Chronik | Niederösterreich
25.03.2018

Zuzug ins Wiener Umland: Der Preis für das Wachstum

Mit den Zuzüglern kommen auf die Gemeinden auch hohe Kosten und Herausforderungen zu

Klausen-Leopoldsdorf liegt im Wienerwald im Bezirk Baden. 1666 Menschen lebten 2017 dort. Das klingt nicht nach viel. Um die Jahrtausendwende waren es aber 1386 – um 20 Prozent weniger. Die Gemeinde gilt als Geheimtipp unter Wohnungssuchenden, die ins Wiener Umland wollen. Auch der Nachbarort Alland ist seit 2011 um acht Prozent auf knapp 2800 Einwohner gewachsen.

Wohnen im „Speckgürtel“ wird teurer, die Wohnungssuchenden ziehen immer weitere Kreise rund um die Bundeshauptstadt (siehe Zusatzbericht) . Über die nahe Außenringautobahn (A21) ist man ja rasch in der City.

Die Herausforderungen, die mit dem Wachstum einhergehen, sind für die Kommunen enorm. „In den vergangenen Jahren wurden 280 Wohnungen gebaut“, sagt Klausen-Leopolds Bürgermeister Herbert Lameraner (ÖVP). „Das tut mir natürlich weh, bei der Infrastruktur.“ Denn die neuen Bürger brauchen auch Kindergärten, Schulen und Parkflächen. Vor wenigen Jahren wurde die Volksschule neu gebaut. Vier Klassen gibt es jetzt statt wie bisher eine. Früher gab es 25 Kinder, jetzt sind es 66.

Kein Lebensmittelpunkt

Über einen weiteren Effekt wird nicht gerne geredet. Denn viele Zuzügler wohnen zwar in den Gemeinden. Ihre Lebensmittelpunkte liegen aber oft woanders. Trotz boomender Orte fehlt Vereinen der Nachwuchs.

„Bis sich jemand in die Gesellschaft integriert, braucht es eine Generation“, sagt Lameraner. Kürzlich machten Feuerwehren der Region Purkersdorf darauf aufmerksam, dass Mitglieder meist außerhalb des Ortes wohnen und es zu Engpässen bei Einsätzen kommen könnte. Ganz so dramatisch sieht es Badens Bezirksfeuerwehrkommandant Anton Kerschbaumer nicht, man sei im Bezirk mit 34 Jugendmannschaften gut aufgestellt. Aber auch er bemerkt, dass es schwieriger wird, Nachwuchs zu finden.

Dazu kommt, dass gerade in die Umlandgemeinden aufgrund der hohen Preise eher wohlhabende Familien zuziehen. Die soziale Durchmischung gerät aus dem Lot, die Gemeinden können schwerer planen. So fehlt in Mödling im Herbst etwa eine ganze Volksschulklasse. Nicht, weil die Kinder nicht da wären, sondern weil sie in private Schulen geschickt werden.

In Alland, zu dessen Schulsprengel Klausen-Leopoldsdorf gehört, ist die Neue Mittelschule, obwohl hervorragend geführt, unter Druck. In den vergangenen Jahren gingen die Schülerzahlen zurück. Viele Kinder aus den Orten besuchen stattdessen das Sacré Coeur Pressbaum oder Gymnasien in Tullnerbach und Mödling. Das sei ein gesellschaftlicher Trend, erklärt der Allander Ortschef Ludwig Köck ( ÖVP). Zudem gebe es geburtenschwache Jahrgänge. Die Kommunen stehen trotzdem vor der Herausforderungen, die 40 Jahre alte Schule, deren Schülerzahlen sinken, zu sanieren.

Häusbauer: Im erweiterten Speckgürtel baut es sich derzeit am besten

Der günstige Norden. Es muss nicht immer Baden oder Mödling sein – denn das Argument, dass die gefühlte Nähe zu Wien durch die A2 größer sei, ist spätestens seit der Eröffnung des neuen Abschnitts der Nordautobahn passe. Der KURIER hat einen jungen Mann getroffen, der im erweiterten Speckgürtel gerade an seinen eigenen vier Wänden baut. Diese Entscheidung hat mehrere Gründe.

Max H. baut sein Haus in Ulrichskirchen im Bezirk Mistelbach. „Ich bin hier aufgewachsen und daher war  es naheliegend, hier zu bauen“, sagt der 35-Jährige. Das sei aber nicht der einzige Grund. Auch in Wien zu leben, wäre für ihn interessant gewesen. Die Preise für Eigentum sind aber zu hoch: „Ich zahle in Wien für eine mittelgroße Wohnung zirka genauso viel, wie für den Kredit für ein Haus am Land.“

Das Leben in Ulrichskirchen bedeute außerdem keineswegs den  Verzicht auf Urbanität. „Wenn wenig Verkehr ist, fahre ich 25 Minuten bis in die Wiener Innenstadt. Und auch die S-Bahn braucht nicht lange. Das ist natürlich  schon sehr angenehm“, sagt der junge Bauherr.

Mit dieser Meinung geht der Niederösterreicher auch mit  Experten konform. Georg Edlauer ist Obmann des Fachverbands der Immobilien- und Vermögenstreuhänder der WKO sowie der WKNÖ und Immobilienmakler. Er sieht in Städten wie Korneuburg, Stockerau, Klosterneuburg und Mödling den Preis-Plafond erreicht: „Dort sind die Preise in den vergangenen zehn Jahren so stark gestiegen, dass die Wohnungssuchenden ihren Suchradius erweitern. Nicht nur  Mistelbach, sondern auch Krems, Tulln und  St. Pölten  sind nun viel stärker im Fokus, weil die Erreichbarkeit besser geworden ist“, sagt Edlauer.

Mehr Druck auf  Umland Im Südosten sei laut dem Experten  vor allem im Raum Schwechat bis nach Bruck/Leitha die Nachfrage gestiegen, der Trend ist auch im Weinviertel bemerkbar: „Überall dort, wo die Infrastruktur und die Anbindung gut ist.“ Er geht davon aus, dass die Preise im Umland weiter steigen werden.
Ausnahme ist der direkte Speckgürtel: Hier seien Preissteigerungen nicht mehr durch die Bank feststellbar, weil die Preise nicht mehr lukrierbar seien. Generell sei es nur durch Ankurbelung des Wohnbaus möglich, dem Preissteigerungs-Trend entgegenzuwirken.

Der  Druck ins Umland wird zudem anhalten, da Wien einen Wohnungsfehlbestand von  14.000 Wohnungen hat, pro Jahr  aber nur 4000 bis 5000 dazukommen.