"Schminken ist etwas sehr Intimes"

Make-up Artist Boris Entrup im KURIER.at-Gespräch über haarige Probleme, Make-up für Männer und kulturelle Lippenstift-Vorlieben.

Boris Entrup - bei Germany's und bei Austria's next Topmodel sorgte er für die Verschönerung der ohnehin schon hübschen Kandidatinnen. Doch der 30-jährige Deutsche mit der wilden Lockenfrisur ist mehr als ein freundlicher Aufputz der Casting-Shows, was seine Position als Head of Make-up bei der Berlin Fashion Week bewies.
Auch sonst ist Entrup als Hair & Make-up Artist derzeit auf der ganzen Welt gefragt, er arbeitet mit internationalen Topmodels und hat inzwischen zwei Bücher über sein Lieblingsthema Make-up verfasst. Keine Frage: der Mann ist beschäftigt.

Im KURIER.at-Interview plaudert Boris Entrup über neue Trends, Enthaarungsprobleme und Make-up für Männer.

KURIER.at: Wie kommt man als Mann dazu, sich für Make-up zu interessieren?
Boris Entrup: Für mich war es wichtig, mit Menschen zu tun zu haben und ich wollte mit den Händen arbeiten. Außerdem hatte ich schon immer eine Affinität zu schönen Dingen.
Ich wollte aber auch Mathematik studieren, habe dann aber gemerkt dass die Zahlen doch nicht so meines sind. Dann hat mich das Hotelgewerbe interessiert da war mir der Anzug "too much" und so habe ich schließlich eine Friseurlehre angefangen, bin bei namhaften Visagisten gelandet und alles nahm seinen Lauf.

Sie sind 30 Jahre alt und schon seit zehn Jahren erfolgreich im Geschäft …
Ja, ich bin sehr ehrgeizig und kenne keine Wochenenden. Aber mir macht mein Job auch viel Spaß. Jemanden zu schminken, ist etwas sehr Privates und Intimes.
Es fasziniert mich, nur die Augenringe wegzumachen und schon verändert man das ganze Gesicht. Es gibt mir viel, wenn man mit dem Make-up das Funkeln in den Augen zum Strahlen bringt, und das gelingt mir eigentlich immer.

Schminken Sie sich selbst auch?
Ich schminke mich nicht für den täglichen Gebrauch, für Fotos allerdings schon. Es darf aber nie zu viel sein. Nicht so wie Marilyn Manson, der darf mehr machen …
Ich liebe Hautstrukturen, die müssen bei Männern und Frauen immer erkennbar bleiben. Kosmetik für den Mann sollte eher Schatten abdecken, da eignen sich Concealer. Auch ein Peeling schadet nicht. Aber immer in Maßen.

Wie ist das, immer mit so schönen Menschen und berühmten Models zu arbeiten?
Irgendwann wird das recht normal. Je professioneller diejenigen sind, mit denen man arbeitet, desto leichter ist es. Aber es ist natürlich schon toll, sich etwa um das Styling der Kronprinzessin von Dänemark zu kümmern. Aber aufgeregt bin ich nicht mehr, es ist eher eine freudige Erregung.

Was ist das wichtigste "Werkzeug" eines Models?
Ein symmetrisches Gesicht. Zum Beispiel ist das eine Ohr sehr oft zwei Zentimeter weiter oben oder unten als das andere. Ich gebe in meinem Buch aber weniger Tipps für Topmodels, sondern zeige wie man Gesichtsformen, ob runde oder herzförmige, ausgleichen kann.

Kurz zu Ihrem neuen Buch: Wie unterscheidet es sich vom Erstlingswerk?
Sehr stark. So werden unter anderem 50 verschiedene Looks und zahlreiche Vorher/Nachher-Bilder gezeigt, ebenso gibt es Tipps wie man mit wenig Make-up tolle Effekte zaubert.
Auch beschreibe ich prägende Stile von Ikonen, von denen jeder ein I-Tüpfelchen in der Geschichte hinterlassen hat. Zum Beispiel eine Marlene Dietrich, sie war grandios. Oder Twiggy - einfach unglaublich. Das sind alles Menschen, welche eine Epoche und Zeit gefärbt haben.

Warum sollte man sich schminken? Kommt wahre Schönheit nicht von innen?

Klar, wahre Schönheit kommt von innen. Vor allem kann man da mit Ernährung viel machen. Aber das Nachhelfen und Weiterentwickeln finde ich in Ordnung. Man kann durch Make-up das Wohlbefinden stärken oder Signale setzen. Ich finde es schön, die Möglichkeit zu haben. Es soll natürlich nicht zu einem Zwang werden, immer drei Schichten Make-up tragen zu müssen. Außerdem ist eine äußere Veränderung immer auch eine innere.

Sie reisen viel - gibt es auf der Welt unterschiedliche Make-up-Vorlieben?
Ja, die österreichische Frau liebt zum Beispiel orangen Lippenstift. Ich weiß nicht warum, aber Zahlen belegen, dass diese Farbe in Österreich am meisten verkauft wird. Deutsche Frauen bevorzugen Rosenholzfarben. Generell orientiere ich mich lieber an europäischen Ländern als etwa an den USA. Die sind mir zu kommerziell. Auch asiatische Länder orientieren sich an Europa.

Welches ist das revolutionärste Beauty-Produkt aller Zeiten?
Die Mascara! Übrigens hat der Chemiker T. L. Williams 1913 die erste Wimperntusche aus Vaseline und Kohlenstaub gemischt. In Folge gründete er dann die Kosmetikfirma Maybelline, der Markenname setzte sich aus dem Vornamen seiner Schwester Mabel und dem Begriff Vaseline zusammen.

Es ist Sommer, Zeit des Rasierens - ein Tipp für sensible Haut?
Man kann die Haut anschließend mit Arnika - aus der Apotheke - beruhigen. Oder Bio-Kamillentee kochen und Kompressen auflegen. Auch gut ist Ringelblumensalbe.
Ich persönlich verwende Heißwachs zum Enthaaren, auch unter den Achseln.

Das klingt sehr schmerzhaft …
Die ersten Male sind heftig, das stimmt. Aber je öfter man das Wachs anwendet, umso weniger schmerzhaft wird es. Außerdem ist die Fläche, anders als auf den Beinen, viel kleiner. Einfach "ritsch" und weg ist es.
Übrigens spielt auch die Tageszeit eine Rolle. Je früher, desto besser. Um 6 Uhr morgens merkt man das Epilieren gar nicht. Fast nicht … Die Haut wird im Laufe des Tages immer sensibler. Probieren Sie es mal aus!

Wie sieht der Make-up-Sommertrend 2009 aus? Und was kommt im Herbst?

Nachdem heuer sehr bunte Kleider in Mode sind, ist das Make-up eher reduziert. Pinke Rougetöne und Mineraltöne sind da ideal. Und für die Lippen Magenta. Mineralprodukte sind überhaupt sehr gut für den Sommer geeignet, da die Haut atmen kann.
Im Herbst ist es vorbei mit dezent. Da kommen krasse, sehr massive Lila- und Blautöne zu roten Lippen. Am besten setzt man dann beides in den Fokus.

Stichwort Germany's next Topmodel. Kritiker sagen, die Casting-Show zeige nicht das wahre Modelleben.
Ach ja… Germany's next Topmodel ist für die Kandidaten vor allem eine große Möglichkeit in komprimierter Form viel zu sehen und zu lernen. Zum Beispiel hatte ich gerade mit Sara (Anm: Gewinnerin von Germany's next Topmodel 2009) ein neunstündiges Shooting. Ein "normaler" Newcomer könnte das nicht durchhalten, aber Sara war auch am Abend noch fröhlich und locker.
Sie ist auf jeden Fall eine würdige Gewinnerin, es macht auch Spaß sie zu schminken. Kräftige Farben, vor allem Grüntöne, sehen sensationell an ihr aus.

Was ist Ihr Lieblings-Make-up?
Mineral Make-up macht einfach Spaß. Ich mag es gerne sehr, sehr, sehr natürlich (lacht).

Was ist die schlimmste Beauty Sünde?
Auf jeden Fall Make-up Ränder oder dunkle Lipliner und dazu ein heller Lippenstift. Aber ich möchte nicht über andere urteilen, wenn es jemandem so gefällt, soll er so herumlaufen.

Wie kann man sich einen Tag im Leben des privaten Boris Entrup vorstellen?
An meinem letzten freien Tag habe ich in meiner Wohnung gearbeitet und Wände gestrichen. Ich war jetzt drei Jahre unterwegs, auf beruflicher Weltreise, und hatte keine Zeit zum Renovieren. Beim Reisen kamen auch einige schöne Dinge, wie eine Lampe aus Shanghai, für die Wohnung zusammen. Ich sammle ja so gerne.

Wie stehen Sie zum Thema Tierversuche in der Kosmetikindustrie?
Finde ich gar nicht gut. Zum Glück werden inzwischen viele Inhaltsstoffe verwendet, die bereits getestet sind und für die keine neuen Tests notwendig sind. Ich finde Tierversuche grausam, man sollte lieber Menschen nehmen, die sich freiwillig dafür zur Verfügung stellen.
Aber da müsste überhaupt einmal auf einer großen Ebene geschaut werden, wie mit der Tierwelt umgegangen wird. Auch unsere Ernährung betreffend, auf diese achte ich sehr. Leider schaffe ich es nicht, Vegetarier zu werden …

Buchtipp: Make-up. Einfach schön aussehen! von Boris Entrup, 272 Seiten, riva Verlag, 24,90 Euro (bei Amazon)

Erstellt am 05.12.2011