Chronik | Niederösterreich
18.06.2018

St. Gabriel: Umzug startete, "Härtefälle" dürfen bleiben

Noch offen, um wie viele Personen es sich im Flüchtlingsheim handelt - erstes Gespräch zwischen Caritas und Land "konstruktiv".

Duhaje K. konnte die letzte Nacht nicht schlafen. „Es geht mir nicht gut, die Caritas ist doch meine Familie“, sagt die Frau aus dem Kosovo, die das Flüchtlingsheim St. Gabriel seit vier Jahren ihr Zuhause nennt. Die von Landesrat Gottfried Waldhäusl (FPÖ) nach einem tödlichen Übergriff unter Bewohnern veranlasste Verlegung der 110 Bewohner setzt ihr zu. „Ich habe wieder Probleme mit meinen Händen“, sagt K. und blickt auf diese hinab, die spastisch gelähmt auf ihrem Schoß liegen.

Die Betroffenheit war am Montag in dem Heim in Maria Enzersdorf, NÖ, groß. Etwa 50 körperlich und psychisch Kranke sowie ihre Angehörigen und 24 Minderjährige wohnen dort. Viele Bewohner befanden sich zuletzt im Ausnahmezustand. Am Vormittag wurden die minderjährigen Flüchtlinge abgeholt, sie ziehen in ein Heim der Österreichischen Jungarbeiterbewegung in Mödling. Alleinstehende Erwachsene wie Duhaje K. haben ihre Koffer bereits gepackt, sie sollen am Dienstag nach Alland in eine Einrichtung der SLC Asylcare verlegt werden. Familien mit schulpflichtigen Kindern sollen Ende Juni umziehen. Auch Unterlagen wurden SLC seitens der Caritas bereits zur Verfügung gestellt und die notwendigen Medikationen durchbesprochen.

Helene Skoric muss mit den Tränen kämpfen, als sie ein letztes Mal das Näh-Café leitet. "Mir liegt viel daran, dass es den Bewohnern gut geht, dass sie gut betreut sind", sagt sie. Seit dem vergangenen Sommer engagiert sie sich. "Es sind viele Freundschaften entstanden." Mitarbeiter nehmen Bewohner in den Arm, der Abschied fällt schwer. "Eine Kollegin hat gemeint, das Vorgehen erinnert sie an den 2. Weltkrieg, wo Menschen einfach fortgebracht werden", sagt eine Mitarbeiterin.

Was die Menschen in den neuen Unterkünften erwartet, ist ungewiss. Duhaje K. etwa, kann die Hände nicht über den Kopf heben. Ob es für sie etwa geeignete Duschmöglichkeiten geben wird, weiß sie nicht. Auch die Jugendlichen hätten die Mitarbeiter mit Fragen bestürmt, berichtet Heimleiter Martin Schelm. Leider habe man die neue Unterkunft im Vorfeld nicht besichtigen dürfen.

Schließung vom Tisch

Doch es gibt nun Hoffnung. Am Montag gab es erstmals ein persönliches Gespräch zwischen Landesrat und Caritas, das beide Seiten als konstruktiv bezeichnen. Waldhäusl erklärte dabei, dass humanitäre Härtefälle, sprich schwer kranke, pflegebedürftige oder behinderte Menschen, in St. Gabriel bleiben dürfen. Für ihn sei stets die Sicherheit der Bewohner und der Anrainer an vorderster Stelle gestanden.

Damit ist die Schließung aus Sicht der Caritas vom Tisch, es gehe nun um eine Verkleinerung.

Um welche Personen und um wie viele es sich bei den Härtefällen handelt, steht aber noch nicht fest. Die Caritas hat dem Land eine Liste übermittelt, auch Duhaje K. steht darauf. „Es sind etliche Menschen in einer vulnerablen Situation, da braucht es eine rasche Klärung“, sagt Caritas-Generalsekretär Klaus Schwertner. Auch ein Betreuungs- und Sicherheitskonzept soll in den nächsten Tagen noch besprochen werden.

Steyler Missionare appellieren an Politik

Zuletzt hatte sich auch das Generalkapitel der Steyler Missionare weltweit mit dem Flüchtlingsheim St. Gabriel solidarisiert. "Wir protestieren entschieden gegen die Verlegung von Minderjährigen, kranken und psychisch beeinträchtigten oder traumatisierten Flüchtlingen von unserem Haus in andere Unterkünfte. Diese Menschen, die wiederholt in ihrem Leben Ortsveränderungen erleiden mussten, brauchen Stabilität und Unterstützung", hieß es. Sie ersuchten Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner (ÖVP) und Landesrat Waldhäusl noch einmal, die Verlegung der Flüchtlinge zu überdenken.

Eine Online-Petition für den Erhalt von St. Gabriel hatten bisher mehr als 12.400 Menschen unterzeichnet.