen. Er hat mich zu Hause gebraucht. Ich habe sehr langsam begonnen, wieder in die Öffentlichkeit zu gehen. Der erste Termin war das Begräbnis von Bischof Maximilian Aichern. Die beiden waren telefonisch regelmäßig in Kontakt. Aichern hat für den Josef noch drei heilige Messen gelesen. Ich habe mich bei ihm mit einem Brief bedankt. Er hat ihn an dem Tag bekommen, an dem er gestorben ist. Der Besuch des Begräbnisses von Aichern war für mich sehr anstrengend.

Josef Ratzenböck

Das provisorische Grab von Josef Ratzenböck in Neukirchen am Wald.

Ich bin dann auch zu den Freunden der Caritas (Hilfsverein, von Anneliese Ratzenböck gegründet, Anm. d. Red.) gegangen. Die Kranzspenden für den Josef waren für ein Hilfsprojekt im Kongo. Dieses Projekt liegt mir sehr am Herzen. Ein Kinderspital wird saniert und ausgebaut.

Gibt es etwas, was Sie noch machen möchten?

Nein, ich lasse die Dinge auf mich zukommen. Ich bin bereit zum Abtreten. Ich habe ein sehr gutes Gefühl, wenn ich daran denke, dass meine Zeit begrenzt ist. Der Josef hat mir versprochen, mich in die Ewigkeit mitzunehmen. Ich bin körperlich relativ gut beieinander. Gott sei Dank auch mit dem Hirn, außer der altersgemäßen Vergesslichkeit. Ich bin zufrieden.

Witwe zu werden war schon eine spezielle Herausforderung. Auch im amtlichen Bereich. Man kann sich nicht vorstellen, was sich da alles ergibt. Für die Beantragung der Witwenpension musste ich zum Beispiel einen 30-seitigen Fragebogen ausfüllen. Eine Zeit lange hatte ich auch keine Krankenversicherung. Ich war total überrascht.

Was hat Sie bei Ihrem Mann am meisten beeindruckt?

Seine Toleranz. Er hat für alles eine Entschuldigung gefunden.

Eine Erklärung?

Ja, eine Erklärung.

Er hat sich immer in den anderen hineinversetzt.

Er hat den Leuten eine persönliche Zuwendung entgegengebracht. Wenn wir zum Beispiel bei einem Fest waren, war ihm nicht das Essen wichtig, sondern er hat mit den Leuten geredet, die zu ihm gekommen sind. Er hat jedem zugehört und mit jedem geredet, der auf ihn zugekommen ist. Das war schon eine ganz große Stärke. Er hat auch mich ausgehalten (lacht).

Er hat Sie geschätzt. Sie haben eine anderes Naturell, Sie beide haben sich gut ergänzt.

Das glaube ich schon. Wir haben auch mit den Kindern Glück gehabt, es ist alles gut gegangen. Wir haben ein sehr buntes und ereignisreiches Leben gehabt. Wir haben sehr ärmlich begonnen. Als wir mit dem Geld gar nicht mehr ausgekommen sind, ist er zum Wenzl (Erwin, damals ÖVP-Landesparteisekretär) gegangen und hat um eine Gehaltserhöhung gefragt. Dann hat er um 50 Schilling mehr bekommen. Wenn die Kinder im Bett waren, habe ich Geschichten für die Agentur Kalma geschrieben. Es ist bei uns stetig aufwärts gegangen. Es war ein sehr gutes und erfolgreiches Leben, das wir zusammen hatten.

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