Chronik | Niederösterreich
20.01.2018

Rettungsdienste klagen über "Zivi"-Schwund

Die Zahl der Zivildiener geht seit 2014 zurück, immer mehr Plätze bleiben unbesetzt.

Die größten Rettungsorganisationen und Pflegeeinrichtungen in Österreich stecken in einem organisatorischen Dilemma. Sie klagen über einen wachsenden Zivildiener-Engpass und fürchten, dass der Dienstbetrieb demnächst darunter leiden könnte. Vor allem die Frühjahrstermine bereiten große Sorgen.

Während laut Suchabfrage unter www.zivildienst.gv.at beim Roten Kreuz in der Steiermark ab Februar 57 " Zivis" fehlen, sind es in Niederösterreich ab April mehr als 80. Die Statistik zeigt, dass die Zivildienst-Erklärungen und festgestellten Zivildienstpflichtigen seit dem Jahr 2014 jährlich um vier bis sieben Prozent rückläufig sind.

Seit der Verkürzung des Zivildiensts 2006 von zwölf auf neun Monate war jahrelang – bis zum Rekordwert 2014 – ein Boom zum Wehrdienst-Ersatz zu spüren. Bis dahin gab es offenbar einen Zivildiener-Rückstau und Jahr für Jahr mehr Zuweisungen. Daher wurden auch immer mehr Einrichtungen für die Ableistung des Zivildienstes – darunter Umweltorganisationen oder Institutionen für Verkehrssicherheit und Gedenkstättenpflege – zugelassen: Die Zahl stieg zuletzt von 1417 (2014) auf 1632 (2016). Vor 16 Jahren gab es nur halb so viele.

Jetzt zeigt sich: Die Zahl der Zivildienst-Erklärungen (Anträge) geht seit drei Jahren zurück – von 16.957 auf 15.231. Laut Innenministerium sackte die Zahl auch von 2016 auf 2017, wie erste Rohdaten zeigen, auf knapp über 14.000 ab. Als Hauptursache werden geburtenschwache Jahrgänge genannt.

Deshalb verschärft sich das Problem seit Kurzem vor allem im Frühjahr und bei der Rettung. Alleine das österreichische Rote Kreuz benötigt pro Jahr rund 4500, der Samariterbund ungefähr 1600 Zivildiener. Da im ersten Halbjahr keine Schule oder Lehre endet, werden hier die Einrückungstermine viel seltener genutzt. "Bisher haben wir für das Frühjahr 20 bis 30 Plätze aktiv beworben. Heuer sind es mehr als 80", sagt Sonja Kellner, Sprecherin des nö. Roten Kreuzes.

Sorgenfalten

Besorgt ist beispielsweise Sebastian Frank, Bezirksstellenleiter beim Roten Kreuz St. Pölten: "Wir benötigen ab April 14 Zivildiener, um den Dienstbetrieb aufrecht zu erhalten. Derzeit haben wir nicht einmal die Hälfte. Neun Plätze sind noch frei", sagt Frank und hofft auf Kurzentschlossene. Er plagt sich bei der Suche und führt das auf folgende Problematik zurück: "Im Zentralraum suchen unzählige Trägerorganisationen gleichzeitig Zivildiener. Auf dem Land sind es vielleicht zwei oder drei verschiedene Einrichtungen", sagt Frank.

Ähnlich ist die Situation beim Samariterbund. "Österreichweit haben wir 1400 Zivildiener pro Jahr. Der Bedarf liegt bei etwa 1600", sagt Sprecherin Karola Binder. Noch dazu gebe es bei den amtlichen Zuweisungen "oft eine sehr hohe Ausfallsrate und nur eine bedingte Tauglichkeit für den Rettungsdienst – und zwar wegen medizinischer Probleme oder des fehlenden Führerscheins", schildert Binder. Auch Pflegeeinrichtungen – darunter die Caritas Österreich – haben vielerorts mit dem Engpass zu kämpfen.

Beliebtheit

Verschärft wird der Mangel durch die steigende Beliebtheit des Bundesheers. Einerseits sei der Präsenzdienst um drei Monate kürzer als der Zivildienst, andererseits habe eine "Imagekampagne für steigenden Zuspruch gesorgt", sagt Michael Bauer, Sprecher des Verteidigungsministeriums. Heuer würden rund 17.200 Grundwehrdiener zum Heer einberufen werden – Tendenz wieder steigend.

Die zuständige Zivildienst-Serviceagentur (ZISA) sieht die Lage nicht ganz so dramatisch. "Das ist Jammern auf hohem Niveau", sagt ein Zuständiger. Er gibt aber zu, dass es ein "April-Phänomen gibt. In der zweiten Hälfte des Jahres rennen uns die Zivildiener die Türen ein." Die Bedarfsdeckung betrage zwischen 91 und 94 Prozent pro Jahr. Die Zahlen des Innenministeriums zeigen aber auch, dass es 2014 exakt 659 und 2016 mehr als 1000 Zivildiener zu wenig gab.