Ein Hektar Streit in Oberndorf: Bauland oder Bodenschutz?
In Oberndorf an der Melk soll dieser Acker bald bebaut werden. Das sorgt für Unmut in der Bevölkerung.
Zusammenfassung
- In Oberndorf an der Melk sorgt die geplante Umwidmung von Ackerland in Bauland für Widerstand, obwohl es bereits viele unbebaute Baugrundstücke gibt.
- Der Konflikt steht exemplarisch für das österreichweite Dilemma zwischen Bodenschutz und dem Wunsch der Gemeinden nach mehr Einnahmen durch neue Einwohner und Betriebe.
- Die Diskussion spiegelt größere Probleme wie Flächenverbrauch, fehlende bundesweite Raumordnung und die langfristigen Folgen für Umwelt und Infrastruktur wider.
Am Papier ist es nur ein Hektar Land. Ein unscheinbarer Acker, der am Ortsrand von Oberndorf an der Melk (Bezirk Scheibbs) liegt. „Natürlich geht es hier nur um einen Hektar“, sagt Jakob Drescher. „Aber wenn sich das jede Gemeinde in Niederösterreich denkt, summiert sich das.“
Die Rede ist von neuem Bauland, das die Gemeinde Oberndorf am Ortsrand schaffen will – direkt neben dem Grundstück von Drescher. Doch das ist nicht der einzige Grund, weshalb er 128 Unterschriften gegen die Umwidmung gesammelt hat, die im März an den Gemeinderat übermittelt wurden. Denn die Gemeinde hat bereits gewidmete Baugrundstücke, 90 sogar. Und dennoch hat der Gemeinderat im Frühjahr und Sommer 2024 beschlossen, neue Flächen zur Umwidmung in Bauland anzukaufen.
Kein Einzelfall
„Das ist kein Einzelfall“, sagt der Raumordnungsexperte Arthur Kanonier – und das, obwohl der Bund ja eigentlich den Bodenverbrauch reduzieren will. „Österreichweit gibt es rund 63.000 Hektar unbebautes Bauland.“ Das Problem sei nicht die Menge an gewidmeten Flächen, sondern deren Verfügbarkeit.
Viele Grundstücke bleiben unbebaut, weil Eigentümer sie nicht verkaufen wollen. Für Gemeinden entsteht daraus ein Dilemma: Einerseits gibt es Nachfrage nach Bauplätzen, andererseits fehlen ihnen wirksame Instrumente, um bestehendes Bauland zu mobilisieren. So sei das auch in Oberndorf, bestätigt Bürgermeister Walter Seiberl (ÖVP): „Wir haben in der Vergangenheit versucht, die Grundstücke zu bebauen, mit verschiedenen Zuckerl. Aber das Echo war gleich null.“
Die Karte zeigt die Flächeninanspruchnahme der niederösterreichischen Gemeinden.
Strukturelle Probleme
Argumente, die Drescher nicht gelten lassen will. Er ist überzeugt, dass die bereits bestehenden Flächen mit „Beharrlichkeit und Anreizen“ sehr wohl an Interessenten vermittelt werden könnten. Die Bebauung von neuen Flächen sei hingegen mit jeder Menge Problemen verbunden. „Das Risiko von Hochwasser erhöht sich, landwirtschaftliche Nutzflächen gehen verloren“, zählt er Gegenargumente auf. Neue Siedlungen am Ortsrand würden außerdem Straßen, Leitungen und Versorgungsnetze erfordern, die langfristig hohe Kosten verursachen.
Strukturelle Probleme sieht Drescher im örtlichen Entwicklungskonzept der Gemeinde. „Die Zufahrt unserer Siedlung ist jetzt schon stark verkehrsbelastet, die Bewohner der Nebenstraße fordern bereits Tempo 30“, sagt er. „Außerdem sind die Grundstücke aufgrund ihrer Topografie für eine zeitgemäße Bebauung ungeeignet.“
Finanzen als Treiber
Doch auch die Finanzstrukturen spielen bei Umwidmungen eine wesentliche Rolle, wie Kanonier sagt: Wie viel Geld eine Gemeinde zur Verfügung hat, hängt nämlich von ihrer Einwohnerzahl und der Zahl der Betriebe ab. „Das sind klare Treiber für Flächeninanspruchnahme und Zersiedelung“, sagt Kanonier. Auch in Oberndorf wird das offen angesprochen. In Gemeinderatsunterlagen ist davon die Rede, Firmenansiedlungen zu forcieren, um höhere Einnahmen zu erzielen.
Wer zuzieht, arbeitet und Steuern zahlt, stärke das Gemeindebudget, betont der Bürgermeister. Auf KURIER-Anfrage heißt es aus dem Land Niederösterreich, Bodenwidmung sei „im rechtlichen Rahmen immer möglich“. Gleichzeitig betont das Land, den Flächenverbrauch eindämmen zu wollen.
Gesetz geändert
Die Rechtslage hat sich zuletzt geändert: Seit 1. Jänner 2026 können Grundstücke leichter umgewidmet werden – vorausgesetzt, sie liegen innerhalb der genehmigten Siedlungsgrenzen. Grundlage dafür ist ein örtliches Entwicklungskonzept, das die Gemeinde erstellt, öffentlich auflegt und vom Land genehmigen lassen muss.
Für Drescher ist das der falsche Weg: „Die mögliche Erweiterungsfläche in Oberndorf beträgt laut örtlichem Entwicklungskonzept insgesamt rund 12 Hektar Nettobauland. Man benötigt dann nur noch einen von der Gemeinde bezahlten Sachverständigen, der unterschreibt“, kritisiert er.
Auf Bundesebene gibt es zwar das Ziel, den Bodenverbrauch auf 2,5 Hektar pro Tag zu reduzieren. Zuständig für die Umsetzung sind jedoch die Bundesländer, ein einheitliches Raumordnungsgesetz fehlt. „Der Bund setzt Ziele, hat aber kaum direkte Instrumente zur Umsetzung“, zeigt Kanonier auf. Niederösterreich verbraucht pro Tag 1,9 Hektar Fläche. Und in Oberndorf könnte bald noch ein weiterer Hektar dazukommen – ein Hektar, der eindrucksvoll zeigt, dass in Sachen Raumordnung wohl noch viele Meter gemacht werden müssen.
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