Chronik | Niederösterreich
15.12.2017

"Werden nicht die Indianer eines Generals"

Die Freiwilligen bei der Feuerwehr – dieses System wird es noch länger geben, sagt deren oberster Landeschef Dietmar Fahrafellner im KURIER-Gespräch.

Die Koalitionsgespräche auf Bundesebene befanden sich diese Woche auf der Zielgeraden. Die NÖ-Feuerwehren blickten dabei auch nach Wien, ob die Sicherheitsarchitektur in Österreich so bleibt oder etwas geändert wird. Der KURIER sprach mit Landesfeuerwehrkommandant Dietmar Fahrafellner über aktuelle Themen.

KURIER: Bei der Katastrophe in Baumgarten gab es diese Woche einen Toten und viele Verletzte. Wie geht man als Freiwilliger mit solchen Ausnahmesituationen um?

Dietmar Fahrafellner: Wir haben damit leider oft zu tun. Da war zuletzt der schwere Verkehrsunfall in Alland mit fünf Toten, Opfer bei Gasexplosionen hat es bei uns auch immer wieder gegeben.

Wie steckt man das weg?

Ereignisse wie in Wilhelmsburg oder St. Pölten haben an der Mannschaft gezehrt. Man hat gemerkt, dass die Burschen psychisch schon sehr angeschlagen waren.

Hat deshalb ein Freiwilliger aufgehört?

Das nicht, aber wir müssen sie nach solchen Einsätzen psychologisch betreuen.

Seit Ihren Anfängen 1982 hat sich vieles verändert. Auch das Klima. Ist der Klimawandel bei Ihnen als Feuerwehr angekommen? Sprich, gibt es mehr Einsätze?

In jedem Fall, wir haben hier eine steigende Tendenz. Was immer mehr auftritt, sind die lokalen Starkregensituationen, die nicht immer gut prognostizierbar sind. Da können Dörfer plötzlich unter Wasser stehen. Das hat es früher nicht gegeben. Im letzten Jahr hatten wir sogar Tornados.

Sie brauchen also auch in Zukunft viele Freiwillige, die möglichst rasch vor Ort sind. Wie schaut es mit der Einsatzbereitschaft aus?

Die Zeiten haben sich geändert. Früher haben wir von der Eisenbahn oder den großen Industriebetrieben immer Leute bekommen. Heute wird jeder Posten genau kalkuliert, sodass es tagsüber nicht automatisch genug Freiwillige gibt.

Wie wollen Sie den Personalstand zukünftig absichern?

Unser Thema ist die Einsatzbereitschaft untertags, die ist schwieriger geworden. Daher sagen wir, wenn Gemeinden Leute einstellen, sollte bei gleicher Qualifikation dem Feuerwehrmann der Vorzug gegeben werden.

Chance auf Umsetzung?

Der Präsident des Gemeindevertreterverbands steht klar dahinter. Beim Land haben wir das Modell, dass Landesbedienstete für Einsätze freigestellt werden, auch bei mir in der Stadt St. Pölten ist das so.

Welche Rolle spielt die Frau in der Feuerwehr?

Bei 98.000 Freiwilligen haben wir bereits mehr als 6000 Frauen, fünf sind Kommandantinnen und es gibt 17 Stellvertreterinnen. Das ist ein Novum in Österreich.

Von einer Parität ist man aber noch weit entfernt.

Bei den den 10- bis 15-Jährigen haben wir bereits ein 30-prozentigen Frauenanteil. Hier findet in den nächsten Jahren eine massive Änderung statt.

Wie schaut es mit der Zusammenarbeit Polizei und Feuerwehr im digitalen Zeitalter aus?

Mit dem Innenministerium sind wir einen neuen Weg gegangen. Schon im Herbst 2018 soll das einheitliche Einsatzleit- und Kommunikationssystem in Betrieb gehen. Damit werden alle Blaulichtorganisationen vernetzt. Wir können uns dann noch rascher austauschen.

Wie lange wird es noch die Feuerwehrsirene geben?

Dieses Alarmsystem brauchen wir für den Zivil- und Katastrophenschutz, weil die Sirenen funktionieren, selbst wenn länger der Strom ausfällt.

Die Sirenenalarmierungen bei Nacht werden seltener.

Viele Feuerwehren sind auf die stille Alarmierung übergegangen. Das kann jeder Kommandant in Eigenverantwortung halten, wie er das für richtig hält.

Oft ist die Feuerwehr der letzte große Zusammenhalt im Dorf. Ist da die Politik gefordert?

Die Politik hat sehr viel getan. Wir sind das einzige Bundesland, wo es für die gesetzmäßig vorgeschriebenen Fahrzeuganschaffungen eine Mehrwertsteuerrückvergütung gibt.

Bei der Registrierkassa gab es für die Feuerwehr eine Sonderregelung. Sind Sie mit der Finanz im Reinen?

Im Großen und Ganzen ja. Wir haben eine 72-Stunden-Regelung für die Feuerwehrveranstaltungen. Was uns noch plagt, ist die extreme Bürokratie bei der Spendenabsetzbarkeit. Ab 1. Jänner müssen wir die Daten sehr aufwendig eingeben.

Sie sind auch Feuerwehrchef in St. Pölten. Wir leicht findet man in einer größeren Stadt Freiwillige?

In den Städten ist das Freizeitangebot immer größer geworden. Daher müssen wir uns als Feuerwehren mehr anstrengen und machen vom Tag der offenen Türe bis hin zu Sicherheitsaktionen sehr viel. Mit den vielen Aktivitäten ist es gelungen, den Jugendstand zu halten.

Ist das freiwillige Feuerwehrwesen auf Dauer haltbar?

Das wird es in dieser Form noch sehr lange geben. Wir haben uns immer an die neuen Herausforderungen angepasst. Wesentlich ist, dass die Kernkompetenzen wie der Katastrophenschutz bei uns liegt.

Da gab es zuletzt Überlegungen, das Bundesheer aufzuwerten. Was spricht für die Feuerwehr?

Wir sind das günstigste System, wir haben in Niederösterreich 6000 Einsatzkräfte, die im Katastrophenfall sehr rasch verfügbar sind.

Aber bei den Hochwasserkatastrophen ist es ohne Bundesheer nicht gegangen.

Wir haben dann ein Problem, wenn ein Einsatz über mehrere Wochen geht. Da hat sich die Zusammenarbeit mit dem Heer sehr bewährt.

Was ist, wenn die Politik eines Tages die Sicherheitsarchitektur verändert und den Katastrophenschutz zum Bundesheer gibt?

Eines werden wir uns sicher nicht gefallen lassen – dass wir die Indianer werden und uns Generäle befehlen. Wir haben bewiesen, dass wir bei In- und Auslandseinsätzen immer sehr rasch verfügbar sind.