Volle Lager: Warum es heuer eine Erdäpfel-Premiere gibt

Tausende Tonnen Erdäpfel müssten vernichtet werden, würden die Handelsketten den Verkaufszeitraum für Lagererdäpfel nicht verlängern.
Erdäpfel im Supermarkt

Zusammenfassung

  • Heuer gibt es erstmals eine Überschneidung von Lager- und Frühkartoffeln, da die Lager österreichweit ungewöhnlich voll sind.
  • Der Verkaufszeitraum für Lagererdäpfel wird bis Juni verlängert, um eine Vernichtung großer Mengen zu verhindern.
  • Trotz hoher Qualität der Erdäpfel führt das Überangebot zu finanziellen Verlusten für die Bauern.

Normalerweise ist es spätestens Ende Mai mit den Lagererdäpfeln vorbei und die Frühkartoffeln, die sogenannten Heurigen, ziehen in die Lebensmittelgeschäfte ein. Oft haben die österreichischen Erdäpfelbauern sogar gebangt, dass sie die Versorgung bis in den Mai nicht aufrechterhalten können. Heuer ist es erstmals anders.

„Unsere Lager sind bummvoll.“ Thomas Mattes aus Grund (Bezirk Hollabrunn) formuliert einen sehr ungewöhnlichen Satz für diese Zeit des Jahres. Er ist Geschäftsführer der Erzeugergemeinschaft für Erdäpfel (EZG) aus dem Weinviertel. Mit etwa 100 Bauern und 1.000 Hektar Anbaugebiet für Speisekartoffeln, verteilt über das gesamte Weinviertel, ist die EZG die größte Österreichs. 

In ganz Europa sind die Erdäpfellager voll

Die Lager der Erdäpfelbauern sind europaweit noch so voll, dass der Bestand bis Ende Mai nicht aufgebraucht werden kann, beschreibt Mattes die aktuelle Situation.  

„Die Alternative wäre eine pure Katastrophe. Mehrere Tausend Tonnen Erdäpfel müssten vernichtet werden.“

von Edmund Rauchberger

Obmann der Erzeugergemeinschaft Bauernerdäpfel im Weinviertel

Das Ende des Wonnemonats war in den vergangenen Jahren jener Zeitpunkt, ab dem es in den Handelsketten fast ausschließlich Heurige zu kaufen gab. Darum sind Mattes sowie sein Vorgänger und jetzt EZG-Obmann Edmund Rauchberger aus Aspersdorf froh über den aktuellen Stand der Dinge: „Die österreichischen Handelsketten stehen zu österreichischen Lebensmitteln“, berichtet Rauchberger. 

Verkaufszeitraum verlängert

Konkret bedeutet das, dass der Verkaufszeitraum der älteren Erdäpfel bis Juni verlängert wird. Erstmals werden ältere und heurige Erdäpfel gleichzeitig angeboten.

Eine Mehrzahl der großen Handelsketten habe dem bereits zugestimmt, berichten die Landwirte von den Gesprächen in den vergangenen Wochen. Darüber ist Rauchberger sehr froh, denn „die Alternative wäre eine pure Katastrophe“. Was würde passieren? „Mehrere Tausend Tonnen Erdäpfel müssten vernichtet werden“, erklärt der EZG-Obmann. Denn die Bauern brauchen ihre Lagerhallen für die neue Ernte. Die Menge, die noch gelagert ist, sei zu groß, um in Biogasanlagen verarbeitet zu werden.

Thomas Mattes

Im Lager von Thomas Mattes findet sich die Bernina, die am Ende der Lagerzeit besonders gut schmeckt. 

Die Weinviertler Erdäpfel werden 40 Wochen gelagert, heuer sind es 44. Dennoch: „Das kulinarische Erlebnis ist weiterhin gesichert“, versichert Mattes. Er weiß: „Sie sind heuer besonders gut und immer noch sehr saftig und fest.“ Bei manchen Erdäpfelsorten ist es so wie beim Wein: Sie werden mit der Lagerung besser. Die Qualität sei in dieser Saison top. Die Erdäpfel bestechen mit ihrer tiefgelben Farbe und dem Geschmack. Erdäpfelsalat oder auch Püree, dafür sind sie gemacht. 

Enormer finanzieller Verlust

Da es heuer so viele Erdäpfel gibt, werden sie auf dem normalen Markt zu Erzeugerpreisen verkauft, schildert Rauchberger. Für den einzelnen Bauern bedeutet das mehrere tausend Euro Verlust. „Auf den Hektar gerechnet hat man 6.000 Euro Produktionskosten, aber nur einen Erlös von 2.000 Euro“, rechnet der EZG-Obmann vor. Darum glaubt er, dass viele, die in der vergangenen Saison zusätzlich Erdäpfel angebaut haben, wieder davon abkommen werden. „Denn das kann man sich auf Dauer nicht leisten.“

Warum die „tolle Knolle“ zuletzt so oft angebaut wurde? Viele Landwirte haben die Erdäpfel als Alternative zur Zuckerrübe ausgewählt. Oder weil „in den vergangenen drei Jahren die Situation auf dem Preissektor gut gewesen ist“, nennt Rauchberger einen weiteren Grund. 

Handelsketten bestellen Menge im April

Der aktuelle Marktdruck treffe alle Landwirte, obwohl die EZG ein gutes Vertragssystem mit den Handelspartnern habe, wie der Aspersdorfer betont. So bestellt der Partner im April, bevor die Erdäpfel angebaut werden, die gewünschte Menge vor. So sollen Engpässe oder eine Überproduktion vermieden werden.

Heurige werden später angebaut

„Das hat sich in den vergangenen Jahren wirklich geändert: Der Einkäufer steht wie nie zuvor hinter österreichischen Produkten. Es ist eine echte Partnerschaft“, sagt Rauchberger, dass es nur aufgrund dieses Verständnisses zu der Verlängerung des Verkaufszeitraums für die späten Erdäpfel gekommen ist. Was den Lagerkartoffeln laut Mattes noch in die Karten spiele, sei das Wetter. Durch die Kälte werden die Frühkartoffeln später angebaut, dadurch verschiebt sich die Ernte.

Thomas Mattes Erdäpfel

Die Erdepfälsorte Bernina ist auch nach über 30 Woche Lagerzeit noch taufrisch und eignet sich für jedes Gericht. 

Die EZG setze auf Qualität statt auf Quantität, den Mitgliedern ist wichtig, die Österreicher das ganze Jahr über mit österreichischen Erdäpfeln zu versorgen, wie Rauchberger betont. 

Was Mattes und er gerne forcieren würden, ist die saisonale Sortenpolitik. „Eine Sorte ist nicht zehn Monate lang die beste“, erklärt der Geschäftsführer. So ist zum Beispiel die speckige Bernina jetzt, am Ende der Lagerzeit, eine der besten. Oder auch die festkochende Madeira: „Die bleibt ruhig und fest bis zum Schluss“, kennt Mattes die Eigenschaften der Sorten.

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