Hitlergruß im Gefängnis: "Wollte nur einen Schmäh machen"

Nationalsozialistische Geste in der Justizanstalt Hirtenberg: 61-Jähriger will sich damit über Rechtsradikale lustig gemacht haben. Sechs Monate Haft.
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Zu erzählen hat er eine Menge, der 61-Jährige, der sich am Dienstag am Landesgericht Wiener Neustadt wegen nationalsozialistischer Wiederbetätigung verantworten muss. Wie ein Rechtsradikaler wirkt er aber nicht. Auch nicht wie einer jener durchaus nicht wenigen Angeklagten, die es offenbar für eine witzige Idee hielten, Hitler-Bilder, geschmacklose Fotomontagen mit Nazi-Bezug oder das immer wiederkehrende "Eiernockerl-Posting" am 20. April zu verschicken.

Es fällt schwer zu glauben, dass der unscheinbar wirkende Herr in Hemd und adretter Hose deshalb in Handschellen von zwei Justizwachebeamten in den Gerichtssaal geführt wird, weil er gerade eine Haftstrafe wegen absichtlich schwerer Körperverletzung in der Justizanstalt Hirtenberg absitzt. Ursprünglich hatte die Anklage "versuchter Mord" gelautet. "Ja, aber das war ein bisserl übertrieben", sagt der 61-Jährige mit ruhiger Stimme.

Die Geschworenen sahen das wohl ebenso. Sie verurteilten ihn zu dreieinhalb Jahren Gefängnis, nachdem er im Streit einen Mann niedergeschlagen und ihm mehrere Messerstiche versetzt hatte. "Er hat einen Freund angegriffen und ich habe zu spät bemerkt, dass er voll auf Kokain war", erklärt der Angeklagte - obwohl es am Dienstag eigentlich nicht mehr um diesen Fall geht. Vielmehr wirft der Staatsanwalt dem gelernten Fliesenleger nun vor, in Hirtenberg dreimal die rechte Hand zum Hitlergruß erhoben zu haben. "Ja, diesen Gruß mit der Körperhaltung habe ich gemacht, aber das war ja nicht nationalsozialistisch gemeint", rechtfertigt sich der 61-Jährige - und erzählt dann seine Lebensgeschichte.

"Geschichtlich sehr interessiert"

So sei er unter anderem als Sozialarbeiter für die Kinderfreunde tätig gewesen. "Das hat mir sehr gut gefallen. Ich habe dann aber aufgehört, weil sie mich nur behalten wollten, wenn ich SPÖ-Parteimitglied werde. Das wollte ich nicht - aber nicht wegen der SPÖ, sondern weil ich bei keiner Partei Mitglied sein möchte", sagt er. Also machte sich der Mann aus dem südlichen Niederösterreich in seinem erlernten Beruf selbstständig. Zunächst mit Erfolg - letztlich habe eine Scheidung aber auch zum Konkurs des Unternehmens und zum Verlust seines Erbes geführt. Als Fiaker in Wien sei er dann auch nicht glücklich geworden, weil unter den Kollegen rechtsradikale Tendenzen weit verbreitet gewesen seien - und so führte letztlich jene gewalttätige Auseinandersetzung im Sommer 2024 zu seinem aktuellen Gefängnisaufenthalt.

Als er dort im Warteraum des Anstaltsarztes mit einem Mithäftling ins Gespräch kam, habe man sich "allgemein über Geschichte" unterhalten, erinnert sich der 61-Jährige. Denn er sei "generell geschichtlich sehr interessiert". Was er denn über Adolf Hitler denke, will da der vorsitzende Richter wissen. "Der hat alleine den zweiten Weltkrieg verursacht, wo 50 bis 60 Millionen Menschen gestorben sind", antwortet der Angeklagte rasch. Er selbst sei "eher links" im politischen Spektrum einzuordnen, sagt er.

Und der Nationalsozialismus? "Interessiert mich schon seit der Schule, weil unser Lehrer uns beigebracht hat, dass wir nicht nur verstehen sollen, was passiert ist, sondern auch, wie es soweit kommen konnte."

"Wollte einen Blödsinn machen"

Er selbst lehne jedes nationalsozialistische Gedankengut ab. "Haben Sie darüber öfters diskutiert", fragt der Richter nach. "Ja, aber das ist sinnlos, weil diese Leute sehen das sowieso nicht ein", lautet die Antwort. Daher sei er auch als "Hobby-Hundezüchter" mit so manchem Mitglied von Hundevereinen in Konflikt geraten, erzählt der 61-Jährige weiter: "Bei den deutschen Schäferhunden gibt es nicht so wenige Vereine, wo Nationalsozialismus noch praktiziert wird", behauptet er. "Die heben die rechte Hand und sagen: 'So hoch kann mein Hund springen.' Und das habe ich da im Wartezimmer vorgezeigt, weil ich halt einen Blödsinn machen wollte."

"Hat den Schmäh irgendwer verstanden?", will der Vorsitzende kopfschüttelnd wissen. "Ich fürchte nicht", sagt der Angeklagte. "Gelacht hat jedenfalls keiner."

Der Geschworenensenat verurteilt ihn zu sechs weiteren Monaten im Gefängnis - nicht rechtskräftig.

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