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Reform
03/29/2014

Widerstand bei Gläubigen

In den Pfarren macht sich wegen der geplanten "Pfarre neu" Verunsicherung breit.

von Peter Gruber

Es war eine traurige Prozession. Vor wenigen Wochen zogen in Wien-Ottakring Gläubige nach dem letzten katholischen Gottesdienst in ihrer Pfarrkirche Neulerchenfeld in Richtung Maria Namen, ihrer neuen "Heimat". Die bisherige wird der serbisch-orthodoxen Kirche übergeben. Es war ein schwerer Gang – und einer, der auch Katholiken in Niederösterreich Sorgen bereitet.

659 Pfarren gibt es derzeit im niederösterreichischen Gebiet der Erzdiözese Wien, also im Wein- und Industrieviertel. Auch sie sind betroffen von der umfassenden Strukturreform, die unter dem Titel "Pfarre neu" bis 2022 umgesetzt sein soll. Die zuletzt kolportierte Zahl von bloß 300 Pfarren, die am Ende übrig bleiben sollen, wurde seitens der Erzdiözese zwar dementiert. Auch seien Kirchenschließungen derzeit kein Thema. "Veränderungen verunsichern aber immer", erklärt Michael Prüller, Sprecher der Erzdiözese.

Verwaltungsreform

Und Veränderungen wird es auch in Niederösterreich geben. Vereinfacht sieht die Reform vor, dass drei bis fünf derzeitige Pfarren in Zukunft eine große Pfarre bilden: die sogenannte Pfarre neu. Statt zum Beispiel vier Pfarrkirchen gibt es dann nur noch eine, die restlichen werden zu Filialkirchen – mit eingeschränkten Rechten. Derzeit schon bestehende Seelsorgeräume sind eine – freiwillige –Vorstufe für die Pfarre neu. "Es geht um eine Verwaltungsreform, nicht um eine geistliche", erklärt Prüller.

Die gut gemeinte Idee: Mehrere Priester können in einer größeren Pfarre zusammenarbeiten und so ihre jeweiligen Talente besser entfalten. Durch die Entlastung von Verwaltungsaufgaben sollen schließlich sogar mehr Priester für die Seelsorge zur Verfügung stehen. "Mancher ist vielleicht der bessere Jugendseelsorger, der andere besser im Umgang mit dem Pfarrgemeinderat", erklärt Prüller.

Verunsicherung

Profitieren letztlich also die Gläubigen? Zweifel bleiben – etwa in Kottingbrunn im Bezirk Baden, wo beim KURIER-Lokalaugenschein am "Suppentag" Pfarrer Walter Reichel mit seinen Pfarrgemeinderäten Stefan Adrigan, Jürgen Beitel und Gabi Rosenkranz das Thema diskutiert. "Die Verunsicherung ist bei uns natürlich auch da, weil unser Pfarrer nicht jünger wird, und unsere Infrastruktur wohl nicht ausreicht, in der Pfarre neu zu einer Pfarrkirche zu werden", erklärt Adrigan.

Die Befürchtung: Aus betriebswirtschaftlichen Gründen wird der Schwund an Gläubigen, den man eigentlich aufhalten will, noch beschleunigt. Zwar würden die Filialen weiter "bespielt", identitätsstiftende Elemente wie die Vorbereitung zur Erstkommunion oder die Firmkurse sollen aber der Pfarrkirche vorbehalten sein. Auch bestehe kein Anspruch der Filialkirchen auf eine Messe jeden Sonntag. "Was ist, wenn es das alles nicht mehr gibt? Das soll den Gläubigenschwund aufhalten?" fragt Beitel. "Es widerspricht ja auch dem Willen des Papstes – er will die Kirche vor Ort."

Wie lebendig diese Kirche vor Ort sein kann, zeigt sich in Kottingbrunn: Drei Messen liest Pfarrer Walter Reichel jeden Sonntag, beim Suppensonntag ist das St.-Florian-Haus neben der Kirche bestens gefüllt. "Die Pfarre ist ein Stück Heimat. Die Menschen sind mit ihr verwurzelt", meint Pfarrer Walter Reichel. Wurzeln, die man nicht abschneiden dürfe, mahnt Rosenkranz: Die Leute sind frustriert uns fragen sich: Wozu zahle ich Kirchenbeitrag, wenn ich gleichzeitig keine Kirche vor Ort habe."

Auflösung kann nicht ausgeschlossen werden

Auch in der Diözese St. Pölten beobachtet man die Wiener Reformpläne zur "Pfarre neu" mit großem Interesse. 423 Pfarren gibt es im Waldviertel und im Mostviertel derzeit – noch. Denn die Symptome sind im Westen Niederösterreichs natürlich keine anderen, als im Osten: Weniger Gläubige und weniger Berufungen. "Die Auflösung oder Zusammenlegung von Pfarren kann für die Zukunft nicht ausgeschlossen werden", erklärt Markus Riccabona, Sprecher der Diözese.

Der Westen Niederösterreichs ist geprägt von Kleinpfarren. So haben So leben in 236 Pfarren weniger als 1.000 Katholiken, in 40 sogar weniger als 300. Zu einer Auflösung ist es bisher aber trotzdem nur einmal gekommen: Die Pfarre Neuhaus im Dekanat Scheibbs zählte zuletzt noch 19 Katholiken und wurde deshalb der Pfarre Lackenhof angegliedert. Wie überall heißt aber auch in der Diözese St. Pölten "Pfarre" nicht gleich "Pfarrer". Rund 20 Priester betreuen derzeit im Wald- und im Weinviertel drei Pfarren, 80 sind für zwei Pfarren zuständig. Die restlichen Pfarren haben ihren eigenen Pfarrer.

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