Landesverteidigung: Der Weg aus dem „blinden Fleck“ Europas
Brigadier Reinhard Kraft sprach im Forum Schrattenthal darüber, ob Österreich bei einem Angriff verteidigungsfähig wäre.
„Das Forum Schrattenthal ist ein Ort des Denkens“, mit diesem Satz eröffnete Stefan Schmid, Bürgermeister von Schrattenthal im Bezirk Hollabrunn, den Diskussionsabend im Rathaus. „Unser Thema ist brisant.“ Es drehte sich nämlich alles um die Frage, ob sich Österreich militärisch verteidigen kann, sollte es angegriffen werden.
Die klare Antwort von einem, der es wissen muss: „Nein, Österreich ist derzeit nicht verteidigungsfähig“, sagt Brigadier Reinhard Kraft. Er war sieben Jahre lang Kommandant des Fliegerhorsts in Langenlebarn (Bezirk Tulln). Derzeit ist er Projektleiter der Strategischen Kommunikation im Verteidigungsministerium. Die mangelnde Wehrhaftigkeit Österreichs sei die Auswirkung der Sparpolitik in den vergangenen Jahren: Kasernen hätten gerade einmal so viel Geld bekommen, um ihre Infrastruktur zu erhalten.
Vertrauen in Landesverteidigung
Das habe sich geändert, es werde wieder in die Landesverteidigung investiert, Österreich sei auf dem Weg dorthin, wieder wehrhaft zu werden. „Es braucht Vertrauen in unser Ressort“, appellierte Kraft, der einen Vortrag als Grundlage für die Diskussion hielt.
Als er davon sprach, wann Krieg überhaupt beginne, dass er nur die Fortsetzung politischer Handlungen sei und dass auch er den Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine im Februar 2022 für undenkbar gehalten habe, wurde es mucksmäuschenstill im Rathaussaal.
„Wir haben die Meinungsfreiheit - dafür würde ich die Waffe in die Hand nehmen und sie verteidigen.“
Brigadier
Es stimme nicht, dass die Menschen aus der Vergangenheit nichts gelernt haben, sagt Kraft. „80 Jahre Frieden ist die absolute Ausnahme in der Geschichte. Vorher haben auch wir uns die Schädeln eingehaut“, verdeutlichte der Brigadier. Doch Europa habe gelernt. Innerhalb der EU gebe es klare Regeln, wie Konflikte gelöst werden: auf dem Verhandlungstisch und nicht auf dem Schlachtfeld.
Fakenews als großer Feind unserer Zeit
Dennoch habe sich vieles geändert. „Vor 20 Jahren war man still, wenn man nichts gewusst hat, und hat gelernt“, so Kraft. Heute beobachte er, dass die, die am wenigsten wissen, in den sozialen Medien am lautesten schreien. Darin sieht er eine große Gefahr: Denn heute beeinflusse die Gegenseite, wie andere denken. Durch Fakenews. Das sei gefährlich. „Wir haben Meinungsfreiheit. Dafür würde ich die Waffe in die Hand nehmen. Aber Meinungen sind keine Fakten“, machte der Soldat deutlich.
Verteidigung fängt für Kraft im Kopf an. „Den Rest bau' ma auf", kehrte er zurück zu seinem Ausgangspunkt, dem Bundesheer, das seine Wehrhaftigkeit wieder zurückerlangen will.
Die Diskutanten Herwig Greylinger, Karin Liebhart, Kristina Mandl und Reinhard Kraft (v.l.) sprachen über die Wehrhaftigkeit Österreichs. Julia Frey moderierte die Veranstaltung. Bürgermeister Stefan Schmid zählte zu den Zuhöhrern.
Warum das so wichtig ist, erklärte er während der Diskussion: „Wenn ich in Europa jemanden angreife, um ein Statement abzugeben, wen greife ich dann an?“, fragte er in die Runde. Zur Wahl stehen: Den Stärksten, der zurückschießt. Oder jenes Land, das nicht einmal einem Bündnis angehört und dessen Luftraum komplett ungeschützt ist. „Wir waren am Ende der Welt, jetzt sind wir im Herzen Europas - und ein blinder Fleck bei der Verteidigung des Luftraums“, hält Kraft fest.
„Demokratie ist bei uns nicht verhandelbar“
Kristina Mandl ist Gruppenleiterin im Bildungsministerium, das für die geistige Landesverteidigung zuständig ist. Sie berichtet, dass es ab nächstem Jahr zwei neue Schulfächer geben soll: Medien- und Demokratiebildung. „Damit wollen wir zeigen, dass Demokratie bei uns nicht verhandelbar ist.“
Für Karin Liebhart, sie ist wissenschaftliche Leiterin des Instituts für Konfliktforschung in Wien, ist wichtig, dass Menschen nicht nur in Schwarz und Weiß denken. Und dass sie ertüchtigt werden müssen, um Fakenews zu erkennen.
Diakon Herwig Greylinger aus Schrattenthal macht regelmäßig Hausbesuche. Da bemerke er, dass die ältere Generation Angst vor einem neuerlichen Krieg habe. Die Jüngeren hingegen leben - so sein Eindruck - nach dem Motto: „Wenn Krieg ist, geh ich einfach nicht hin.“
Chance für die EU selbstständig zu werden
Obwohl es aussieht, als würde die Welt aus den Fugen geraten und alle nur darauf blicken, was dem amerikanischen Präsidenten als Nächstes einfällt, sieht Kraft in der Situation eine Chance für die EU: „Sie kann erwachsen und selbstständig werden.“ Er mahnte auch, den Ausspruch „Stell dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin“ zu Ende zu denken. „Dann kommt der Krieg zu dir“, warnt der Brigadier.
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