Chronik | Niederösterreich
31.01.2012

Kührer: „Leute glauben, ich bin ein Mörder“

Michael K. wurde als möglicher Mörder von Julia Kührer ins Visier genommen. Der Verdacht veränderte sein Leben.

Michael K. hatte eine Leiche im Keller. Im Juni des Vorjahres stöberte ein Nachbar die Gebeine von Julia Kührer, die damals seit fünf Jahren abgängig gewesen war, in einem Kellergewölbe in Dietmannsdorf (NÖ) auf. Der Besitzer: Michael K. aus Wien, 51 Jahre alt, glückloser Betreiber einer Videothek. Er will Julia nur flüchtig gekannt haben. Ist er ein Mörder?

Staatsanwalt und Ermittler glaubten fest daran. Und viele in Pulkau, Kührers Heimatort, wollten immer schon gewusst haben, dass mit K. etwas nicht stimmen könne. Für den 51-Jährigen hatte der Verdacht Konsequenzen: Er saß zweieinhalb Tage in Haft, sein Konterfei wurde großzügig abgedruckt, Journalisten durchwühlten sein Leben.

Der KURIER sprach mit dem einstigen Haupttatverdächtigen, der zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste, dass am Samstag die Überreste von Julia Kührer zu Grabe getragen werden. „Das war die Hölle“, sagt K. Stundenlang nahmen ihn Kriminalisten ins Kreuzverhör. K. redete sich nicht um Kopf und Kragen, verzichtete während der Verhöre auf einen Anwalt. Und machte den Staatsanwalt auf einen Umstand aufmerksam, der ihn entlastete: Beamte hätten bereits sein Anwesen inspiziert gehabt. Ermittler gaben das zähneknirschend zu. Die Kriminalisten „haben verbissen nach was gesucht, aber nichts gefunden“. Seine einstigen Autos wurden in Osteuropa aufgestöbert und durchsucht. Beweise blieb man schuldig.

Dennoch bekam K. sein altes Leben nicht zurück, sondern führt seitdem jenes eines Verfolgten: „Mich hat das Ganze mitgenommen. Ich habe mich lange nicht mehr rausgetraut und geglaubt, die Leute schauen mich an und glauben, ich bin ein Mörder.“ K. ging davon aus, dass jemand die Leiche des Mädchens in seinem Keller abgelegt habe. „Das kann ja jedem passieren.“ Er will gar nicht daran denken, wie die Geschichte ausgehen hätte können. Lebenslange Haft?

Weiter verdächtig

Ans Wegziehen dachte er nie. „Warum auch? Ich habe ja nichts gemacht.“ Sein Arbeitgeber und seine Partnerin ließen ihn nicht fallen. „Ein anderer Chef haut’ dich raus, dann ist deine Existenz kaputt.“ Seine Bekannten waren weniger solidarisch. „Da hat sich die Spreu vom Weizen getrennt.“ K.: „Ich habe keine Ruhe, bis der Richtige gefunden wird.“ Abschließen kann er mit dem Fall nicht.

Das müssen die Ermittler. K. gilt im Akt weiterhin als Verdächtiger, genau wie der Ex-Freund Julias. „Es gibt zwei namentlich bekannte Tatverdächtige, weshalb auch eine formelle Enderledigung nötig ist“, sagt Friedrich Köhl von der Staatsanwaltschaft Korneuburg. Im Klartext: Entweder es gibt eine Anklage oder das Verfahren wird eingestellt. Einen Trumpf haben die Ermittler noch: Letzte DNA-Spuren aus dem Pkw, die ausgewertet werden. Freilich würde auch ein Treffer nichts beweisen: Die Forensiker konnten nicht mehr klären, ob Julia ermordet wurde.