„Wie die Geburt eines Kindes, mit vielen Stunden Arbeit, (...)

© /Robert Maybach

Chronik | Oberösterreich
12/27/2015

Alltag mit Pfeife und Politik

Laila Mirzo hat deutsch-syrische Wurzeln und ist Österreichs einzige Pfeifenbauerin.

Unten locker, oben fest. Mit geübten Fingern stopft Laila Mirzo ihre Pfeife. "Um das zu lernen, braucht man Übung. Sonst raucht die Pfeife vor sich hin, der Tabak brennt auf der Zunge oder geht immer wieder aus."

Diese Übung, die hat Laila Mirzo. Seit ihrem 17. Lebensjahr sind Pfeifen ihre Begleiter. "Mein Papa hat Pfeife geraucht, so bin ich damit in Kontakt gekommen."

Beim Rauchen allein ist es aber nicht geblieben: "Irgendwann kam auch bei mir die Sinnfrage: Was kann ich? Was will ich?" Und da stellte Mirzo fest, dass sie etwas machen wollte, das Bestand hat und bleibt. Die Idee, die Pfeifen selbst zu bauen, erschien am Anfang ungeheuerlich absurd: "Aber ich hatte einen motivierenden Freund, bin dran geblieben, habe bei einem Tischler und einem Pfeifenbauer Rat gesucht." Seit April 2014 hat Laila Mirzo ihre eigene Werkstatt in der Linzer Tabakfabrik.

Der Prozess

Auf der Werkbank wird mit Tischbohrer, Handsäge und Schleifpapier getüftelt, von der Idee bis zur fertigen Pfeife braucht es viele Arbeitsschritte: "Ich beginne üblicherweise mit einer Zeichnung auf dem Stück Holz. Dann bohre ich die Rauch- und die Tabakkammer – das ist der kritischste Teil des ganzen Prozessen – und schleife alles in Form." Damit eine Pfeife entstehen kann, brauche es viel Geduld, körperliche Kraft und Zeit, "aber wenn sie fertig ist, ist es wie die Geburt eines Kindes".

"Holz ist lebendes Material, in jedem Stück kann also eine Herausforderung oder Überraschung stecken", weiß Laila Mirzo aus Erfahrung. Ihre Pfeifen fertigt sie aus Bruyère-Holz, weil es hitzeresistent ist und keinen Eigengeschmack an den Tabak weitergibt (Anfragen, Bestellungen an lailamirzo@gmx.at). Auch dem Pfeifenstammtisch hat Mirzo bei ihrer Ankunft in Linz neues Leben eingehaucht: "Das ist eine tolle Runde, von Jung bis Alt, von jeder sozialen Schicht ist jemand dabei." Es wird politisiert, philosophiert und gemeinsam gepafft. Dass die fröhliche 37-Jährige die einzige Frau beim Stammtisch ist, stört mittlerweile niemanden.

Das Pfeifenbauen bezeichnet die gebürtige Syrerin als ihre Entspannung, die Werkstatt als ihren Rückzugsort: "Wenn ich nach einem stressigen Tag in die Tabakfabrik komme und hier zu arbeiten anfange, finde ich wirklich zur Ruhe."

Die Politik

Zwei Kinder, eine Tochter und ein Sohn, halten Mirzo auf Trab, abgesehen davon arbeitet sie als Trainerin für interkulturelle Kompetenz im arabisch-islamischen Raum (www.interkultur-islam.com). In dieser Funktion hält sie Vorträge und Workshops, der letzte fand kürzlich in der Tabakfabrik zum Thema "Der Islamische Staat und der Bürgerkrieg in Syrien" statt.

Laila Mirzo wuchs mit ihren Eltern in Syrien auf, "direkt auf dem Golan. Dort hatten wir oft Kontakt mit den österreichischen UNO-Soldaten. Vom Major bekamen wir immer Mannerschnitten." 1989 reiste sie mit ihrer Familie nach Bayern aus, weil es in ihrer Heimat politisch zu brisant wurde. Teile ihrer Großfamilie und Freunde leben aber noch heute in Damaskus. "Deswegen interessiert mich jede politische Entwicklung in Syrien brennend."

Mit Literatur, Gesprächen und vielen Insider-Infos bereitet sich Mirzo auf ihre Vorträge vor, derzeit schreibt sie sogar an einem Buch über den Islam – und ist sich der Brisanz dabei durchaus bewusst. "Ich bin mit Argumenten und Hintergrund-Wissen auf Kritik jeder Art vorbereitet."

Die Blickrichtung

Ihre Auftritte beschäftigen sich mit aktuelle Fragen wie "Was ist der IS und was macht ihn so stark?", "Wer sind die Drahtzieher und wer die Profiteure?" und "Welche religiöse Legitimation hat der Islamische Staat?".

Ihren Kindern möchte sie vor allem eines mitgeben: "Dass es viele Richtungen und Möglichkeiten im Leben gibt. Ich möchte sie natürlich mit meinen Werten prägen, aber eher dahin, dass sie ihren eigenen Weg in dieser Welt finden. So habe ich das auch von meinen Eltern mitbekommen."

„Gibt Hoffnung, aber es ist ein langer Weg“

Syrien ist die Arena vieler Stellvertreter-Kriege.“ Wenn Laila Mirzo über ihre Heimat, den IS und aktuelle politischen Entwicklungen erzählt, wird schnell klar: Es handelt sich um ein komplexes Thema. Es gibt nicht den einen Sündenbock und auch nicht die eine Lösung.

Gewalt statt Reform

Begonnen habe alles mit dem Arabischen Frühling 2012. „Auch die Syrer wollten damals mehr Mitsprache und Demokratie und gingen dafür auf die Straße. Assad reagierte aber nicht mit Reformen, sondern mit purer Gewalt.“ Die Opposition und die Freie Syrische Armee fühlten sich damals vom Westen komplett im Stich gelassen, Frustration breitete sich aus. Schon damals flohen viele Menschen, kamen in Flüchtlingslagern in den umliegenden Ländern unter. „Und dann passierte ein großer Fehler. In den Flüchtlingscamps ist es zu massiven Kürzungen gekommen. Der UNHCR und seine Partner benötigten für das Jahr 2015 5,5 Milliarden Dollar, um die Menschen zu versorgen. Tatsächlich ist aber nur ein Viertel der Gelder an das UN-Flüchtlingshilfswerk ausgezahlt worden. Das bedeutete für die Flüchtlinge eine erneute Kürzung der Lebensmittelrationen, kein Geld für Heizöl oder Medikamente. Diese Zustände waren ausschlaggebend für die riesigen Flüchtlingsströme nach Europa. Da hat dann eine Massendynamik eingesetzt“, erklärt Mirzo.

Viele der Flüchtlinge wollen eigentlich zurück in ihre Heimat, „aber wenn alles zerbombt ist, gibt es eben keine Perspektive,“ sagt Mirzo.

Mit allen verhandeln

Auf mögliche Lösungen angesprochen, gibt sich die Expertin verhalten: „Es muss sofort ein Waffenstillstand ausverhandelt werden. Und der Westen muss bereit sein, mit allen zu verhandeln, auch mit Assad, auch mit Vertretern des IS. Sonst wird es hier keinen Fortschritt geben.“

Ihre persönliche Einschätzung sei, dass sich die Konflikte noch über Jahrzehnte ziehen werden und dass danach die Landkarte anders aussehen werde. „Prinzipiell gibt es Hoffnung auf Frieden, aber bis dahin ist es ein langer, steiniger Weg. Vor allem muss man den Menschen in ihrem Heimatland Hoffnung und Alternativen bieten. Wenn Krankenhäuser und Schulen wieder eröffnet werden, wenn ein friedliches Alltagsleben möglich ist, dann wird auch der IS überflüssig. Davon bin ich überzeugt.“