Schafschur in Ottenthal: Bürgermeister im Einsatz für die Wolle
Schafchefin Gundi bekommt von Ottenthals Bürgermeister einen Kurzhaarschnitt.
In Ottenthal, einer kleinen Gemeinde im Bezirk Mistelbach nahe der tschechischen Grenze, war Schafescheren angesagt. Man musste nicht unbedingt genau wissen, wo Bürgermeister Herwig Graf lebt, schon beim Einparken war die Aufregung der Schafe deutlich zu hören.
Der Gemeindechef hält sechs Schafe, die als Rasenmäher für den Berg hinter dem Haus fungieren. Rund um die Eisheiligen – 11. bis 15. Mai – geht’s für die Damen zum Friseur. Konkret bedeutet das, dass Graf seine Schermaschine auspackt und seinen Schurz anzieht. Der ist übrigens ein Geschenk jenes Mannes, der die Schafe früher geschoren hat: „Er hat mir gezeigt, wie es geht und ist mit 75 Jahren in Pension gegangen“, erinnert sich Graf.
Wenn die Schafe geschoren werden, rückt die ganze Familie aus: Grafs Mutter Anna hält die Schafe an den Vorderbeinen und hat einen Blick darauf, dass die Frisur der Tiere sitzt; Sohnemann Fabian hält die Schafe an den Hinterläufen, während Herwig Graf die Tiere von der Wolle befreit. Tochter Lena führt Lämmer und Mütter nach der Schur wieder zusammen, denn: „Die Jungen erkennen ihre Mutter ohne die Wolle nicht gleich.“
Die Belohnung nach erfolgreicher Schur.
Das Lämmchen Alberta
Heuer sind es elf Lämmer, die derzeit noch bei den Grafs leben. Das zwölfte sei leider gestorben. Ein Schaf hat sogar Drillinge bekommen und alle kamen durch. Lena ist es, die jedem Tier einen Namen gibt. Ein Lämmchen ist am 2. Mai geboren. „Das ist der Geburtstag vom Opa“, erzählt Lena. Und weil der Opa Albert heißt, wurde das kleine Schaf Alberta genannt.
Das Junge fällt auf: Während die anderen laut schreien, liegt Alberta da und schläft. „Es ist entspannt, wie der Opa“, sagt Ottenthals Altbürgermeister Albert Graf schmunzelnd. Er hielt lange Zeit auf dem Grundstück ebenfalls Schafe, selbst hat er aber nie zur Schermaschine gegriffen. Das schaue er sich lieber nur an.
Die Wolle, die Sonja Graf einsammelt, geht an einen befreundeten Weinbauern nach Wildendürnbach (Bezirk Mistelbach). „Er braucht es für die Weingärten, dann verbeißen sich die Rehe dort nicht“, erklärt Herwig Graf mit der Schermaschine in der Hand. Der intensive Geruch der ungewaschenen Schafwolle schreckt die Wildtiere nämlich ab.
Das Schweigen der Schafe
Manche Schafe lassen die Schur ruhiger über sich ergehen, manche zappeln und schreien – so nennt man das laute und kontinuierliche „Mäh“ der Tiere –, dann wird das Scheren zur Herausforderung. Einige Tiere haben dichteres Fell, da plagt sich Graf, die Schafe müssen länger still halten. Doch er und seine Helfer haben alles unter Kontrolle. „Jetzt kommt die Chefin“, sagt Graf, als er mit seinem Sohn Schafdame Gundi aus dem Stall holt. Sie ist die Letzte, die einen Kurzhaarschnitt erhält.
Begeistert ist sie nicht, auch nicht vom Klauenschneiden, das ebenfalls erledigt wird. Sobald Gundi wieder auf den Beinen sein darf – beim Scheren liegen die Schafe auf dem Rücken –, läuft sie schnell durch den Garten zu ihrer Herde, die Chefin Gundi mit einem lauten „Mäh!“ empfangen.
Als Belohnung gibt’s für die Schafe frischen Klee, den der Bürgermeister vom Feld holt – mit herrlichem Ausblick auf die tschechische Stadt Mikolov. Und plötzlich ist es ganz still, im Graf’schen Garten.
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