Chronik | Niederösterreich
26.07.2017

Wenig Freude mit dem neuen Notfall-System

Mediziner verstehen nicht, warum der bewährte Notarztwagen ersetzt wurde.

Fast vier Wochen nach dem flächendeckenden Ende des klassischen Notarztwagens in NÖ üben Notärzte jetzt erstmals öffentlich Kritik an der neuen Lösung. Die Praxis zeige, dass das neu eingeführte "NEF-Rendezvous-System" mehrere Symptome aufweise. "Alle Befürchtungen sind eingetreten. Das neue System ist eine Verschlechterung für die Patienten", kritisiert Karl Ischovitsch aus Mistelbach, Notarzt seit dem Jahr 1989. Sowohl die Vertreter der Leitstelle "Notruf 144 NÖ" als auch des Roten Kreuzes und der Landespolitik sehen das naturgemäß ganz anders.

Ischovitsch kann nicht verstehen, weshalb "ein bewährtes System ersetzt wurde." Nach einer Umrüstphase von zwei Jahren sind nun bei allen 32 Notarzt-Stützpunkten in Niederösterreich Notarzt-Einsatzfahrzeuge (NEF) anstelle des klassischen Notarztwagens stationiert. Seit 1. Juli eilen landesweit Notärzte in einem eigenen Pkw und Sanitäter für den späteren Transport in einem separaten Rettungswagen zeitgleich zum Patienten. "Alleine im Spital Mistelbach arbeiten 24 Notärzte, die mit dem neuen System keine Freude haben", meint Ischovitsch.

Der Mediziner listet mehrere Schwächen auf: Als NEF komme "das falsche Fahrzeug zum Einsatz", weil "der VW Passat zu geringe Bodenfreiheit besitzt und hängenbleiben kann. Das ist in Korneuburg bei einem Gehsteig schon passiert. Der Tank wurde aufgerissen", weiß Ischovitsch. Zudem sei aus Platzgründen kein zweiter Notfallsanitäter mehr mit an Bord. "Wenn ich beim Patienten im Rettungswagen mitfahre, lenkt mein einziger Notfallsanitäter dahinter den Pkw. Sobald ich Medikamente brauche, müssen wir anhalten, weil sie sich im Wagen dahinter befinden", so der Notarzt.

Ärgernis

Ärgerlich sei auch, dass Patienten – wenn kein Gebäude in der Nähe ist – im Freien behandelt werden müssten, bis der Rettungswagen einlangt.

Ischovitsch glaubt zu wissen, dass dieses System nur eingeführt wurde, weil Notruf 144 NÖ mit dem Notarztwagen viele Fehleinsätze verursacht hätte.

Dem widerspricht Stefan Spielbichler, Sprecher von "Notruf 144 NÖ": "Am System hat sich nichts geändert. Auch früher waren bei einem Notfall ein Rettungsauto und Notarztwagen gleichzeitig im Einsatz. Oft kam es zu keiner Übergabe, weil der Notarztwagen schon bei der Hinfahrt von einem Rettungssanitäter storniert wurde."

Werner Kraut, Landesrettungskommandant beim Roten Kreuz NÖ, kann die Kritik auch nicht nachvollziehen: "Seit vielen Jahren haben wir in Niederösterreich acht NEF-Stützpunkte und damit viel Erfahrung. In anderen Bundesländern gibt es dieses System bereits länger."

Was die Praxis betrifft, sieht er derzeit eine Phase der Veränderung. "Künftig wollen wir mehr Notfallsanitäter auch im Rettungswagen haben. Die Autos sind schon mit allen Halterungen für die Geräte ausgerüstet. Und für die Fahrt ins Spital muss sich das Team ohnehin vorbereiten", sagt Kraut und gibt zu, dass schon andere NEF-Fahrzeugtypen getestet werden. Aus dem Büro des zuständigen Landesrats Maurice Androsch (SPÖ) heißt es: "In den vergangenen zehn Jahren kam es – laut Notruf 144 – kein einziges Mal zu den geschilderten Umständen."