Bürger sollen sich über die Flaggen beschwert haben. Derzeit hängen aber nur wenige

© /Katharina Zach

Offener Brief
07/23/2016

Wr. Neustadt: Türkische Flaggen unerwünscht

Bürgermeister fordert Betroffene auf, die Fahnen unverzüglich zu entfernen.

von Katharina Zach

In einem offenen Brief fordert Wiener Neustadts Bürgermeister Klaus Schneeberger, ÖVP, Betroffene auf, türkische Flaggen von Balkonen und Fenstern abzuhängen. "Es haben sich bei uns schon Bürger beschwert. Deswegen haben wir uns das angeschaut", erklärt Matthias Zauner, Pressesprecher von Stadtchef Schneeberger. Stein des Anstoßes: Türkische Fahnen, die manche Bewohner nach dem Putschversuch in der Türkei gehisst hatten.

"Wr. Neustadt ist eine weltoffene, tolerante Stadt", schreibt Schneeberger. Es brauche aber ein Bekenntnis zur Stadt, hält der Bürgermeister fest. "Dieses Bekenntnis setzt voraus, dass die derzeitigen Entwicklungen in der Türkei nicht durch Symbole, wie türkische Fahnen auf Privathäusern, mitten in unsere Stadt gebracht werden. Ich fordere daher alle auf, die ihre Häuser bzw. Balkone mit türkischen Fahnen beflaggt haben, diese unverzüglich zu entfernen... Wer sich nicht zu Wiener Neustadt bekennt, hat in unserer Stadt auch keinen Platz." Der Brief wird nun den türkischen Vereinen in der Stadt zugestellt, mit dem Ersuchen, sich von derartigen Aktivitäten zu distanzieren und die Mitglieder aufzufordern, diese zu unterlassen. Auch den Wohnbaugenossenschaften wird er zur Verfügung gestellt.

"Ich finde das Aufhängen der Fahnen nicht okay. Wenn das kein politisches Zeichen ist, was sonst", sagt Martin P. "Wir hängen ja auch nicht alle Österreich-Fahnen aus dem Fenster." P. lebt in einer Siedlung mit hohem Migrantenanteil, um die Ecke räumt gerade eine Familie den Kofferraum für den Türkei-Urlaub voll. Beim Lokalaugenschein sind allerdings nur sehr wenige Fahnen zu sehen. "Die sind schon wieder weg". meint P. Er selbst habe vergangene Woche jedoch noch zahlreiche Flaggen gezählt.

Aufregung unter den Bewohnern gibt es bei einem KURIER-Lokalaugenschein aber keine. Viele haben von der Problematik sogar gar nichts mitbekommen. "Mich stört das nicht", sagt etwa Reinhard Kadlec, Ex-SPÖ-Bezirksparteisekretär. "Zu einem Land, aus dem man herkommt, hat man immer einen engen Bezug."

Anrainerin Dülber K. hingen findet das Schreiben Schneebergers vermessen. Mit einer Freundin hat sie es sich im Grünen gemütlich gemacht. Neben den beiden spielen Kinder. "Das geht doch niemanden etwas an", sagt sie. "Die Fahne hat mit der Politik nichts zu tun. Ich bin einfach stolz auf mein Land." Hätte sie Flaggen zu Hause, würde sie aus jedem Fenster welche hängen, erklärt K., die seit 1984 in Österreich lebt. "Für die Politik interessiere ich mich aber nicht."

"Privatsache"

Auch bei den türkischen Vereinen gibt es Freitagnachmittag Verwunderung. Fevzi Demir, Chef des Integrationsvereins "Havas", erfuhr in der Türkei vom KURIER von dem Brief. "Das finde ich nicht korrekt", sagt er nur. "Das ist eine private Angelegenheit." Es gäbe auch Leute, die in der Türkei die Österreich-Fahne gehisst haben.

Der offene Brief im Wortlaut

Sehr geehrte Damen und Herren!

Wiener Neustadt ist eine weltoffene, tolerante Stadt. Aufgrund des hohen Zuzugs von Migrantinnen und Migranten ist jedoch die Frage der Integration eine der größten Herausforderungen unserer Zeit. Damit Zusammenleben funktionieren kann, bedarf es des Zugehens der unterschiedlichen Kulturen, Religionen und Volksgruppen aufeinander. Dieser Dialog soll gegenseitiges Verständnis und Respekt erzielen, er darf aber nicht dazu führen, dass die in Wiener Neustadt jahrzehntelang gelebten Traditionen und Werte verloren gehen. Ganz im Gegenteil. Gerade in unsicheren Zeiten, ist es notwendig aus den Lehren der Vergangenheit die Gegenwart zu verstehen und die Zukunft zu gestalten.

Dafür bedarf es zweier Grundvoraussetzungen: Einerseits die deutsche Sprache als Basis der Verständigung. Andererseits ein Bekenntnis zur Stadt Wiener Neustadt. Einer Stadt, die nach dem Zweiten Weltkrieg und der fast völligen Zerstörung von mutigen Frauen und Männern wieder aufgebaut wurde. Einer Stadt, die sich zu einem attraktiven Wohn-, Arbeits-, Bildungs-, Kultur-, Gesundheits-, Forschungs- und Wissenschaftsstandort entwickelt hat. Einer Stadt, die mutig die Herausforderungen anpackt, um Weiterentwicklung möglich zu machen.

Dieses Bekenntnis setzt voraus, dass die derzeitigen Entwicklungen in der Türkei nicht durch Symbole, wie türkische Fahnen auf Privathäusern, mitten in unsere Stadt gebracht werden. Ich fordere daher alle auf, die ihre Häuser bzw. Balkone mit türkischen Fahnen beflaggt haben, diese unverzüglich zu entfernen. In Wiener Neustadt geht es nicht um innenpolitische Fragen der Türkei, sondern darum, wie wir unsere Stadt wieder auf die Überholspur führen. Um dieses Ziel zu erreichen, braucht es das Bekenntnis zu Wiener Neustadt. Dieses Bekenntnis fordere ich von allen, die hier leben, ganz egal ob sie immer schon hier wohnen oder woher auch immer sie zugezogen sind, ein. Wer sich nicht zu Wiener Neustadt bekennt, hat in unserer Stadt auch keinen Platz. Genauso wie türkische Fahnen abseits von sportlichen Großereignissen.

Beste Grüße

Mag. Klaus Schneeberger

Bürgermeister

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