Windkraft: Düstere Prognosen nach dem Boom

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Foto: KURIER/Jürgen Zahrl  

Ausbau stagniert, erste Windräder werden als unrentabel abgebaut, Branche hofft auf neues Gesetz.


Geht der Windkraft die Puste aus? Nach Jahren des Wachstums, stagniert der Ausbau 2016. Erstmals seit Jahren werden weniger neue Windräder errichtet als im Jahr zuvor. Ältere Anlagen werden, wie angekündigt, als unrentabel abgebaut.

Kritiker fühlen sich durch die aktuelle Entwicklung bestätigt, die Branche fordert hingegen neue Fördermodelle. "Es braucht dringend stabile und vorhersehbare Rahmenbedingungen für den Ausbau erneuerbarer Energie", fordert etwa Stefan Moidl, Geschäftsführer der IG Windkraft. Nur mit Windenergie sei das bundesweite Ziel von 100 Prozent Strom aus erneuerbarer Energie bis 2030 zu schaffen.

Warteschleife

Stefan Moidl, Geschäftfsführer IG Windkraft… Foto: /IG Windkraft Stefan Moidl: „Brauchen stabile Rahmenbedingungen“ Niederösterreich ist das Windkraft-Kernland. Die Zahl der neu errichteten Windkraft-Anlagen stieg in den vergangenen Jahren stetig an. 2010 waren es lediglich acht neue Windräder, 2013 schon 46 und im Vorjahr schließlich 96 – heuer sinkt die Zahl der Neuerrichtungen mit 72 Großanlagen erstmals wieder.

"Wir haben 17 bewilligte Kraftwerke, die wir sofort bauen könnten. Elf können frühestens 2018 umgesetzt werden", ärgert sich etwa Martin Steininger, Geschäftsführer der Windkraft Simonsfeld. Sechs Windräder, die man errichten wollte, hätten derzeit gar keine Perspektive. Schuld sei das Ökostromgesetz – also jene Norm, die 2012 den Boom erst ausgelöst hat. Das Fördersystem lässt vom Gesamtkuchen weniger, je tiefer der Strompreis fällt. 220 Windräder sind bei der Abwicklungsstelle für Ökostrom, kurz OeMAG genannt, in der Warteschleife, rund die Hälfte hat laut IG Windkraft keine Aussicht auf Umsetzung. Der Grund dafür: Die Anträge verfallen nach drei Jahren. Die geringen Einspeistarife und die gestiegenen Kosten haben zuletzt auch dazu geführt, dass die ersten Windräder in Niederösterreich abgedreht und verkauft wurden. Betroffen sind mehrere Anlagen von Windkraft-Pionieren in Eckartsau und Groißenbrunn, beide im Bezirk Gänserndorf. "Schade ist, dass diese Standorte aufgrund der neuen Rechtslage in Niederösterreich für immer verloren sind", bedauert Martin Fliegenschnee, Specher der IG Windkraft.

Um mit seiner bekannten Windanlage in Lichtenegg, Bezirk Wiener Neustadt-Land, wirtschaftlich über die Runden zu kommen, hat Peter Ramharter, Geschäftsführer des regionalen Erzeugers "Bucklige Welt Wind", eine andere Lösung gefunden. "Wir haben unseren Vertrag mit der OeMAG gekündigt, weil wir keine erhöhten Einspeistarife mehr erhalten haben. Zuletzt wurden nur noch 1,61 Cent pro Kilowattstunde ausbezahlt", erklärt Ramharter. Zu wenig, um im Normalbetrieb damit zu leben. Beim regionalen Stromvermarkter "Next Kraftwerke" bekommt er laut eigenen Angaben nun fast das Doppelte. "Gleichzeitig arbeiten wir an Modellen für eine direkte Vermarktung", erklärt Ramharter.

Die WEB-Windenergie mit Sitz in Pfaffenschlag, Bezirk Waidhofen/Thaya, geht einen ähnlichen Weg, speist ihren Ökostrom aber gleich in das deutsche Netz ein. Der Grund: "Aufgrund genauerer Windvorhersagen und Fahrpläne sind die Ausgleichsenergie-Kosten in Deutschland weit geringer. Dadurch ergibt sich ein höherer Einspeistarif", erklärt Frank Dumaier, technische Direktor der WEB-Windenergie. Vier weitere Anlagenbetreiber aus NÖ hat er mit ins Boot genommen, um mit dem Umweg über Deutschland mehr Geld zu erzielen. "Lieber wäre uns natürlich eine regionale Lösung", sagt Dumaier.

Gemeingefährdung

Peter Ramharter, Geschäftsführer der Bucklige Welt… Foto: KURIER/Matthias Hofer Ramharter wechselte Vermarkter und kassiert fast das Doppelte Des einen Leid ist freilich des anderen Freud – speziell bei einem Thema, das wie die Windkraft polarisiert. Sind die mächtigen Rotorblätter für die Befürworter sichtbare Zeichen der grünen Wende, sehen die Kritiker eine Zerstörung von Naherholungsgebieten. Ja sogar eine Gemeingefährdung – Stichwort Infraschall. Christian Lenz ist einer dieser Gegner. Seit zwei Jahren bekämpft er einen Windpark in Ebreichsdorf, Bezirk Baden. "Es wurde in den vergangenen Jahren einfach übertrieben. Es geht doch nur darum, dass ein paar wenige Unternehmen Geld machen – und das tun sie zulasten Tausender", meint er und sieht sich durch die Diskussion um das Ökostromgesetz bestätigt.

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(kurier) Erstellt am
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