Leises Erwachen im niederösterreichischen Bärenwald

Die Tierschutzeinrichtung kehrt am 28. März aus der Winterruhe zurück. Der KURIER hat den Bärenwald vorab besucht.
Bär Erich wurde 2010 in Oberösterreich geboren und lebt seit 2015 in Arbesbach.

Als Erster taucht Erich zwischen den Bäumen auf. Bedächtig setzt der massige Bär Tatze für Tatze über den laubbedeckten Waldboden, fast als müsse er sich erst wieder an den Frühling gewöhnen. Sein Kopf wandert von links nach rechts, beobachtet.

Schließlich steuert er auf die Absperrung seines Geheges zu – und auf jene Liegekuhle gleich neben dem Rundweg. „Die muss irgendwie magisch sein“, sagt Tierpflegerin Gerlinde Mairhofer. Sie nimmt sich an diesem Vormittag Zeit, den KURIER durch die Auffangstation zu führen.

Erich sei nicht der erste Bewohner des Geheges, der an dieser vertieften Stelle gerne rastet – trotz der unmittelbaren Nähe zu vorbeispazierenden Gästen. Noch aber ist es still im Bärenwald. Die Anlage befindet sich in Winterruhe, das Besuchsareal bleibt bis Ende März geschlossen. Während sich die Bären in ihre Höhlen zurückziehen, ist Zeit für Reparaturen, Inventur und Planung der kommenden Saison.

Langsames Erwachen aus dem Winterschlaf

Erich hat die vergangenen Monate vorwiegend schlummernd verbracht. Ein wenig ist ihm das noch anzumerken, wenn er den stämmigen Kopf auf einem Baumstumpf ablegt und die Augen schließt. Deutlich wacher ist Mici. Für die Bärin war es der erste Winter in Arbesbach. Seit einer Zahnoperation lebt sie vorerst in einem abgesperrten Bereich, wo sie mit Schmerzmitteln versetztes Obstpüree frisst. Heute steht Birne auf dem Speiseplan.

46-223273611

Mairhofer beobachtet Bärin Mici beim Verspeisen ihres Breis. 

Medikamente so zu verabreichen, dass die Bären sie auch tatsächlich zu sich nehmen, zählt zu Mairhofers Hauptaufgaben in der Tierpflege. „Weil sie einen extrem guten Geruchssinn haben.“

Die hohe Zahl an Arzneien erklärt sich durch das Alter der Bären, hängt aber auch mit den Lebensumständen vor ihrer Zeit in Arbesbach zusammen. Das Areal bewohnen ausschließlich Bären in Not, die nicht artgerecht gehalten wurden.

Eine zweite Chance für fünf Bären

Die Auffangstation wurde 1998 von der Tierschutzorganisation Vier Pfoten gegründet, wie Länderchefin Eva Rosenberg erzählt. In dieser Zeit war es in Österreich legal, als Privatperson Bären zu halten. Vier Pfoten habe sich dafür eingesetzt, die Gesetzeslage zu ändern. In diesem Rahmen beschäftigte sich die Organisation mit der Frage, was mit den privat gehaltenen Bären passieren sollte.

Jedes Tier hat das Recht, auf diesem Planeten zu sein, einen Lebensraum zu haben und seine Gefühle zu zeigen – auch Angst.

von Gerlinde Mairhofer

Tierpflegerin

Aufgrund ihrer Vergangenheit waren die Tiere für Zoos oder ähnliche Einrichtungen eher uninteressant. Unter der damaligen Leitung des Gründers Heli Dungler wurde schließlich entschieden, die Tiere in einer eigens gegründeten Anlage zu betreuen. Für eine Tierschutzorganisation sei das Neuland gewesen, so Rosenberg.

Aktuell leben mit Erich, Mici, Dunbar, Brumca und Felix fünf Bären auf dem 24.000 Quadratmeter großen Areal. Für die Tiere ist die Anlage eine zweite Chance – für Mairhofer gewissermaßen auch. Nach vielen Jahren als Angestellte in einer Baufirma suchte sie 2014 einen Neuanfang. „40 Stunden drinnen sitzen war für mich fast verlorene Zeit“, erinnert sich die Tierpflegerin. Auf gut Glück schickte sie ihre Bewerbung nach Arbesbach, der Rest ist Geschichte.

Im richtigen Abstand

Von Anfang an spürte Mairhofer Respekt „vor diesen großen, imposanten Tieren.“ Dieser hält bis heute an und ist für sie eine Grundvoraussetzung für die Arbeit in der Schutzeinrichtung. „Jedes Tier hat das Recht, auf diesen Planeten zu sein, einen Lebensraum zu haben und seine Gefühle zu zeigen – auch Angst“, findet sie.

Bär Erich wurde 2010 in Oberösterreich geboren und lebt seit 2015 in Arbesbach.

Der Bär namens Erich wurde 2010 in Oberösterreich geboren und lebt seit 2015 in Arbesbach. 

Mairhofer hat 13 Bären betreut, ihre Namen hat sie stets im Hinterkopf. Die Arbeit mit den Tieren scheint für sie mehr als ein Job zu sein. Das ist ihr anzuhören, wenn sie über die Eigenarten ihrer Schützlinge spricht: darüber, dass Erich zwar der kräftigste Bär ist, bei lauten Geräuschen aber schnell Reißaus nimmt. Oder dass die älteste Bewohnerin Brumca verstecktes Futter frisst – allerdings nur an ausgewählten Stellen.

Keine Angst, aber Vorsicht geboten

Angst vor den Bären hat Mairhofer keine, entscheidend sei der richtige Umgang. Bei Fütterung und Medikamentengabe ist dennoch Vorsicht geboten, auch wenn die Bären Menschen gewohnt sind. „Sie sind stark und selbst ihre Neugier könnte einem zum Verhängnis werden“, sagt sie.

Im Laufe des Vormittags zeigen sich fast alle Bewohner, nur Dunbar bleibt verborgen. Sein Gehege liegt abseits der Wege, Begegnungen mit Passanten bedeuten für ihn vor allem Stress. Wer den Bärenwald besucht, muss jedoch Geduld mitbringen.

Aus Rücksicht auf das Tierwohl stehen den Bären Rückzugsmöglichkeiten zur Verfügung. „Wir wollen ja auch nicht immer überall präsent sein“, sagt Mairhofer. Mit etwas Glück und Beharrlichkeit gelingt es ihnen jedoch, die Bären in ihrer naturnahen Umgebung zu beobachten und sie so vielleicht ein wenig besser verstehen zu lernen.

Kommentare