Chronik | Niederösterreich
05.11.2018

Zwentendorf: Der Tag, an dem der Zweifel siegte

5. November 1978: Vor 40 Jahren verhinderten 50,47 Prozent die Inbetriebnahme des AKW.

Zuerst belächelt, dann Vorzeige-Nation. Zuerst Untergangsstimmung bei den Technik-Gläubigen, dann Aufatmen ob der zukunftsweisenden Entscheidung. Was die 50,47 Prozent an Nein-Stimmen gegen die Inbetriebnahme des Atomkraftwerkes in Zwentendorf am 5. November 1978 bedeuteten, wurde erst mit den Atomkatastrophen in Tschernobyl und Fukushima so richtig klar. Zu welcher Zerreißprobe die Volksabstimmung für die Österreicher wurde, können meist nur noch Zeitzeugen wirklich erfassen.

Für Stefan Kastner aus Traismauer bedeutete die Errichtung des AKW einen beruflichen Aufstieg. Er wurde als Leiter der „Siemens KWU Baustelle“ geholt. In seinen Erinnerungen beschreibt er diese besondere Baustelle so: „Alles, was die KWU Bauleitung betreffend Infrastruktur baute, war vom Feinsten. Die Lagerhallen innen asphaltiert, zwischen den Hallen alles asphaltiert, um mit großen Gerät die angelieferten Komponenten gefahrlos abzuladen. Die dazu benötigten Geräte wie Autokran, Unimog, Stapler auf dem neuesten Stand gekauft.“

 

Skepsis

Doch je länger die Arbeiten dauerten, desto mehr schlich sich Skepsis ein. „Als die Proteste gegen AKWs in der BRD begonnen haben, kam immer mehr Personal aus Deutschland nach Zwentendorf, denn viele Baustellen mussten in der BRD einen Baustopp einlegen“, schreibt Kastner. Drei Monate vor der Volksabstimmung wurde der Reaktor noch einem Heißtest unterzogen. Erfolgreich, das AKW war startklar. Was in der Siemens-Bauleitung ausgiebig gefeiert wurde. Dennoch stimmte Kastner gegen die Inbetriebnahme, weil „in mir immer mehr Zweifel“ aufgekommen waren. Für sein Nein hat er in seinen Erinnerungen schließlich drei Gründe niedergeschrieben:

„1. Die Stimmung auf der Baustelle unter den Mitarbeiten drehte. Viele hatten ihre Zweifel an der Sinnhaftigkeit der Atomkraft, obwohl sie mit ihr gutes Geld verdienten. Halbwahrheiten, Gerüchte betreffend Pannen, Unfällen in AKW in der BRD machten die Runde.

2. Die ungeklärte Atommüll-Endlagerung war für mich das wichtigste Argument.

3. Die politische Verknüpfung von Bundeskanzler Bruno Kreisky, bei einem Nein würde er seine politischen Ämter zurücklegen.“

Erika Pluhar erinnert sich

Im Jahr 1978 war die Künstlerin Erika Pluhar – damals als Schauspielerin am Burgtheater engagiert – aktiv in jener Bewegung gewesen, die gegen das Atomkraftwerk Zwentendorf ankämpfte. 40 Jahre später besuchte sie nun erstmals jenen Ort, dessen Inbetriebnahme nur knapp verhindert werden konnte.

Beim Rundgang empfand sie dieses Monument eines betriebsbereiten Kraftwerkes, das nie eingeschaltet worden ist, als einen „bedrückenden Ort“.  Erika Pluhar: „Ich glaube, es ist weltweit  auch das einzige Atomkraftwerk, wo man wirklich herumstiefeln und sich diese Schrecklichkeit anschauen kann. Es war ein wirklich bestürzender Eindruck.“

 

Durch die Anlage begleitete  sie EVN-Pressesprecher Stefan Zach, der derzeit fast täglich mehrere Führungen betreut. „Wir waren da oben, der Blick in den Reaktor hinunter. Ich bin auch dort gesessen, wo dann einer auf das Knopferl gedrückt hätte. Ich habe mich hingesetzt und gedacht: Unglaublich, man sitzt da wie Menschen, die glauben, dass sie etwas Menschliches vor sich haben, das sie  kontrollieren können, das ihnen untertan ist“, erinnert sich Pluhar. Dann sind  Tschernobyl und Fukushima gefolgt. „Knapp nach der Abstimmung hat man ja Österreich ein bisschen belächelt. Aber gleich nach Tschernobyl war das Lächeln vorbei. Da hat man uns bewundert.“

Dass die Volksabstimmung 1978 vielfach zu einem Votum für oder gegen SPÖ-Bundeskanzler Bruno Kreisky umfunktioniert worden ist, hatte sie nicht beeinflusst. „Ich war eine große Befürworterin von Bruno Kreisky. Aber als es um das Atomkraftwerk ging, war mein Widerstand genauso da, wie bei allen Menschen um mich herum.“ Und: „Damals hat man gegen eine berechtigte Bedrohung gekämpft.“


Was Pluhar im Rückblick Kreisky  aber hoch anrechnet: „Er hat keinen Rückzieher gemacht und gesagt, das war die Volksabstimmung und ich mache es trotzdem.  Was heutzutage auch passiert. Er hat die Volksabstimmung ernst genommen und dieses sehr teure Projekt stillgelegt.“