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Chronik Oberösterreich
07/28/2021

Almen: Weniger Tiere, aber von den Gästen gestürmt

Die Almbauern leiden unter dem Struktur- und Klimawandel, Wölfen, dem Besucheransturm und zugeparkten Wegen. Von Gerhard Marschall.

„Die Erhaltung der Almen muss unser aller Anliegen sein“, sagt Agrarlandesrat Max Hiegelsberger (ÖVP). Es gehe um die Bewahrung einer einzigartigen und ökologisch wertvollen Kulturlandschaft, kurzum eines Naturjuwels. Das setze zum einen großen Arbeitseinsatz der Bauernschaft voraus, erfordere zum anderen aber auch Rücksichtnahme von der übrigen Bevölkerung.

„Die Probleme werden leider mehr statt weniger“, erklärt Johann Feßl. Er ist Obmann des OÖ. Almvereins, der die Interessen der Almbauern vertritt. Von den 638 registrierten Almen im Land mit einer Gesamtfläche von 36.500 Hektar werden rund zwei Drittel bewirtschaftet. Exakt 4.653 Rinder, 902 Schafe, 78 Pferde und 51 Ziegen aus 636 Betrieben verbrachten den vorjährigen Sommer auf der Alm. „Unsere Arbeit passiert nur zu einem kleinen Teil tatsächlich für uns Bauern“, wirbt Feßl um Verständnis und Solidarität.

Der weitaus größere Nutzen komme der Allgemeinheit zugute, etwa dem Tourismus, vor allem aber in Form von Natur- und Landschaftsschutz. Feßl bewirtschaftet „mit Leib und Seele“, wie er sagt, einen Bergbauernhof in Edelbach im Windischgarstner Tal (Bez. Kirchdorf). Zudem ist er Bürgermeister und kennt somit die Situation der Almwirtschaft in all ihren Facetten, auch deren Sorgen.

So manche Bauern hören auf

Weil die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe allgemein abnehme, gehe auch der Almauftrieb zurück. Als er 1995 das elterliche Anwesen übernahm, trieben im Ort noch neun Höfe Vieh auf, heute sind es fünf. „Je weniger Betriebe, umso weniger Tiere auf der Alm“, bringt es Feßl auf den Punkt. Zunehmend mangle es auch an Arbeitskräften. Das betreffe weniger Sennerinnen und Senner, sondern Leute mit Erfahrung für Einsätze nach Sturm oder Lawinenabgängen.

Auf den Almen wird es trockener

Der Klimawandel setzt mittlerweile auch den Almen zu. Eine Zeit lang nahm in höheren Lagen das Wachstum aufgrund steigender Temperaturen zu, doch hat sich das zuletzt gedreht. „Bei Hitzeperioden trocknen exponierte Flächen mit geringen Humusauflagen aus“, berichtet Feßl. Er betreibt die Hieslalm auf der Südseite des Großen Pyhrgas, wo er diese Entwicklung beobachtet. Sodann der Wolf. Sein vermehrtes Auftauchen stellt laut Feßl eine neue Bedrohung für die Almwirtschaft dar.

Er spricht sich für Koexistenz aus. Die werde es aber nicht geben, wenn es nicht auch eine Bejagung der Wildtiere gebe, da diese ansonsten jede Scheu verlieren würden. „Würde man sie bejagen, würden sie sich auch vor unseren Herden viel mehr fürchten“, ist Feßl überzeugt. „Wir wollen keine Tierart ausrotten“, versichert er, fordert jedoch ein „Wolfsmanagement“.

Artgerechte Haltung

Schließlich der Mensch. „Wir freuen uns, wenn die Leute zu uns kommen und sehen, was artgerechte Tierhaltung bedeutet“, sagt Feßl. Andererseits habe man speziell in Corona-Zeiten mit einer deutlichen Zunahme an Besuchern zu kämpfen. Allzu oft seien Wege verparkt und für Maschinen aber auch für Einsatzfahrzeuge unpassierbar. Häufig mangle es schlicht am Verständnis für die Natur, etwa wenn Mutterkühe aus Sorge um ihre Kälber aggressiv auf eine vermeintliche Bedrohung durch Hunde reagieren. „Man muss ganz herunten anfangen“, sagt Feßl und meint Lenkungsmaßnahmen gegen den Almansturm.

Aufgrund ihres hohen Stellenwerts – agrarisch, kulturell und auch ökologisch – ist es laut Landesrat Hiegelsberger „mehr als gerechtfertigt, dass wir von der öffentlichen Hand die Almwirtschaft unterstützen“. Pro Jahr fördert Oberösterreich mit 300.000 € zwischen 30 und 60 Almprojekte: Neubau oder Renovierung von Wirtschaftsgebäuden, Wasser- und Energieversorgung, Wegebau, Neuschaffung von Weideflächen durch Rodung.

Als Beispiel präsentierte Hiegelsberger dieser Tage die Hintere Sandlingalm im oberösterreichisch-steirischen Grenzraum. Auf gut 1.200 Meter Seehöhe erstreckt sie sich über 753 Hektar, zwischen Ende Mai und Ende Oktober weiden hier Rinder und Pferde. „Die Almwirtschaft bezieht ihren besonderen Reiz auch aus dem reichen kulturellen Erbe, von der spezifischen Baukultur bis hin zum Brauchtum“, fasst Hiegelsberger zusammen. Traditionelle Almabtriebe, Almfeste und die Erhaltung der Almhütten seien allesamt abhängig von einer aktiven Almwirtschaft. Die gelte es daher im gesamtgesellschaftlichen Interesse zu erhalten.

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