Chronik | Niederösterreich
28.07.2017

Neuer Wohntrend: Die Wiener zieht’s aufs Land

Billige Häuser und teure Großstadt machen Waldviertel zur neuen Boom-Region.

Die Wiener zieht’s aufs Land. Nicht die längst bekannte Sehnsucht nach Sommerfrische, sondern ein viel ernsterer Gedanke ist jüngst dafür verantwortlich. Weil die stetig steigenden Mietkosten in der Bundeshauptstadt und die Grundstückspreise im Speckgürtel für viele kaum noch finanzierbar sind, treibt es Hunderte Wiener als Hauptwohnsitzer ins billige Waldviertel. Alleine im Vorjahr waren unter den fast 6350 Zuzüglern knapp 1500 aus Wien. Diesen Trend spüren auch die regionalen Immobilienmakler. Viele Angebote würden ihnen regelrecht aus den Händen gerissen.

"20 Jahre lang bin ich zwischen Wien und dem Waldviertel hin und her gependelt, um regelmäßig fischen gehen zu können. Die leistbaren Immobilien haben letzten Endes den Ausschlag gegeben, dass ich jetzt seit vier Jahren in Allentsteig lebe", sagt Ex-Wiener Robert Leisser. Durch die Nähe zur Franz-Josefs-Bahn hat er immer noch die Möglichkeit, mit dem öffentlichen Verkehr seine ehemalige Heimat zu besuchen. Er ist aber überzeugt: "In den nächsten Monaten und Jahren werden sicher noch viele Wiener nachfolgen, weil sie sich die hohen Anschaffungskosten in Wien nicht mehr leisten können", sagt Leisser.

Schon zuletzt haben viele der Hauptstadt den Rücken gekehrt, wie eine Studie von Josef Wallenberger (Regionalberatung Wallenberger & Linhard) im Auftrag der Vermittlungsplattform "Wohnen im Waldviertel" zeigt: Seit dem Jahr 2009 sind knapp 11.000 Bewohner aus Wien ins Waldviertel gezogen – ungefähr genauso viele, wie die Gemeinde Zwettl Einwohner hat. Im Durchschnitt sind das mehr als 1330 Wiener pro Jahr. "Die meisten kommen aus dem Bezirk Floridsdorf, gefolgt von der Donaustadt und Favoriten", erklärt Regionalberater Wallenberger.

Erfreulich sei, dass die stärkste Gruppe der Zuzügler im Waldviertel die 25- bis 34-Jährigen sind. "Sie kommen mit ihren Kindern ins Waldviertel, weil sie wissen, dass es hier leistbaren Wohnraum gibt", sagt Wallenberger. Noch müssten viele Erwerbstätige aufgrund ihres Jobs in die Ballungszentren pendeln. Allerdings ist eine baldige Besserung in Sicht. "Da im Waldviertel demnächst rund 30.000 Leute in Pension gehen werden, müssen bald viele Jobs nachbesetzt werden", weiß Wallenberger, der die jüngst positive Wanderbilanz als neue Chance für das Waldviertel sieht. Immerhin sei auch das Bruttoregionalprodukt in der Region zuletzt von 3,9 auf 5,8 Milliarden Euro gestiegen.

Immobilienmarkt

Den Zuzug spüren jedenfalls auch Immobilienmakler. "Wir werden zwar nicht überrannt, aber die Nachfrage ist da. Denn im Gegensatz zum Speckgürtel gibt es bei uns ein schönes Einfamilienhaus bereits um 100.000 Euro", sagt Martin Stangl, Berater bei der "Raiffeisen Waldviertel Immobilienvermittlung". Aufgrund der Bahnanbindung sei etwa Gmünd ein Thema.

Beliebte Zuzugsregionen seien vor allem die Orte um Horn und das Kremser Umland, die bereits zum "erweiterten Wiener Speckgürtel" gehören. "Sobald wir in Gföhl oder Lichtenau ein Angebot haben, wird es unseren Kollegen aus der Hand gerissen", erzählt Eva Hahn-Schachinger, Liegenschaftsbewerterin bei der "sReal Immobilienvermittlung". Denn die Devise lautet offenbar: Viel Grund für wenig Geld.