Chronik | Niederösterreich
18.03.2018

NÖ: Die Letzten ihrer Zunft in Österreich

Familie Friedrich aus Groß-Siegharts stellt in liebevoller Handarbeit gestickte Teppiche her.

Ein monotones Rattern ist schon im Stiegenhaus zu hören. Das Geräusch erinnert an eine handelsübliche Nähmaschine. Nur ist das Gerät, wie man später erkennen kann, größer, älter und lauter. Die Maschinen, die in der letzten Teppichstickerei Österreichs im Waldviertel verwendet werden, stammen aus den 1920-er Jahren. "Da es dafür keine Ersatzteile mehr gibt, bin ich dafür zuständig, dass wir einen Nachbau bekommen", erzählt Rudolf Friedrich junior, der das Unternehmen vor drei Jahren von seinem Vater übernommen hat. Die ganze Familie legt großen Wert darauf, dass ihr traditionsreiches Handwerk nicht so schnell ausstirbt.

Im ersten Stock des Schlosses in Groß-Siegharts, Bezirk Waidhofen an der Thaya, befinden sich Ausstellungsräume und Werkstatt des kleinen Familienbetriebs. Juniorchefin Birgit Friedrich steht nahe beim Fenster, damit sie genügend Tageslicht bekommt. Sie spannt eine Spindel mit weißer Wolle in die Maschine, fädelt das Ende durch eine Öse und folgt mit dem beweglichen Stickkopf einem aufgedruckten Muster, das sie zuvor auf das Grundgewebe aufgezeichnet hat. "Meistens kommen die Kunden mit einem eigenen Entwurf zu uns. Aber sie können auch aus unserer großen Kollektion auswählen", sagt Rudolf Friedrich.

Die Arbeit erfordert Geschick, Konzentration und Genauigkeit. "Im ganzen Teppich gibt es keinen einzigen Knoten. Die Wolle bleibt in Form eines U-Hakerls im Gewebe stecken", erklärt die Chefin. Sie benötigt 170.000 Noppen, wie die Wollfäden in der Fachsprache genannt werden, pro Quadratmeter, damit ein flauschiger und strapazierfähiger Teppich entstehen kann. Die Arbeitszeit beträgt für die genannte Fläche zwischen 50 und 60 Stunden. Der Aufwand lohnt sich, denn nach der Fertigstellung hat das Produkt mehrere positive Eigenschaften zu bieten. "Einen Stickteppich hat man ein Leben lang. Er ist schmutzabweisend und pflegeleicht", sagt der Chef. Als Rohstoffe werden nur Naturfasern wie Baumwolle und Leinen verwendet. Preislich will er sich nicht festlegen, weil es bei jedem Auftrag, wie er sagt, auf die Größe, Farben und Gestaltung ankommt.

Ende der Hochblüte

Damit das Handwerk weiterleben kann, hat Rudolf Friedrich senior 1994 vorgesorgt. Bevor das örtliche Teppichwerk, in dem er neben 500 anderen Kollegen bis zuletzt tätig war, geschlossen wurde, kaufte er die Restbestände der Maschinen auf. Gestickt wird seither fast ausschließlich auf Bestellung. Jährlich verlassen ungefähr zehn bis 30 Teppiche das kleine Werk. "Den weitesten Auftrag hatten wir aus den USA. Vor allem die Kunden aus Italien und dem deutschsprachigen Raum schätzen unsere Qualität", erzählt Friedrich.

Während seine Ehefrau hinter der Stickmaschine steht und konzentriert weiterarbeitet, führt er durch den prachtvollen Rittersaal. Hier sind Dutzende Kunstwerke – traditionelle genauso wie abstrakte – zu sehen. Alles Unikate. "Der Kreativität sind fast keine Grenzen gesetzt", sagen die Friedrichs.

Schon jetzt ist die Nachfolge gesichert. Der jüngste Sohn des Paares zeigt Interesse für das Handwerk. "Ich würde den Betrieb gerne weiterführen", sagt Thomas, der fragend zum Papa blickt und eine nickende Bestätigung bekommt.