Raub-Chef stellt sich den brutalsten Fällen
Wenn maskierte Täter nachts in Wohnhäuser eindringen, ihre Opfer fesseln, schlagen und stundenlang quälen, bleiben nicht nur verwüstete Räume zurück – sondern Menschen, die für ihr Leben gezeichnet sind – physisch wie psychisch. Für Gerhard Rücklinger sind es genau diese Fälle, die ihn trotz seiner langen Dienstzeit noch immer bewegen. Es sind die oft brutalen Home Invasions, die den Raubermittlern am meisten kriminalistische Arbeit – und menschliche Standfestigkeit – abverlangen.
Rücklinger ist seit wenigen Tagen der neue Raubchef des NÖ Landeskriminalamtes (LKA). Seit 30 Jahren trägt der 49-Jährige aus dem Bezirk Amstetten eine Dienstmarke – zuerst als Polizist auf der Inspektion in Perchtoldsdorf und seit mittlerweile 20 Jahren als Ermittler im LKA. Kaum eine andere Abteilung spürt den markanten Wandel in der Kriminalitätsentwicklung deutlicher als die Raubgruppe.
Virtuelles Verbrechen
Durch die zunehmende Digitalisierung verlagern sich Delikte immer stärker in den virtuellen Raum und Richtung Wirtschafts- und Cyberkriminalität. Als 2023 als erstes Jahr ganz ohne einen Bankraub in die niederösterreichische Kriminalgeschichte einging, dachten selbst erfahrene Ermittler zunächst an einen einmaligen Ausreißer. Doch dabei blieb es nicht: Auch 2024 und 2025 gab es keinen einzigen Banküberfall mehr im Bundesland. Diese Serie endete erst Ende Jänner 2026, als ein auffallend großer Täter die Raiffeisenbank in Haringsee (Bezirk Gänserndorf) überfiel.
Die Entwicklung kommt nicht von ungefähr, weiß Rücklinger. „Die Banken haben sicherheitstechnisch aufgerüstet. Es gibt viel mehr bargeldlosen Zahlungsverkehr. Und die Strafen für schweren Raub sind hoch, das schreckt natürlich ab“, so der Chefinspektor. Stattdessen ist bei internationalen Tätergruppen das Sprengen oder Knacken von Bankomaten in Mode gekommen. Da diese Taten nach dem Strafgesetzbuch als Einbruch gewertet werden, ist das Strafmaß deutlich geringer.
Im niederschwelligen Bereich – also bei Überfällen, bei denen Jugendgangs etwa Geldbörsen, kleinere Bargeldsummen oder Handys rauben – sind die Fallzahlen nahezu unverändert. Mit der Zunahme der Jugendkriminalität haben sich in manchen Regionen wie St. Pölten, Wiener Neustadt oder im Raum Mödling Hotspots gebildet, meist rund um Bahnhöfe.
Tödliche Verletzungen
Was Rücklinger und seinem knapp zehnköpfigen Team jedoch besonders unter den Nägeln brennt, sind alte, noch ungeklärte Fälle. Einer sticht dabei besonders hervor: eine Home Invasion im Herbst 2021 in Poigen (Bezirk Horn), die sich zu einem Raubmord entwickelte. „Eines der Opfer ist nach der brutalen Tat im Krankenhaus gestorben. So ein Akt wird niemals geschlossen. Wir versuchen alles, um die Sache vielleicht doch noch zu klären“, schildert der zweifache Familienvater.
Immer wieder erschütternd sei die perfide Vorgangsweise solcher Gewalttäter. Die Kriminellen suchen sich dabei bewusst die Schwächsten der Gesellschaft aus – „meist ältere und gebrechliche Menschen“, sagt Rücklinger. In Poigen hatten sechs bewaffnete und vermummte Täter einen 52-jährigen Mann vor dessen Haus überwältigt. Er wurde niedergeschlagen und ins Obergeschoß gezerrt. Auch seine 75-jährige Mutter und sein 81-jähriger Vater wurden misshandelt und mit Kabelbindern gefesselt. Die Bande entkam mit Schmuck und Geld. Tage nach dem Überfall starb der 81-Jährige im Krankenhaus an den Folgen seiner schweren Verletzungen.
Auch einen sehr prominenten Fall haben Rücklinger und sein Team übernommen. Sie sollen den Tod eines 30-jährigen Häftlings der Justizanstalt Hirtenberg klären. Ermittelt wird von der Staatsanwaltschaft Eisenstadt gegen zwölf Justizbeamte wegen des Verdachts der Körperverletzung mit tödlichem Ausgang unter Ausnützung einer Amtsstellung.
Kriminalisten des Jahres
Dass sich der 49-jähriger Chefinspektor auf ein starkes Ermittlerteam verlassen kann, zeigt ein besonderer Award aus Glas. Die Raubgruppe wurde 2025 als „Kriminalisten des Jahres“ ausgezeichnet. Sie konnten im Zeitraum von Dezember 2023 bis Februar 2024 drei brutale Home Invasions sowie einen versuchten Raubmord klären, wobei insgesamt 13 Täter ausgeforscht und zu langjährigen Haftstrafen von fünf bis 16 Jahren Gefängnis verurteilt wurden.
Kommentare